In die Klassikwelt hineingestolpert: Christian Gerhaher.

Christian Gerhaher: Der Zweifler mit der Weltkarriere

München - Christian Gerhaher, 43, ist ein einzigartiger Sänger: Kein anderer kann derzeit Tiefgründigkeit und Schönheit so verbinden wie er. Doch die Kunst des Münchner Weltklasse- Baritons ist hart erkauft.

Wenn der Trenchcoat Löcher oder Risse bekommen sollte, dürfte es schwierig werden. Denn das betagte Kleidungsstück braucht Christian Gerhaher auf seinem Weg zum Konzertsaal oder ins Opernhaus. So dringend wie zwei funktionierende Stimmbänder. Ob es draußen minus dreißig Grad hat wie einmal in Montréal oder Tropenhitze – ein anderer Mantel bringt Unglück. Noch eines darf nicht passieren: dass Gerhaher auf demselben Weg zurückläuft oder -fährt. Überhaupt gibt es am Aufführungstag nur ein einziges mögliches Mittagsgericht, Spaghetti carbonara. Was für die Heimatstadt München ebenso gilt wie 2012 fürs Gastspiel im ostchinesischen Suzhou.

Einen „rechten Schmarrn“ nennt der 43-Jährige das alles, einen „blöden Aberglauben“, und wischt mit der Hand abfällig über den großen Esstisch in seinem Haus. Aber was hilft’s, wenn solche Rituale zu diesen Ergebnissen führen: Seit einiger Zeit bewegt sich Gerhaher auf dem Sänger-Olymp. Und das mit einem Repertoire, das genau das Gegenteil ist von jener Arien-Kost, die sich so kassenträchtig vermarkten lässt. Der gebürtiger Straubinger hat seine Weltkarriere auf Liedgesang gebaut. Auf jener Kunst also, die zur intellektuellen Auseinandersetzung zwingt und nicht auf (oft oberflächliche) Kulinarik zielt.

Am meisten wundert sich Gerhaher darüber selbst. Viel schlimmer: Der Mann ist unzufrieden. Mit sich. Mit seinem Gesang. Überhaupt mit der ganzen Situation. Ausgerechnet er, der von allen Verehrte und mehrfach Ausgezeichnete (unter anderem „Sänger des Jahres“, dreimal Echo Klassik). Das hat nichts von Koketterie, vom divenhaften Leiden am eigenen Dasein. Gerhaher denkt wirklich so. Ja: Er muss so denken. Der Zweifel, das ist sein Begleiter. Und er ist letztlich die Bedingung für seine große, so reflektierte Kunst – auch wenn das den Sänger wenig tröstet: „Skrupel sind schon nichts Schlechtes, aber sie tun einem halt nicht gut“, sagt Gerhaher. „Und alles wird schlimmer, je größer der Erfolg ist. Irgendwann ist man auf der Jagd nach sich selbst.“

Eigentlich ist Gerhaher in die Klassikwelt hineingestolpert. Und den Denker, der aus jeder Sechzehntelnote seines Gesangs spricht, sieht man ihm nicht unbedingt an. Keiner der feingliedrigen, hoch aufgeschossenen Baritone ist er, eher ein kräftiger Typ, der zupacken kann. Das Niederbayerische schlägt da durch, im leicht abgeschliffenen Dialekt sowieso. Manchmal trägt Gerhaher eine Brille, und dann, mit dem gewellten Haar, staunt man über diesen Wiedergänger von Franz Schubert – was die CD-Firma nur zu gern vermarktet.

Bratsche und Geige hat Gerhaher als Kind jedenfalls bald aufgegeben, dafür wurde er mit 16 – wegen der holden Weiblichkeit – Mitglied des Straubinger Kammerchors. Es gibt eine Szene, bestimmt zwei Jahrzehnte ist das her, da sang Gerhaher dort als Solist die Titelpartie in Mendelssohn Bartholdys Oratorium „Der Elias“. Ein Riesenerfolg, die Zuhörer waren perplex. Doch der Gefeierte wehrte ab, als ihn die Gratulanten nach dem Schlussbeifall in der Josefskirche bedrängten: Professionell singen? Wie man denn bitte darauf komme?

Christian Gerhaher dürfte der einzige Sänger weltweit sein, dessen akademische Titel aus zwei Fakultäten stammen. Er ist Professor für Gesang – und Dr. med., promoviert hat er über Handgelenkspiegelungen. Zunächst schrieb er sich für Medizin ein, nebenbei nahm er Gesangsstunden, stets von der bohrenden Frage bewegt: Will ich das wirklich? Zusätzlich schnupperte er am Münchner Jesuitenkolleg in die Philosophie hinein. Ein bisschen hilft ihm die Medizin immerhin bei der Eigentherapie. Gerhaher leidet an Morbus Crohn, einer Autoimmunkrankheit, die er nun einigermaßen im Griff hat.

Kaum war er Doktor der Medizin, wurde dieser akademische Weg aber zur Sackgasse. Gerhaher ging ans Würzburger Theater, sang sich dort von der Operette bis zur großen Oper durchs Repertoire. Überhaupt Operette. Wer viele Fotos des Baritons betrachtet, aus denen einen ein Zerrissener mit ernster Miene, quasi das Mensch gewordene Ich aus Schuberts Endzeit-Zyklus „Die Winterreise“ entgegenspringt, der kann sich Humor bei ihm schwer vorstellen. „Operette halte ich für degoutant“ – dabei bleibt er.

Und doch: Der Grübler von der Donau kann tränentreibend komisch sein. Er kann hinreißend parodieren, gern zum Beispiel einen berühmten Münchner Kollegen – auch wenn man nicht schreiben darf, wer das ist. Auch war Gerhaher vor einem Jahr als Eisenstein die viel belachte Mittelpunktsfigur in der Frankfurter „Fledermaus“. Und man denke nur an seinen Papageno, den er unter anderem in Salzburg gesungen hat. Gerade weil Gerhaher die typischen Hanswurstiaden bei Mozarts Vogelfänger nicht mag und seine Ablehnung mürrisch ausstellt, wird das Zwerchfell strapaziert.

In der Heimatstadt traf der Bariton einst den – neben seiner Frau – wichtigsten Lebenspartner: Gerold Huber. Dessen Vater leitete den Straubinger Kammerchor. Huber war von Anfang an Gerhahers ständiger Begleiter am Klavier und damit Part eines Duos, das in innigster symbiotischer Arbeit verbunden ist. Und er ist der Mann, der Gerhaher erdet, wenn es mal wieder allzu kompliziert wird.

Mit Huber tourt er durch die Welt, mit ihm entstanden alle (meist prämierten) Lied-CDs. Schubert, Schumann, Mahler, das ganze große Repertoire also. Und irgendwann trat Gerhaher aus dem Schatten eines Jahrhundertkünstlers heraus. Manche gehen noch weiter: Eine so schöne, hinreißende Stimme, gepaart mit extremer Reflexion, damit werde es fürs Vorbild Dietrich Fischer-Dieskau, bei dem Gerhaher gelernt hat, sogar eng.

Verständlich, dass Gerhaher das nicht hören mag. Doch er ist so weit, er hat Carte blanche. Er kann sich, ob Oper oder Konzert, jetzt aussuchen, was er singen will. In dieser Spielzeit ist er „Artist in residence“ beim Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks. Das Edel-Ensemble hat ihn gleich für eine ganze Reihe von Konzerten verpflichtet. Heute zum Beispiel singt er im Herkulessaal Dvořáks biblische Lieder, im März folgt Brittens „War Requiem“ – dessen Uraufführung Fischer-Dieskau bestritt.

Für Gerhaher ist das alles komfortabel, die Wege zu den Münchner Einsätzen sind kurz. Mit seiner Frau („gottlob keine Musikerin“) und den drei Kindern, sechs, neun und elf Jahre alt sind sie, wohnt er ganz bescheiden in einem Nymphenburger Reihenhaus. Kürzlich gab es Familienzuwachs: Hund Swip, „eine Mischung aus Dackel und Löwe“, wie der Hausherr schmunzelnd sagt. Obwohl Hausherr: Aufs Wort gehorcht Swip nur Gerhahers Frau, den Star betrachtet der aufgekratzte Vierbeiner eher als gleichwertigen Mitläufer im Rudel.

Singen, das ist dem Bariton freilich zu wenig. Wenn es um Münchner Belange geht, lehnt er sich schon mal weit aus dem Fenster. „Die Tätigkeit eines Sängers ist keine rein mechanistische, sondern ein ethisches Statement“, sagt er. Besonders in der Konzertsaal-Debatte mischt er kräftig mit. Wie oft werde einem doch „vorgekaut“, Bayern sei das tollste Land der Welt – „und dann kann man sich nicht einmal einen Saal leisten?“ Den Standort Deutsches Museum hält er für „ausgemachten Unsinn“. Zwischen Musik und Museum gebe es keine Synergien. Attraktiv müsse der Standort sein, Gerhaher träumt vom Apothekenhof der Residenz oder vom Marienhof. Nicht nur mit den Bedürfnissen der Orchester habe das alles zu tun. Hochkultur sei ein Teil unseres Lebens. „Das sind keine Subventionen, sondern Investitionen in den Erhalt der Gesellschaft!“

Ein Denker, ein Intellektueller, meint man sogleich. Doch auch hier klaffen Fremd- und Selbstwahrnehmung weit auseinander. Gerhaher leidet noch immer unter dem Trauma, dass er nie Musik studiert hat, sondern in München „nur“ Gasthörer war. „Ich verstehe doch nichts von vielen Dingen“, sagt er. „Ich werde immer ein Außenseiter bleiben.“ Und dann die Angst vor dem ersten Scheitern in der Karriere. „Ich befürchte, dass es mich auch mal raushaut aus dem Karussell.“ Bislang, so räumt er ein, ging alles gut. Beunruhigend gut.

Zu einem Berg wuchsen die Bedenken erst kürzlich. Vor seinem Frankfurter Debüt als Pelléas in Debussys Oper. Französisch, die hohe Lage, ob das gut geht? Es wurde – ein Triumph. Gerhaher sang, als habe Debussy auf ihn, diesen Muster-Interpreten, gewartet. Überhaupt schleicht sich in seinen Terminkalender gerade immer mehr Oper. Lieder, so findet der Bariton mit seinem Repertoire aus 150 abrufbaren Stücken, könnten doch auch belastend werden. „Da ein Blümchen, dort ein Blümelein, dann all diese Vogelein, Vöglein und Vögelchen, wie soll man das überhaupt auseinanderhalten?“

Im Frühjahr 2014 folgt also ein garantiert international beachtetes Debüt: die Titelrolle („Ich, ein Womanizer?“) in Mozarts „Don Giovanni“. Besonders aber auf Verdi hat es der Sänger nun abgesehen. Der könnte ihm guttun, wie er findet. Eine sehr positive Kunst sei das. „Die geht nicht so sehr nach hinten los wie Schumanns Exzesse.“ Durch das scheinbar Einfache, Geradlinige, Ehrliche. Gerade hat er in Berlin „La traviata“ gesehen und über seinen 70-jährigen Kollegen Leo Nucci gestaunt. Jede Geste, jede Betonung, alles vollkommen natürlich. Ein Ideal.

Viel spricht also dafür, dass dies noch längst nicht der Höhepunkt ist in Gerhahers Karriere. Oper, das gehört dringend zum Geschäft, das weiß er. Erst die erreicht mehr Publikumsschichten als die eingeschworene Liederabend- und Oratorien-Gemeinde. Mit dem Zweifel, seinem engen Begleiter wird Gerhaher dann schon zurechtkommen, ihn vielleicht weniger als dunklen Verfolger, eher als anspornenden Beistand betrachten lernen. Die beste Erklärung für die Existenz dieses merkwürdigen Freundes hat Christian Gerhaher sogar selbst parat: „Wenn man nicht an sich zweifelt, wird der Gesang doch sofort schal.“

Markus Thiel

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