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Noch steckt die Hand von Emrush Spahiu in einer Schiene. Doch Dr. Thomas Biesgen ist zuversichtlich, dass er sie bald wieder bewegen kann.

Spektakulärer Unfall

Ärzte nähen abgetrennte Hand wieder an

Für Emrush Spahiu, 58, ist es wie ein Wunder, wenn sich die Finger seiner linken Hand wieder bewegen. Eine Kreissäge hatte ihm diese vor zwei Wochen fast komplett abgetrennt.

Experten des Klinikums Harlaching setzten ihm die Hand wieder an – in einer 13-stündigen Operation.

Als sein Arzt Dr. Thomas Biesgen ihn am Krankenbett besucht, kann Emrush Spahiu vor Jubel erst mal kaum sprechen. „Hui!“, ruft er und „Juchhu!“ Seine rechte Hand ballt er zur Faust und schüttelt sie. „Klasse! Geschafft!“, soll das heißen. Dabei blickt er konzentriert auf seine linke, die in einem festen Verband steckt. Die Finger sind zur Hälfte sichtbar.Und tatsächlich: Der Zeigefinger zuckt. Auch der Mittelfinger bewegt sich, dann die anderen. „Er ist der Engel“, sagt Spahiu immer wieder und deutet auf seinen Arzt. Der lächelt etwas verlegen, drückt dann auf die Fingerkuppen. „Spüren sie das schon? Ja? Kann gar nicht sein!“

Man weiß nicht, wer sich mehr über die schnellen Fortschritte freut, der Patient oder sein Arzt. Nur gut zehn Tage ist es her, da war unklar, ob der Mann aus dem Kosovo seine linke Hand überhaupt behalten würde. Es war morgens, kurz nach 8 Uhr. Der Vater von zehn Kindern half einem seiner Söhne, der ein Parkett-Unternehmen leitet, bei der Arbeit an der Kreissäge. Was genau passierte? Kein Wort darüber. „Ist noch zu früh“, sagt Spahiu, wendet sein Gesicht ab und drückt es tief ins Kissen. Der Schrecken ist noch zu nahe. Wenn Handchirurg Biesgen das Geschehene nur anspricht, schließt sein Patient die Augen, löst sogar sein Hörgerät.

Nur ein Stück Haut verband die Hand noch mit dem Arm

Fotos aus dem OP-Saal lassen erahnen, wie grauenvoll das Erlebnis gewesen sein muss. Die Hand von Emrush Spahiu ist am Handgelenk nur noch über ein Stück Haut mit seinem Arm verbunden. Dazwischen eine große fleischige Wunde. Sehnen, Knochen, Gefäße und Nerven – alles zerstört. Sein Sohn war gerade nicht in der Werkstatt, als er Schreie hörte. Er wickelte die fast abgetrennte Hand seines Vaters in ein Handtuch – und fuhr mit ihm im Auto ins nahe gelegene Klinikum Harlaching.

Biesgen schüttelt darüber noch immer den Kopf. Bei so einer Verletzung sollte man unbedingt den Notarzt rufen, sagt er. Der weiß, wo es spezialisierte Chirurgen gibt – und erfragt über Funk, in welcher Klinik ein OP-Saal frei ist. Auch kann er die Blutung professionell stillen. So hatte Spahiu schon viel Blut verloren, als er in die Klinik kam.

Dennoch meinte es das Schicksal gut mit ihm. Denn in Harlaching arbeiten Spezialisten für Wiederherstellungs-Chirurgie, die es nicht in jeder Klinik gibt. Eine abgetrennte Hand – das ist aber auch für sie ein seltener Fall. Doch Handchirurg Biesgen hat bereits viele ähnliche Verletzungen operiert.

Doch auch ein Experte vermag wenig ohne ein gutes Team. Ein wichtiges Mitglied war Prof. Georg Gradl, Chef der Unfallchirurgie. Blitzschnell machte er einen OP-Saal frei. Er informierte Biesgen, der gerade an einem Unterarm operierte. Denn: Die Uhr tickte. Sind große Gefäße durchtrennt, wird das Gewebe nicht mehr durchblutet. Dauert dieser Zustand zu lange, stirbt es ab – auch wenn es gelingt, die Hand wieder anzusetzen.

Die Wunde wurde gesäubert. Dabei zeigte sich, wie viel Gewebe zerstört war. Das Blatt der Kreissäge war neu – ein Glück. Je älter und stumpfer es ist, desto zerstörerischer. Auch hinterlässt ein gerader Schnitt weniger Schäden, als wenn ein Körperteil gequetscht oder herausgerissen wird. Dennoch: Die Nerven waren über mehrere Zentimeter zerstört. Sie mussten ersetzt werden, damit Spahiu einmal wieder Gefühl in seiner Hand haben würde.

Hierzu benötigte Biesgen einen Profi: Mit im OP-Team war neben zwei Assistenzärzten, einem Anästhesisten und zwei OP-Pflegern auch Neurochirurg Dr. René Hebecker. Er entnahm Nervenstücke aus der Rückseite des Unterschenkels. Im Bein führt der Verlust höchstens zu einer Missempfindung, einem leichten Taubheitsgefühl. Doch ist dieser Nachteil gering im Vergleich zu dem Nutzen, wenn man den Nerv in die Hand verpflanzt.

Die Nerven mussten allerdings noch warten. Vordringlicher war die Durchblutung der Hand. Biesgen nahm sich als Erstes die beiden großen Arterien am Unterarm vor. Die Chirurgen arbeiten bei solchen Eingriffen unter Blutsperre. Der Arm wird abgebunden, so dass es kaum blutet und sie einen guten Blick auf die Verletzung haben. Doch darf das nicht zu lange dauern. „Höchstens eineinhalb Stunden“, sagt Biesgen.

Unter dem Mikroskop nähte er die Enden der zerschnittenen Gefäße wieder zusammen, mit Fäden dünner als ein Haar. Jeder feine Stich muss sitzen. Sonst kann es an der Nahtstelle etwa zu Wirbeln im Blutfluss kommen. Gerinnsel entstehen, die das Gefäß verstopfen. Solche Thromben sind gefürchtet. Sie könnten dazu führen, dass Spahiu seine Hand doch noch verliert.

Die Physiotherapie beginnt bereits am Krankenbett

Die Haut war wieder rosig, die Hand also durchblutet. Jetzt folgten die Knochen: Die vielen Splitter der zerstörten Handwurzel wieder zu stabilisieren, war kompliziert. Das gelang mit Platten und Schrauben. Dann waren die Sehnen dran. Auch sie zog Biesgen mit feinen, aber starken Fäden zusammen. Als nächstes die Nerven: Über der Handwurzel teilt sich der mehrere Millimeter dicke Nervus medianus auf – wie ein Stamm in seine vielen Äste. Die Anfänge jedes Astes war zerstört und mussten ersetzt werden – mit Hilfe der Nervenstücke aus dem Unterschenkel. Doch auch wenn die Nähte perfekt sitzen: Ist ein Nerv einmal durchtrennt, können die elektrischen Signale nicht mehr weitergeleitet werden. Er muss erst wieder in die Hand hineinwachsen, jeden Tag einen Millimeter weit. Dennoch ist es wichtig, die Nerven zu ersetzen und zu verbinden. Sie dienen als eine Art Führungsschiene, an der der Nerv entlangwächst.

Schon etwa sechs Stunden hatte Biesgen unter dem Mikroskop operiert. Die wichtigsten Teile waren verbunden. Zeit für eine kurze Pause von 15 Minuten. Durchatmen, viel Zucker – weiter ging die Feinarbeit. Insgesamt 13 Stunden lang operierte er, die meiste Zeit unter dem Mikroskop. Immer hoch konzentriert. Zuletzt kam Spahius Hand in eine spezielle Schiene. Sie zieht die Finger nach unten und entlastet so die Sehnen. So ist das Risiko geringer, dass diese bei der Heilung reißen.

Die ersten Tage nach der OP hatte Spahiu starke Schmerzen, bekam daher Medikamente über einen Schmerzkatheter. Zunächst blickte er seine Hand an wie einen Fremdkörper. Das Trauma war zu groß. „Ich hatte Angst, dass er es nicht schafft“, sagt Biesgen. Denn die größte Kunst des Operateurs ist umsonst, wenn der Patient seine Hand nicht wieder annimmt. Er muss schnell beginnen, mit ihr zu üben. Genauso wichtig wie das Team im OP, sind dabei daher die Menschen, die den Patienten danach versorgen.

Bereits wenige Tage nach dem großen Eingriff kam ein Physiotherapeut ans Bett von Spahiu. Jeden Tag muss er jetzt trainieren, zwei Mal eine halbe Stunde. Sonst verkleben die Sehnen und Muskeln. Die Hand sitzt dann zwar wieder am Körper, bleibt aber steif und funktionslos.

Um so glücklicher ist Handchirurg Biesgen, dass sein Patient heute schon wieder lachend die Finger bewegt. „Jetzt sind sie an der Reihe“, sagt er zu Spahiu. Nur wenn er mit seiner Hand arbeitet, jeden Tag, kann er damit vielleicht einmal sogar wieder den Henkel einer Tasse greifen.

Bis das möglich ist, braucht er aber Geduld. Die Nerven müssen erst wieder bis in die Fingerspitzen wachsen. Das wird mehr als ein halbes Jahr dauern. „Ich verspreche: Ich schaffe das!“, sagt Spahiu. Doch auch sein Arzt muss ihm etwas versprechen: Dass er mal bei ihm zu Hause in München vorbeischaut. Unangemeldet. Dann wird er eines ganz bestimmt im Wohnzimmer finden, direkt über dem Fernseher, versichert Spahiu: das gemeinsame Foto am Krankenbett.

Von Sonja Gibis

Experte

Dr. Thomas Biesgen, Facharzt für Plastische und Ästhetische Chirurgie sowie Handchirurgie.

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