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Alzheimer

100. Todestag von Alois Alzheimer

Alzheimer - Krankheit des Vergessens

„Wie heißen Sie?“ „Auguste.“ „Familienname?“ „Auguste.“ „Wie heißt Ihr Mann?“ Auguste Deter zögert, sie antwortet schließlich: „Ich glaube ... Auguste.“ „Ihr Mann?“ „Ach so.“

Das ist ein protokolliertes Gespräch Zwischen Prof. Dr. Alois Alzheimer und seiner Patientin Auguste Deter, der er erstmals 1901 begegnete.  Sie  gilt als Erste diagnostizierte Alzheimer-Patientin.

Sie war nur eine Patientin unter vielen. Doch ihre Geschichte ließ Alois Alzheimer, den berühmten Psychiater, zeitlebens nicht mehr los. Er begegnete Auguste Deter zum ersten Mal im Jahr 1901, später sollten die beiden in die Geschichte eingehen: Sie als erste Patientin, bei der Alzheimer diagnostiziert wurde – mit 51 Jahren. Er als Entdecker jener Krankheit, bei der das Gedächtnis Stück für Stück ausgelöscht wird.

Auguste Deter starb 1906, im Alter von nur 56 Jahren – Alois Alzheimer starb neun Jahre danach: am 19. Dezember 1915. Nun jährt sich sein Todestag zum 100. Mal. In ihren letzten lichten Momenten hatte Alzheimers berühmte Patientin gesagt: „Ich habe mich verloren.“

Warum war die Patientin so vergesslich?

Nach ihrem Tod ließ Alzheimer Auguste Deters Krankenakte und ihr Gehirn nach München bringen – schon seit zwei Jahren war er damals an der „Königlichen Psychiatrischen Klinik“ in der Nußbaumstraße tätig. Auguste Deter war bis zu ihrem Tod in der „Anstalt für Irre und Epileptische“ in Frankfurt am Main untergebracht. Dort hatte Alzheimer als Oberarzt gearbeitet – dort war er dieser verwirrten Frau begegnet. Nach ihrem Tod wollte er herausfinden, was sie so früh so vergesslich gemacht hatte. Denn: Patienten mit ähnlichen Symptomen hatte Alzheimer schon viele kennengelernt. Nur: Sie waren alle alt – und Verwirrtheit galt damals nicht als Krankheit, sondern als normale Alterserscheinung.

Seine Untersuchungen bestätigten schnell: Auguste Deters Hirnrinde war geschrumpft. Und: Als Alzheimer Hirngewebe unter dem Mikroskop untersuchte, bemerkte er seltsame Ablagerungen um die Nervenzellen herum. Eigentlich sollte Alzheimer in München die Grundlagen der Schizophrenie klären, einer schweren psychischen Erkrankung. „Stattdessen hat er eine neue Krankheit gefunden“, sagt Peter Falkai. Der Professor leitet heute die Psychiatrische Klinik, in der Alzheimer einst forschte – und die mysteriöse Krankheit entdeckte.

Inzwischen weiß man: Diese seltsamen Ablagerungen um die Nervenzellen, die als „Plaques“ bezeichnet werden, bestehen aus Amyloid-Peptiden. Das sind Eiweißbruchstücke, die Klumpen bilden, sich ablagern – und damit Hirnzellen zum Absterben bringen. Dass die Ablagerungen in Auguste Deters Gehirn etwas mit ihrer Verwirrtheit zu tun haben mussten, davon war Alzheimer überzeugt. Seine Ergebnisse stellte er 1906 auf einer Tagung in Tübingen vor. Erstmals erfuhren damit auch andere Mediziner von der „eigenartigen Krankheit der Hirnrinde“ wie Alzheimer sie seinerzeit nannte.

Zur „Alzheimer’schen Krankheit“ wurde sie allerdings erst, nachdem Alzheimers Chef sie so bezeichnet hatte: Er hieß Emil Kraepelin und war damals Klinikleiter.

Die wichtigsten Grundlagen der Alzheimer-Forschung waren damit jedenfalls gelegt. Aber: Selbst 100 Jahre nach dem Tod des Arztes stellt die Krankheit Mediziner vor Rätsel – von einer Heilung ist man weit entfernt. „Wir hören oft: Warum habt ihr das Problem noch nicht gelöst?“, sagt heute Klinikchef Falkai. „Aber die Sache ist nicht so einfach.“

Ein Grund: Lange war nicht klar, dass die Krankheit, an der Auguste Deter litt, vom Prinzip her die gleiche ist, die Menschen hohen Alters trifft. Der einzige Unterschied ist lediglich, dass Patienten, die so jung wie Auguste Deter erkranken, eine genetische Veranlagung dafür haben. Und diese führt – vereinfacht ausgedrückt – dazu, dass sich die krankmachenden Vorgänge im Hirn extrem beschleunigen, wodurch sich die Krankheit früher zeigt.

Alzheimer trifft vor allem über 65-Jährige

Heute gilt Alzheimer längst als Krankheit des Alters: Von den 1,5 Millionen Demenzkranken in Deutschland, allein zwei Drittel davon leiden an Alzheimer, sind nur etwa 20 000 jünger als 65, heißt es bei der Deutschen Alzheimer Gesellschaft. Je älter man wird, desto höher ist also die Wahrscheinlichkeit, dass es einen trifft. Und: Jeder kann daran erkranken.

 „Wir müssen nur alt genug werden, dann kriegen wir es“, sagt auch Christian Haass. Er ist Leiter des Deutschen Zentrums für neurodegenerative Erkrankungen und Professor für Stoffwechselbiochemie an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Haass sagt: Die Auslöser der Krankheit trägt jeder in sich. Es sind Sekretasen. Das sind bestimmte Stoffe, die Forscher oft „molekulare Scheren“ nennen. Diese Scheren schneiden die besagten Amyloid-Peptide aus einem Eiweiß heraus. „Das sind tickende Zeitbomben in uns allen“, so Haass. Die wollten Forscher nun entschärfen – sie entwickelten Wirkstoffe, die diese Minischeren ausschalten sollten. Das klappte auch. Nur: Zu spät erkannten sie, dass die Scheren durchaus auch wichtige Funktionen haben. Als das neue Mittel an Patienten getestet wurde, kam es bei den Betroffenen zu heftigen Nebenwirkungen – die Studie wurde abgebrochen.

Alzheimer-Krankheit bislang unheilbar

Inzwischen verfolgt man einen neuen Ansatz. Die Idee: Statt der Scheren will man nun die besagten Ablagerungen loswerden. Ein anderer Wirkstoff wurde entwickelt, er heftet sich an die Amyloid-Peptide, aus denen diese Ablagerungen bestehen. Er gehört zur Gruppe der Antikörper. Solche bildet der Körper auch selbst – um gezielt Krankheitserreger auszuschalten. Von einer „Impfung gegen Alzheimer“ ist daher oft die Rede.

Und tatsächlich: Die Ablagerungen im Hirn von Patienten, die damit behandelt wurden, minimierten sich. Aber: Ihr Gedächtnis verbesserte das nicht. Also wieder ein Rückschlag. Denn: Sind die Hirnzellen erst mal kaputt, kann sie kein Medikament ersetzen. Die Patienten, die an der Studie teilgenommen hatten, litten alle an Alzheimer in fortgeschrittenem Stadium.

Der Versuch wurde deshalb wiederholt – diesmal mit Patienten mit leichter Alzheimerdemenz. Und siehe da: Man konnte einen leichten Effekt feststellen: Patienten, die drei Jahre mit dem Antikörper behandelt wurden, schnitten in Tests zu ihrer geistigen Leistungsfähigkeit besser ab als andere, die in den ersten 18 Monaten nur ein Scheinmedikament bekommen hatten.

Ein Durchbruch? Da ist Experte Haass zurückhaltend. „Ein Hoffnungsschimmer“, sagt er lieber. Aber: „Ich glaube, dass man hier auf dem richtigen Weg ist.“ 100 Jahre nach Alzheimers Tod.

Alzheimer - die Krankheit des Vergessens  

Von Andrea Eppner

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