Feldmedizin-dpa
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Ein britischer Soldat demonstriert an einer Puppe die Erstversorgung eines Schwerverletzten.

Gipfel in Newport

Blutiges Handwerk: Briten stellen Feldmedizin vor

Newport - Abgerissene Beine, klaffende Bauchwunden, Kopfschüsse: Verletzungen von Soldaten sind in ihrer Entsetzlichkeit kaum vorstellbar. Die britische Armee will Feldärzte realitätsnah ausbilden.

Blutverschmiert liegt der Soldat auf dem OP-Tisch, über ihm nur ein Zelt. Ein Sprengsatz hat ihm beide Beine abgerissen, die Feldärzte kämpfen um das Leben des Verwundeten. Die Szene ist gestellt - hier, auf dem Gelände des Nato-Gipfels im walisischen Newport, wirkt die simulierte Kriegsrealität so ehrlich wie bizarr.

Die britische Armee nutzt das Treffen von gut 60 Staats- und Regierungschefs aus aller Welt, um den Stand der Feld-Medizin zu demonstrieren. Es sei die weltweit erste Simulation einer schweren OP direkt auf dem Schlachtfeld, wie die Organisatoren erklären.

„Mit jedem Konflikt entwickelt sich auch die Medizin auf dem Schlachtfeld weiter“, sagt Tim Hodgetts, Brigadegeneral und Medizinischer Direktor der britischen Streitkräfte, der Nachrichtenagentur dpa. Die Briten forschen derzeit viel an möglichst realistischen Puppen, an denen Ärzte schwerste Verletzungen nachstellen, die Soldaten im Krieg erleiden können. „Relevante Verwundungen“ nennt Hodgetts das.

Mediziner üben an Puppen

Ein walisisches Unternehmen hat Puppen hergestellt, die einem verwundeten Soldaten täuschend ähneln. Das Blut, das Maskenbilder auf den Stumpf malen, sieht aus wie echt, sogar einzelne Blutgefäße können die Mediziner nachempfinden. Sie üben dann nicht mehr an Tieren.

Das Silikon, aus dem der Oberschenkel gemacht ist, soll sich originalgetreu anfühlen wie ein Bein eines Soldaten, dem der Unterschenkel mit erheblichem Blutverlust abgesprengt wurde. „Das echte Bein ist nur etwas wärmer“, sagt Hodgetts sachlich und fügt mit einem leicht sarkastischen Lächeln hinzu: „Wenn man Glück hat.“ Für die Soldaten, die er „die Glücklichen“ nennt, hat er auch die passenden Prothesen parat - solche, die beim Kampfeinsatz nicht stören.

Nach Angaben des Professors für Feldmedizin steht das oft unappetitliche Fachgebiet weiter vor riesigen Herausforderungen. „Eine der größten ist es, die Kühlkette etwa für Blutkonserven unabhängig zu machen von Kühl- und Gefriergeräten“, sagt Hodgetts. Auf diesem Gebiet seien etwa die Deutschen weltweit führend. Sie hätten gefriergetrocknetes Blutplasma für den Einsatz auf dem Schlachtfeld entwickelt.

Hilfe innerhalb einer Stunde - und zwar weltweit

Die Royal Army ist laut Hodgetts in der Lage, innerhalb von spätestens einer Stunde - der „Golden Hour“, an jeden Punkt der Erde einen Notarzt zu einem Verwundeten zu bringen. Wenn viele Blutkonserven gebraucht werden, dann heißt das über Funk verbreitete Codewort „Operation Vampire“. Mindestens jeder vierte Soldat im Kampfeinsatz ist medizinisch ausgebildet und hat Bandagen dabei, die mit einer blutstillenden Flüssigkeit getränkt sind. Die Royal Army arbeitet daran, dass es bald jeder zweite ist.

„Das Stillen von Blutungen ist die große Herausforderung der Feldmedizin“, sagt Hodgetts. Das Zelt zieht große Aufmerksamkeit auf sich. Wenige hundert Meter entfernt sprechen die Staats- und Regierungschefs über Krieg und Frieden.

dpa

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