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In kleinen Schritten aus der Angst: Auf den Stufen des „Alten Peter“ lernt Konrad B. mit der Psychologin Dr. Lina Knechtl, seine Panik zu überwinden.

Krankhaft Angst

Raus aus dem Teufelskreis der Panik

Angst schützt. Aber: Im Übermaß kann sie krank machen. Bei Konrad B., 45, beherrschte dieses Gefühl irgendwann sein ganzes Leben. Eine Psychotherapie half ihm, einen Weg aus der Angst zu finden.

Konrad B. ist auf der Autobahn, er ist unterwegs zur Arbeit, wie hunderte Male zuvor. Doch diesmal rast plötzlich sein Herz, immer lauter, immer schneller. Schweiß bricht aus, die Fahrbahn beginnt vor seinen Augen zu verschwimmen. Der 45-Jährige fürchtet, die Kontrolle zu verlieren, hält auf dem Standstreifen an, atmet durch. Nach einigen Minuten beruhigt sich sein Körper. War das ein drohender Herzinfarkt?

Besorgt geht er am nächsten Tag zum Herzspezialisten. Der untersucht ihn gründlich, macht ein EKG. Alles okay. Wenige Tage später folgt die nächste Attacke. Auch der Lungenfacharzt und der Neurologe stellen fest: Konrad B. ist gesund. Doch bald rast sein Herz nicht nur, wenn er am Steuer sitzt. Auch als Beifahrer oder in der U-Bahn bekommt er Anfälle. Alles was sich bewegt, macht ihm Angst: Flugzeuge, Aufzüge, selbst Menschen. Er kann nicht mehr arbeiten, verlässt kaum die Wohnung. bekommt Depressionen. Sein Hausarzt rät ihm schließlich, eine psychosomatische Klinik aufzusuchen – fünf Monate nach der ersten Attacke. Die Diagnose lautet: Angststörung.

„Viele Angst-Patienten denken zunächst an eine körperliche Erkrankung“, sagt die Münchner Psychologin Dr. Lina Knechtl, zu der Konrad B. nach seinem Klinikaufenthalt in Behandlung kommt. Tatsächlich können Herzerkrankungen wie verengte Herzkranzgefäße oder ein Infarkt zu ähnlichen Beschwerden führen. Auch hormonelle Erkrankungen, bei denen der Körper etwa zu viele Stresshormone ausschüttet, können Angstanfälle auslösen. „Das muss man natürlich abklären“, sagt Knechtl. Findet man jedoch keine körperliche Ursache, sollte man bald an eine Angsterkrankung denken. Leider geschieht das noch immer zu selten. Oft wechseln Patienten den Arzt, manche sperren sich innerlich dagegen, eine psychische Ursache zu akzeptieren. So bleiben viele mit Angsterkrankungen unbehandelt. Obwohl es wirksame Therapien gibt.

Sind die Beschwerden sehr stark, können Medikamente wie Antidepressiva helfen, den Patienten zu stabilisieren. Doch reichen Pillen allein nicht aus. Als langfristig wirksam hat sich die Psychotherapie erwiesen, die oft auf verschiedenen Ebenen ansetzt.

„Die meisten Patienten wollen erst mal nur eines: Keine Angst mehr haben“, sagt Psychologin Knechtl. Doch das kann nicht das Ziel sein. Angst ist ein wichtiges Gefühl und lässt sich nicht völlig unterdrücken. „Es hilft aber, sich die Funktionalität der Angst bewusst zu machen.“ Ein Weg, das Gefühl in den Griff zu bekommen, ist zu lernen, es auszuhalten. Mit dem Wissen: Die Angst ist keine Gefahr. Hatten Patienten zuvor noch das Gefühl, in einem Anfall ihrer Panik ausgeliefert zu sein, erleben sie nun wieder Kontrolle. Sie spüren: Mein Körper ist belastbar, ich kann das ertragen. Das ist ein wichtiger Schritt, um aus dem Teufelskreis aus Angst und Angst vor erneuter Angst auszubrechen. Denn die führt dazu, dass die Patienten angstauslösende Situationen, wie etwa das Autofahren bei Konrad B., vermeiden.

In Gesprächen mit der Therapeutin macht sich der auch auf die Suche nach dem Ursprung seiner Angst. Zum ersten Mal überfiel sie ihn auf dem Weg zur Arbeit. Zuvor war der 45-Jährige beruflich rasant aufgestiegen – eigentlich eine große Anerkennung, er ist gelernter Elektriker. Doch auf seiner jetzigen Stufe der Karriereleiter arbeiten nur Ingenieure. Das setzt ihn unter Druck. Jede Kritik trifft ihn tief, jeder Konflikt lässt ihn an sich zweifeln. Bin ich gut genug? Schaffe ich das?

Auch Konrad B.s Kindheit war nicht einfach: Schon in jungen Jahren muss er viel Verantwortung übernehmen. Sich geborgen und sicher fühlen? Das fehlt ihm. Die frühen Erfahrungen sind nicht Ursache seiner Angststörung. Aber: „Sie können einen Menschen anfälliger machen“, sagt Knechtl. Ebenso wie die genetische Veranlagung. So neigen manche mehr zu Ängstlichkeit. Kommen Belastungen hinzu, können diese leichter eine Angsterkrankung auslösen. Die Psyche ist dann vulnerabler, wie Experten sagen. Also verletztlicher. Die Analyse der seelischen Ursachen beseitigt zwar Konrad B.s Ängste nicht, doch sie hilft, die Gefühle einzuordnen – sie zu rationalisieren. Auch das verringert das Gefühl des Kontrollverlusts.

Eine wichtige Rolle in der Therapie von Angststörungen spielt zudem die Verhaltenstherapie: Die Patienten konfrontieren sich schrittweise mit angstauslösenden Situationen. Es kommt zu einer Art Desensibilisierung. Konrad B. hat während der vergangenen Monate auch eine Panik vor steilen Treppen und großer Höhe entwickelt. Mit seiner Therapeutin übt er auf dem „Alten Peter“ am Münchner Marienplatz. Jedes Mal schafft er es ein bisschen höher, hält es etwas länger aus, vom Turm in den Abgrund zu blicken. Die Angst soll dabei ein erträgliches Maß nicht übersteigen.

Mit Übungen arbeitet auch die kognitive Verhaltenstherapie, um festgefahrene Verhaltens- und Gedankenmuster zu durchbrechen. Welche Situationen vermeidet Konrad B.? Welche Gedanken und Gefühle verbindet er damit? Er soll lernen, seine angstvollen Gedanken zu erkennen und sie zu verändern. Viele Patienten neigen etwa zur Katastrophisierung. In bestimmten Situationen durchschießt sie ein Gedankenstrom, der sie das Schlimmste befürchten und ihre Panik wachsen lässt. Ziel ist es, die Gedanken während einer Attacke zu kontrollieren – und so den Teufelskreis der Angst zu durchbrechen.

Schritt für Schritt gewinnt Konrad B. nun die Oberhand über seine Ängste. Er kann wieder ohne Panik ins Auto steigen, beginnt, sich wieder mit Freunden zu treffen, kann endlich wieder arbeiten. In der Therapie lernt er, auf erneute Gefühle von Stress zu achten und sich rechtzeitig Entlastung zu schaffen.

Ja, Konrad B. fasst wieder mehr Selbstvertrauen. Nach einem halben Jahr kann er die Psychotherapie abschließen. Mit ihr hat er auch mehr Sicherheit gewonnen. Er weiß: Sollte die Angst erneut beginnen, sein Leben zu beherrschen, gibt es einen Weg heraus. Und: Er ist dabei nicht allein.

Von Sonja Gibis

Die Experten

Die Experten des Beitrags sind der Psychologe und Privatdozent Dr. Martin Fegg, Leiter der Münchner Gemeinschaftspraxis für Psychotherapie am Marienplatz, und die Psychotherapeutin Dr. Lina Marie Knechtl, Psychologin in der Gemeinschaftspraxis. Sie zeigen, wie eine Psychotherapie bei krankhaften Ängsten helfen kann, aus dem Teufelskreis der Panik auszubrechen – langfristig. Denn Schritt für Schritt lernen die Patienten dabei, ihre Angst auf Dauer auszuhalten.

Die Angst hat viele Gesichter

PD Dr. Martin Fegg ist Leiter einer Praxis für Psychotherapie am Münchner Marienplatz.

Das Herz rast, die Beine zittern, kalter Schweiß bricht aus. Angst ist ein scheußliches Gefühl. Doch ist sie zugleich ein Schutz, der lebensrettend sein kann. Und: „Angst ist auch eine Kraft“, sagt der Münchner Psychologe Dr. Martin Fegg. Der Körper schüttet dabei Hormone aus, die den Blutdruck in die Höhe treiben. Das Herz schlägt schneller, die Lungen flattern, die Muskeln spannen sich an. Auch die Verdauung setzt aus. Der Körper mobilisiert so all seine Energie. „Wenn man vor einem Säbelzahntiger davonrennen muss, kann das lebensrettend sein“, sagt Fegg. Doch Angst hat noch andere Gesichter: Sie kann aggressiv machen – und so bereit zum Angriff. Manchmal lässt sie einen auch erstarren. Selbst das war ursprünglich wohl ein Schutz, ähnlich dem Todstellreflex von Tieren. Doch nicht immer helfen diese uralten Reflexe: Steht eine Prüfung bevor, eine öffentliche Rede oder ein unangenehmes Gespräch mit dem Chef, hilft es nicht zu er starren oder davonzurennen. Angst kann dann lähmend wirken. Im Übermaß kann sie sogar krank machen. Kommt es etwa zu großer Furcht oder gar Panikattacken vor an sich harmlosen Situationen oder gerät man sogar ohne erkennbaren Grund in Panik, sprechen Experten von einer Angststörung.

Phobien lassen sich dabei meist gut behandeln. Dabei haben die Betroffenen etwa übermäßige Angst oder Panik vor gewissen Situationen, Tieren oder Orten. Manche versetzt der Anblick einer Spinne in Panik, anderen zittern auf einem Balkon die Knie – oder ihnen wird schon beim Gedanken, einen fremden Menschen anzusprechen, übel. Eine der häufigsten Ängste ist dabei die Agoraphobie, auch Platzangst genannt. Darunter versteht man nicht nur eine Angst vor öffentlichen Plätzen, sondern auch vor langen Reisen oder Orten wie Flugzeugen oder Aufzügen. Als sehr wirksam gilt bei Phobien die Verhaltenstherapie: Die Betroffenen lernen Schritt für Schritt, den Angstauslöser auszuhalten. Bei sozialen Phobien, unter denen heute besonders viele Menschen leiden, bietet Fegg in seiner Praxis auch Trainings an. Denn das vertraute Gespräch mit dem Therapeuten reicht in der Regel nicht aus, um die Ängste zu überwinden. „Dazu muss man nach draußen gehen“, sagt Fegg. Gemeinsam wird geübt: Die Patienten erhalten Aufgaben, müssen etwa nach dem Weg fragen oder einen Fremden um Hilfe bitten. Doch auch Angsterkrankungen haben viele Gesichter: Panikattacken überfallen ihre Opfer nicht selten ohne erkennbaren Grund und in völliger Ruhe. Manche beginnen dann zu hyperventilieren, atmen so hektisch und schnell, dass sie sogar ohnmächtig werden. Den Betroffenen ist teils nicht einmal bewusst, dass es sich um eine Angstattacke handelt. Sie vermuten etwa Herzprobleme und gehen deswegen zum Arzt. „Manchmal kommen sie sogar in die Notaufnahme“, sagt Fegg. Betroffene entwickeln zudem nicht selten Panik, eine erneute Attacke zu erleiden.

Sie haben Angst vor der Angst – ein Teufelskreis beginnt. Experten sprechen auch von Erwartungsangst. Die kann am Ende das ganze Leben beeinträchtigen. Bei anderen Betroffenen schleicht sich die Angst eher ins Leben und durchzieht dieses am Ende völlig. Experten sprechen von einer generalisierten Angststörung. Sorgen führen zu ständiger Anspannung und Unruhe. „Schließlich macht man sich Sorgen, dass man sich ständig Sorgen macht“, sagt Fegg. Schlaf und Verdauung sind oft gestört. Nicht selten kommen Depressionen und Suchterkrankungen dazu wie Alkoholismus. Denn Alkohol lindert die Angst, aber nur kurzfristig. Langfristig kann dagegen eine Psychotherapie helfen – bei jeder Art von Angsterkrankung. Zusätzlich erhalten die Patienten anfangs teils auch Medikamente. Sind die Beschwerden stark, kann dies nötig sein, damit der Patient von einer Psychotherapie überhaupt profitieren kann. Eingesetzt werden in nie Antidepressiva. Angstlösende Medikamente wie Benzodiazepine sollten nur kurzfristig eingenommen werden, da sonst die Gefahr besteht, abhängig zu werden. „Medikamente allein sind aber nie die Therapie“, sagt Fegg.

Als wirksam haben sich bei Angststörungen vor allem verhaltenstherapeutische Ansätze erwiesen. Diese zielen weniger auf die tieferen Ursachen als den Zusammenhang von Situationen mit bestimmten Angst- und Panikgedanken. Mit Hilfe des Therapeuten suchen die Patienten nach Strategien, um diese zu entkoppeln und die Angst zu kontrollieren. Ergänzend helfen Entspannungstechniken. „Sie sind das Aspirin der Psychotherapie“, sagt Fegg. In manchen Fällen ist es allerdings sinnvoll, die tiefer liegenden Ursachen mit Methoden der Psychoanalyse aufzudecken, etwa wenn ein Trauma hinter den Ängsten steckt.

S.G.

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