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Der Bildschirm zeigt noch die alte Blase: Urologe Dr. Alexander Karl zeigt seinem Patienten Gotthard Weiss, wo der große Tumor saß.

Thema Urologie

Blasenkrebs: Leben mit einer neuen Blase

Er zählt zu den häufigsten Tumoren, dennoch ist er wenig bekannt: Blasenkrebs. Ist die Krankheit bereits fortgeschritten, müssen Ärzte das Organ komplett entfernen. Doch es gibt eine Alternative.

Eine Methode, die oft wieder ein fast normales Leben ermöglicht, nennt sich die Neoblase. Gotthard Weiss, 44, lebt seit einem Jahr damit.

Heute Brüssel, morgen Budapest: Als Vertriebsleiter eines internationalen Konzerns reist Gotthard Weiss jede Woche quer durch Zentraleuropa. Was niemand ahnt: Der 44-Jährige hat gerade eine schwere Krebserkrankung hinter sich. Dass er heute wieder von Stadt zu Stadt jetten kann, verdankt er dem Team der Urologischen Klinik Großhadern – und seinem Operateur Dr. Alexander Karl. Gemeinsam mit seiner Frau Tetyana und Tochter Maria ist Weiss heute nach München gekommen, um danke zu sagen. Und um von dem gemeinsamen Weg zu erzählen. Denn Krebs, so sagt Tetyana Weiss, „trifft immer die ganze Familie“.

Ein starker Mann braucht keinen Arzt – und schon gar keinen Urologen: So denken viele Männer, auch Gotthard Weiss war der Gedanke nicht fremd. „Ich war körperlich topfit“, erzählt er. Allerdings war da dieser Druck unten im Bauch. „Als würde etwas nicht rauskommen, was da nicht reingehört.“ Zudem musste er öfter auf die Toilette. „Vielleicht die Prostata“, dachte der damals 43-Jährige. Denn mit den Jahren neigt das Drüsenorgan dazu, sich zu vergrößern. In der Regel ist das harmlos. Sorgen machte sich aber auch Weiss’ Frau Tetyana. Schon vor ein paar Monaten hatte ihr Mann Schmerzen beim Wasserlassen gehabt. Als er nach einer Zahn-OP ein Antibiotikum nahm, verschwanden sie. Damals ging er nicht zum Arzt. Doch diesmal drängte sie ihn.

Als das Wasser lassen schwierig wird, denkt Weiss an die Prostata

Der Urologe untersuchte den Bauch in seiner Praxis mit Ultraschall und analysierte den Urin. Schnell war klar: Die Ursache für das häufige Wasserlassen war nicht die Prostata. „Sie sind doch in Saporoshje geboren, dem Gebiet der berühmten Kosaken in der Ukraine. Da sind die Männer ja sehr stark“, meinte der Urologe, bevor er Weiss sagte, was er sah: In der Blase saß ein Tumor, bereits sechs Zentimeter groß. Die Familie hatte kaum Zeit, den Schock zu verarbeiten. Schon wenige Tage später lag Weiss in der Urologischen Klinik in Großhadern im OP.

Klar war: Der Tumor war sehr groß. Unklar war indes, ob er gutartig war – oder bösartig. Das ergibt erst die Gewebeuntersuchung nach der OP. Der Tumor wird mit einem Endoskop über die Harnröhre entfernt. Eine elektrische Schlinge schält ihn stückweise heraus. Mediziner sprechen von transurethraler Resektion der Harnblase, kurz TUR-B.

Als Frau und Tochter ins Krankenhaus kamen, saß Gotthard Weiss schon im Bett und hatte die ersten E-Mails beantwortet. „Mir ging es schnell gut“, sagt er. Doch wusste er nicht, wie es weitergehen würde. Erst mal hieß es: warten. „Es waren schreckliche Tage“, erzählt Tetyana Weiss. Keiner in der Familie tat ein Auge zu. Auch machte sie sich Vorwürfe: Hätte sie ihren Mann nur schon vor ein paar Monaten gedrängt, zum Arzt zu gehen. Der Tumor wäre sicher kleiner gewesen. Mutter und Tochter wühlten sich durchs Internet. „Jeder für sich, erzählt Tochter Maria, 22. Manches, was sie las, machte Mut, anderes Angst. Zudem quälte alle eine Frage: Warum? Blasenkrebs ist bei jungen Männern relativ selten, keiner in der Verwandtschaft war bisher daran erkrankt. Zwar hatte Weiss früher geraucht, doch schon vor 14 Jahren damit aufgehört. War vielleicht die radioaktive Strahlung schuld? Als der Reaktor in Tschernobyl explodierte, gingen Tetyana und Gotthard gemeinsam in die Schule, nur 80 Kilometer vom Ort der Katastrophe entfernt.

Bis die neue Blase funktioniert, muss man viel trainieren

„Die Frage nach dem ,Warum‘ quält viele Betroffene“, sagt Karl. Doch ob man eine Antwort findet oder nicht: An der Krankheit ändert das nichts mehr – und an der jetzt nötigen Therapie.

„Man darf das Vertrauen nicht verlieren“, sagt Tetyana. „Muss sich aber auch wappnen, dass der Weg schwierig werden kann.“ Den ganzen Tag stand das Telefon in Reichweite. Als es klingelte, brachte es schlechte Nachrichten: Der Tumor war bösartig – und sehr aggressiv. Immerhin: Er hatte noch keine Absiedelungen gebildet, auch der Muskel der Blase war noch nicht befallen. Würde das Organ allerdings im Körper bleiben, wäre das Rückfallrisiko extrem hoch.

Der Rat der Ärzte lautete daher: Die Blase sollte raus. Doch was dann? Muss das Organ entfernt werden, kennt die moderne Medizin heute drei Methoden, um den Urin abzuleiten. Die erste: ein Urostoma, ein künstlicher Ausgang für den Urin. Wie auch bei Menschen, denen der untere Teil des Darms entfernt wurde, kann der Urin über die Bauchdecke aus dem Körper geleitet werden. Beutel fangen die Flüssigkeit auf.

Methode zwei: Die Ärzte konstruieren ein Reservoir aus Darmstücken in Höhe des Nabels. Diese wird über einen Kanal, der nach außen dicht ist, mit dem Nabel verbunden. Der Patient muss den Urin über einen Katheter alle paar Stunden entleeren.

Doch gibt es noch eine weitere Möglichkeit, die oft ein nahezu normales Leben verspricht: eine Neoblase, eine neue Blase also. Die Chirurgen schneidern diese aus Dünndarm. „Man entnimmt etwa 60 Zentimeter“, erklärt Karl. Die Haut wird in Form einer Kugel zusammengenäht und an die Stelle der alten Blase gesetzt. „Ein großer Eingriff“, sagt Karl. Zumal die Prostata mitentfernt wird. Schon dabei besteht eine gewisse Gefahr, dass der Patient danach das Wasser nicht mehr gut halten kann. Auch die Nerven, die die Potenz steuern, sind in Gefahr.

Weiss blieb zuversichtlich. Er wollte die Neoblase – und sein altes Leben zurück. Ob der Eingriff wirklich möglich ist, wissen die Ärzte aber sicher erst während der eigentlichen OP. Als Weiss erwachte, war daher seine erste Frage: „Habe ich die Blase – oder nicht?“ Er hatte sie. „Der Weg in mein neues Leben konnte beginnen“, sagt er.

Beckenboden Training für die neue Blase

Doch brauchte Weiss zunächst viel Geduld. Denn die neue Blase war nicht gleich einsatzfähig. Würde sie den Urin sofort speichern, könnten die Nähte reißen. Bis diese verheilt waren, wurde der Harn über Schienen aus der Bauchdecke geleitet. Etwa 15 Tage nach der OP konnte die neue Blase ihre Aufgabe übernehmen. Doch auch dann klappt nicht alles sofort wie vorher. Die neue Blase muss sich erst langsam dehnen. Patienten, mit einer Neoblase können das Wasser in der Regel nicht sofort nach der OP halten. Doch lässt sich das trainieren, etwa indem man den Beckenboden stärkt.

In der Reha lernte Weiss, wie man diesen Muskel im Unterbauch trainiert. Er übte fleißig, wochenlang, lernte dabei seinen Körper neu kennen: Welche Muskeln muss er etwa anspannen, wenn er eine Treppe runtergeht? „Wir sagten immer: Er geht wie die Prinzessin Sisi“, erzählt seine Frau lachend. Weiss’ Blase erfüllte ihre Aufgabe immer besser. Doch gab sie kein Signal mehr, wenn sie voll war. Die nötigen Nerven fehlen. Weiss musste lernen, den Druck auf den Schließmuskel wahrzunehmen. „Am Anfang hilft es, sich alle paar Stunden den Wecker zu stellen“, sagt Karl.

Heute hat Weiss seine neue Blase im Griff. Auch sonst: „Alles funktioniert!“, sagt er. „Ich bin ein positives Beispiel.“ Auch dafür, wie man schwere Zeiten übersteht, wenn die Familie einen stützt.

Von Sonja Gibis

Experte

Der Experte des Beitrags ist Priv.- Doz. Dr. Alexander Karl. Er ist Oberarzt und Leiter des Harnblasenkarzinomzentrums an der Urologischen Klinik in Großhadern, Klinikum der Ludwig-Maximilians- Universität München.

Leserfragen an den Experten: wissenschaft@merkur-online.de

Bei Blut im Urin sofort zum Arzt!

Plötzlich ist der Urin rötlich. „Wer so etwas bemerkt, sollte sofort zum Arzt gehen“, sagt Urologe Dr. Alexander Karl. Auch wenn der Urin wenige Stunden später wieder normal aussieht und es nicht brennt oder schmerzt.

Zwar können hinter einer kleinen Blutung im Harntrakt auch harmlose Ursachen stecken. Doch ist rötlicher Urin auch ein typisches Anzeichen für die fünfthäufigste bösartige Tumor-Erkrankung: Blasenkrebs. Jedes Jahr erkranken in Deutschland etwa 30.000 Menschen daran, Männer etwa drei Mal so oft wie Frauen. Die mittlere Erkrankungsalter liegt bei Männern bei etwa 71, bei Frauen bei etwa 74 Jahren. Früh erkannt ist Blasenkrebs meist heilbar. Doch verursacht der Tumor oft lange keine Probleme. Häufig ist Blut im Urin das erste Anzeichen. Denn in der wachsenden Krebsgeschwulst bilden sich ständig neue Blutgefäße. „Diese reißen leicht ein“, erklärt Karl. Da schon wenig Blut den Urin stark verfärbt, fällt dies oft auf.

Frühe Diagnose bei Blasenkrebs kann Leben retten

Eine frühe Diagnose kann nicht nur lebensrettend sein. Hat Blasenkrebs einmal Absiedlungen (Metastasen) gebildet, ist er nicht mehr heilbar. Hat der Tumor das Muskelgewebe der Blase aber noch nicht befallen, ist der Krebs nicht nur gut behandelbar, auch das Speicherorgan des Urins kann bei der OP oft erhalten werden.

Etwa drei Viertel der Blasentumore werden in diesem Stadium entdeckt. Der Tumor wird dann durch ein Endoskop über die Harnröhre entfernt. Danach werden Medikamente in die Blase gespritzt, um einen Rückfall zu verhindern. Denn zu einem solchen kommt es gerade bei Blasenkrebs relativ häufig.

Tumore in der Blase entstehen hierzulande meist aus deren Schleimhaut. Bösartige Zellen sind dann oft an mehreren Stellen in dem Organ zu finden. Zusätzlich kann auch die Schleimhaut der Nierenauskleidung und der Harnleiter befallen sein.

Um alle bösartigen Zellen zu erkennen, bringen die Urologen in Großhadern den Krebs zum Leuchten: Die Ärzte nützen dabei den erhöhten Stoffwechsel der Tumors. Bei der Fluoreszenz-Endoskopie erhält der Patient vor der OP ein Mittel in die Blase, das sich in den Krebszellen anreichert. Strahlt man sie mit blauem Licht an, leuchten sie rot zurück.

„So kann man alle vorhandenen Tumore in der Blase komplett entfernen, soweit sie nicht zu tief ins Gewebe gewachsen sind“, erklärt Karl. Auch die Harnleiter und die Niere werden im Computertomografen untersucht. Nur wenn sich bei der Entfernung der Blase kein Tumor in der Harnröhre und den beiden Harnleitern findet, kann danach eine sogenannte Neoblase konstruiert werden. Auch muss der Patient fit genug sein, um die große OP zu überstehen.

Alternative zum künstlichen Urin-Ausgang Urostoma

Die Alternative ist sonst oft ein Urostoma, ein künstlicher Urin-Ausgang. Für die Neoblase wird aus einem Stück Dünndarm ein Urin-Reservoir konstruiert und oben mit den Harnleitern und unten mit der Harnröhre vernäht.

Patienten mit einer Neoblase müssen oft etwas Geduld haben, bis diese optimal funktioniert. Nach der OP ist sie noch relativ klein und nimmt erst im Laufe der folgenden Wochen die Größe einer normalen Blase an. Entscheidend ist konsequentes physiotherapeutisches Training. Zudem müssen die Patienten auf ihren Säure-Base und Elektrolyt-Haushalt achten, da die Darmschleimhaut der Neoblase Stoffe aus dem Urin wieder aufnimmt.

sog

 

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