Nach der Kontroll-Angiografie: Dr. Sascha Prothmann zeigt Patient Rainer Liwowsky (50) das positive Ergebnis. Foto: schlaf

Aneurysma

Mit Spiralen gegen die Bombe im Kopf

In ihrem Kopf tickt eine Bombe, doch Betroffene wissen nichts davon: Patienten spüren keine erweiterten Blutgefäß im Gehirn. Doch ein solches Aneurysma kann leicht reißen und das ist lebensgefährlich.

Rainer Liwowsky, 50, ist gewiss keiner, der rumjammert. Der Tutzinger ist stämmig, trägt Dreitagebart und Motorradkluft. Typ Türsteher – einer, der nicht wegen jedem Zipperlein daheim bleibt oder gar zum Arzt rennt. Damals, vor sechs Monaten, hätte er besser nicht so lang gewartet. Doch Liwowsky ahnte nicht einmal, dass er in Lebensgefahr war.

An jenem Morgen war der 50-Jährige ungewöhnlich früh aufgewacht. Er konnte nicht mehr schlafen, wie schon die halbe Nacht davor. Er beschloss daher aufzustehen und schwang sich aus dem Bett. „Peng, da waren plötzlich diese Kopfschmerzen!“, erzählt er. „Sie waren gnadenlos, schlimmer als jeder Migräneanfall.“ Liwowsky schluckte erst mal eine Tablette, später noch ein paar, wohl um die zehn Stück waren es insgesamt. Doch keine zeigte Wirkung. Die Schmerzen blieben so gnadenlos wie am Anfang. Nur wenn Liwowsky sich ganz still hielt, wurden sie etwas erträglicher.

Ein anderer wäre jetzt vielleicht zum Arzt gegangen. Nicht so Rainer Liwowsky. Statt sich ins Bett zu legen, schleppte er sich zur Arbeit. Er war sich sicher: Die Schmerzen würden schon wieder verschwinden. Doch sie blieben, auch am nächsten Morgen wachte er mit ihnen auf. Drei Tage stand er so durch. Irgendwie, mit vielen Pausen. Bis es irgendwann selbst ihm zu viel wurde: Seine Frau brachte ihn schließlich ins Klinikum Tutzing.

„Die Kopfschmerzen waren gnadenlos, viel schlimmer als jeder Migräneanfall.“

Dort ging alles Schlag auf Schlag. Die Ärzte machten eine Computertomografie, Kontrastmittel ließen auch die Blutgefäße darin sichtbar werden. Auf den Aufnahmen entdeckten sie Beunruhigendes: Sie sprachen von einer Blutung, wahrscheinlich ausgelöst durch ein intrakranielles Aneurysma. Liwowsky hatte noch nie davon gehört. Später erfuhr er, dass es sich dabei um ein erweitertes Blutgefäß im Gehirn handelt – eine Art Zeitbombe im Kopf. Denn ein Aneurysma kann jederzeit reißen.

„Das Gefäß bläst sich auf wie ein Ballon“, erklärt Dr. Sascha Prothmann. Er ist Oberarzt in der Neuroradiologie im Klinikum rechts der Isar in München, wo Liwowsky später weiterbehandelt worden ist. „Die Gefäßwände sind an dieser Stelle extrem dünn, wie Pergament“, sagt Prothmann weiter. Es braucht nicht viel, damit sie einreißen. Das kann passieren, wenn plötzlich der Blutdruck steigt, wie zum Beispiel bei körperlicher Anstrengung. Bei Liwowsky hatte dafür schon ausgereicht, mit Schwung aus dem Bett aufzustehen.

Reißt ein Aneurysma, bedeutet das für den Patienten Lebensgefahr. Gerade einmal die Hälfte der Betroffenen überlebt, jeder Zehnte stirbt noch auf dem Weg in die Klinik. Zu den Symptomen gehören dabei nicht nur extreme Kopfschmerzen wie bei Rainer Liwowsky. Auch Übelkeit und neurologische Ausfälle wie Lähmungen sind typisch. Nicht selten verlieren Patienten sogar das Bewusstsein.

Noch in Tutzing hatte Liwowsky Medikamente bekommen, die seine Qualen zumindest linderten. Denn gewöhnliche Kopfschmerzmittel helfen hier nicht. Einige gängige Präparate könnten die Blutung sogar verstärken, warnt Prothmann. So wirkt etwa Acetylsalicylsäure (ASS) auch blutverdünnend.

Liwowsky hatte solche Mittel eingenommen. Doch er hatte Glück, die Blutung war schon zum Stillstand gekommen. Doch konnte jederzeit erneut Blut durch den Riss austreten. Um das zu verhindern, führte Neuroradiologe Prothmann eine Katheter-Angiografie durch. Ihr Ziel: Die Bombe im Kopf entschärfen.

Liwowsky bekam eine Narkose. Durch einen kleinen Schnitt schiebt der Arzt dabei einen Katheter, einen dünnen Schlauch mit einem noch feineren Mikrokathether darin, in die Leistenarterie – und von dort bis ins Gehirn. Den Weg dorthin findet er durch ständige Röntgenkontrolle: Auf einem Monitor sieht der Arzt, wo im Körper sich der Katheter gerade befindet.

Ihr Ziel war das erweiterte Blutgefäß. Denn der Riss in dessen Wand hatte sich bei Rainer Liwowsky zwar von selbst geschlossen. Doch die Bombe im Kopf war damit längst nicht entschärft. „Es bestand die Gefahr einer zweiten Blutung“, erklärt Prothmann. Die dünne Wand kann erneut reißen.

Das zu verhindern, ist das Ziel eines so genannten Coilings. Der Katheter wird bei diesem Verfahren nicht nur dazu genutzt, das Aneurysma sichtbar zu machen. Mit seiner Hilfe lassen sich darin auch hauchfeine Spiralen aus Platindraht (coils) platzieren. Sie sollen das erweiterte Blutgefäß ausstopfen – und so verhindern, dass es zu einer weiteren Blutung kommt. Doch ist das Verfahren nicht frei von Risiken. Es kann dabei erneut zu einer Blutung kommen. Löst sich ein Blutgerinnsel und verstopft feinere Gefäße, kann es zu einem Hirninfarkt kommen.

Rainer Liwowsky hat den Eingriff gut überstanden. Die Spiralen konnten richtig platziert werden. Langsam erwachte er wieder aus der Narkose. Die Kopfschmerzen waren durch den Eingriff aber nicht verschwunden. Sie waren zunächst so stark wie zuvor. Er brauchte daher weiterhin Schmerzmittel. Erst nach einigen Tagen ließen sie langsam nach.

Sechs Monate ist das jetzt her. Liwowsky hat sich längst von dem Eingriff erholt. Auch die Blutung hat zu keinen bleibenden Schäden geführt. Doch das Wissen, dem Tod so nahe gewesen zu sein, hat ihn verändert. Noch vom Klinikum aus erfüllte er sich einen großen Wunsch: Er bestellte sich ein neues Motorrad. Sonst hat er sein Leben aber eher entschleunigt. Stand er früher ständig unter Strom, gönnt er sich heute mehr Pausen bei der Arbeit. Zudem ernährt er sich gesünder. „Ich habe zehn Kilo abgenommen“, sagt Liwowsky. Seinen Blutdruck, der lange zu hoch war, hat er heute im Griff. Vor allem aber freut er sich über das Ergebnis der Kontroll-Angiografie vor wenigen Tagen. Die hat gezeigt: Das Metallknäuel in seinem Kopf füllt das Aneurysma weiterhin vollständig. Damit stehen seine Chancen gut. Die Bombe in seinem Kopf ist entschärft.

Andrea Eppner

Der Experte

Dr. Sascha Prothmann ist Oberarzt in der Klinik für Neuroradiologie im Neuro-Kopf- Zentrum des Klinikums rechts der Isar in München.

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