Sophie Semin, Ehefrau von Peter Handke, spielt die weibliche Hauptrolle.

"Die schönen Tage von Aranjuez"

Wim Wenders neuer Film: Intimes Beziehungsdrama in 3D

Venedig - Wim Wenders stellte seine Verfilmung von Peter Handkes „Die schönen Tage von Aranjuez“ vor, ein stimmungsvolles Werk über die Unterschiede zwischen Mann und Frau.

Update vom 17. Oktober 2016: Darf man 164 Menschen töten, um das Leben von 70.000 Personen zu retten? Darum geht es im Film "Terror", der am Montag in der ARD ausgestrahlt wird. Dabei ist das Urteil der Zuschauer gefragt. Unsere Zeitung erklärt, wie das interaktive TV-Ereignis funktioniert.

Auch mit 71 Jahren bleibt Wim Wenders ein Visionär. Denn während Hollywood gern in bombastischem 3D dreht, um die Effekte in Actionfilmen noch aufregender wirken zu lassen, wählt der deutsche Regisseur nun erneut einen anderen Weg: Beim Festival Venedig zeigte Wenders gestern seine Verfilmung von Peter Handkes Theaterstück „Die schönen Tage von Aranjuez“ – und inszenierte das intime Beziehungsdrama in 3D. Der einzige deutsche Beitrag im diesjährigen Wettbewerb wird so zu einem stimmungsvollen Werk über die Unterschiede von Mann und Frau.

„Dieser Film, ,Die schönen Tage von Aranjuez‘, zeigt meinen Traum von dieser neuen Filmsprache“, sagt Wenders. Nach „Pina“ und „Every Thing will be fine“ habe er bei diesem Werk von Anfang an das Drehen in 3D gedacht. „Ich war mir sehr sicher, dass ich damit in der Lage bin, Charaktere und ihre Geschichten in einen Raum zu stellen, der absolut hyper-realistisch ist und dadurch den Zuschauer so in die Situation hineinversetzt, wie es das zweidimensionale Medium einfach nie konnte.“

Man kommt Schauspielern fast körperlich nah

Tatsächlich ist es ungewohnt, einen solch kammerspielartigen Film in dreidimensionalen Bildern zu sehen. Wenn das namenlose Paar über Beziehungen, Liebe, sexuelle Erfahrungen oder andere große Themen philosophiert, nimmt die Kamera einen mit auf die Veranda mitten in einem üppigen Garten. Die Zuschauer kommen den Darstellern auf diese Weise beinahe physisch nah, und doch ist durch das Räumliche gleichzeitig eine gewisse Distanz spürbar.

Sophie Semin, Ehefrau von Peter Handke, spielt die weibliche Hauptrolle.

Wenders, der hierfür einmal mehr mit seinem langjährigen Freund Peter Handke zusammenarbeitete, gelingt es aber auch, eine wunderbar sommerlich-entspannte Stimmung zu kreieren – was nicht nur am weichen Sonnenlicht liegt. „Die schönen Tage von Aranjuez“ basiert auf einem Theaterstück Handkes, das von den unterschiedlichen Vorstellungen und Wahrnehmungen, die ein Mann und eine Frau vom Leben haben, erzählt. Warum ausgerechnet dieses Stück? „Weil ich das für einen schönen und wichtigen Text halte“, sagt Wenders. „Der Diskurs zwischen Männern und Frauen findet ja kaum statt...“ Handke hatte ihm das Stück schon geschickt, bevor es veröffentlicht wurde, mit der Frage, ob er interessiert sei, das als Uraufführung im Theater zu inszenieren. „Das habe ich mir reiflich überlegt und mich dann entschieden, dass ich dem Text besser gerecht werden könnte, wenn ich ihn draußen in der Natur inszenieren könnte, als Film. Auf einer Bühne, da war ich mir sicher, könnten andere das besser“, erzählt der Regisseur und Fotograf.

Peter Handke spielt einen Gärtner

Und so wurde der Film auf Französisch in einem alten Landhaus nahe Paris gedreht, wo der Wind in den Bäumen und die zwitschernden Vögel genauso zu hören sind wie Lieder, die meist aus einer alten Musikbox kommen: Lou Reeds melancholisches „A perfect Day“ legt sich in der ersten Szene über die Bilder, während etwas später etwa Nick Cave am Piano sitzt und gefühlvoll „Into my Arms“ singt.

Doch nicht nur Peter Handke war Teil des Filmprojekts – er hat selbst einen kleinen Gastauftritt als Gärtner – auch seine Frau Sophie Semin war mit an Bord – sie spielt die weibliche Hauptrolle. Der Autor hatte das Stück damals für Sophie geschrieben. Wenders hat bereits mit ihr gearbeitet, in seinem Teil des Films „Jenseits der Wolken“ von Michelangelo Antonioni.

Einladung nach Venedig sei "lebenswichtig"

Entsprechend familiär ging es am Set zu. „Wir haben wochenlang geprobt, hauptsächlich mit Sophie und Reda Kateb, der die männliche Hauptrolle spielt“, erzählt Wenders. Gearbeitet wurde weitgehend am späteren Drehort: ein altes Landhaus in der Île-de-France, zur Jahrhundertwende von Sarah Bernhardt bewohnt, die auch den Garten selbst geplant hatte. „Das Haus liegt auf einer Anhöhe, dem höchsten Punkt der Île-de-France, und von da aus hat man einen weiten Blick und sieht Paris in der Ebene liegen, mit der Skyline von La Défense und dem Eiffelturm“, schwärmt der 71-Jährige, der neben mehreren anderen internationalen Preisen (Europäischer Filmpreis, Goldene Palm) bereits den Goldenen Löwen in Venedig gewonnen hat. Dass „Die schönen Tage von Aranjuez“ neben den zahlreichen eingereichten Filmen in den Wettbewerb eines der großen Filmfestivals eingeladen wurde, sei für ihn allein schon eine Auszeichnung und gerade für Arthouse-Filme lebenswichtig. Denn: „Hier bekommt jeder Film auf einen Schlag die Aufmerksamkeit einer weltweiten Presse und eines internationalen Publikums, wie es sonst kaum möglich wäre.“

Aliki Nassoufis

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