Wundexperte Dr. Till Geimer prüft bei seinem Patienten Adolf Huber die Durchblutung mit Ultraschall.
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Wundexperte Dr. Till Geimer prüft bei seinem Patienten Adolf Huber die Durchblutung mit Ultraschall.

Neue Methoden

Wenn Wunden nicht heilen wollen

Es ist ein unterschätztes Problem: Bei immer mehr Menschen wollen Wunden nicht mehr heilen. Oft sind die Ursache kranke Gefäße.

Auch Adolf Huber, 86, leidet daran. Jetzt freut er sich auf ein Weihnachten ohne Verband – das erste seit drei Jahren. Geholfen hat ihm eine neue Methode.

Einst hat Adolf Huber selbst am Bau der Unikliniken mitgewirkt, als Ingenieur im Universitätsbauamt. „Heute profitiere ich davon“, sagt er lachend. Eigentlich fühlt er sich fit, trotz seiner 86 Jahre. Wenn da nur dieses lästige Leiden nicht wäre: Seit etwa drei Jahren hat er eine Wunde am Unterschenkel, die einfach nicht heilen will – bis jetzt. Dermatologe Dr. Till Geimer wechselt den Verband. Er ist zufrieden. Vielleicht noch einen Zentimeter misst das Loch in der Haut. Am Anfang war es fast zwölf Quadratzentimeter groß. Ein Riesenerfolg. „Bis Weihnachten ist der Verband weg“, verspricht der Wundexperte.

Keine Lapalie 

Wie Adolf Huber geht es etwa zweieinhalb Millionen Menschen in Deutschland. Sie leiden an chronischen Wunden. Das verursacht viel Leid – und auch viele Kosten. „Das Problem wird völlig unterschätzt“, sagt Geimer. Schließt sich eine Wunde nicht, ist das keine Lapalie. Infektionen drohen, die Patienten brauchen ständige Pflege, verlieren ihre Selbstständigkeit.

In Deutschland verschlimmern sich pro Jahr etwa 60.000 chronische Wunden am Unterschenkel so sehr, dass die Ärzte amputieren müssen. Denn oft genügt es nicht, die Wunde vom Hausarzt verbinden zu lassen. „Die Versorgung sollte in den Händen eines Fachmanns liegen“, sagt Geimer. Das Klinikum an der Thalkirchner Straße bietet für Betroffene etwa eine spezielle Wundsprechstunde an.

Ein Insektenstich führte zu einer Infektion, die die inneren Beinvenen schwer schädigte.

Denn bei Patienten mit chronischen Wunden reicht es nicht, diese immer wieder zu desinfizieren und zu verbinden. „Wichtig ist es, die Ursache dafür zu suchen, dass die Wunde nicht heilt“, sagt der Experte. Selbst wenn sich die Wunde irgendwann schließt: Nur wenn man die Krankheit behandelt, die dazu geführt hat, kann das einen Rückfall verhindern.

Betroffen von chronischen Wunden sind dabei nicht nur Menschen, die an der Zuckerkrankheit leiden. Will sich eine Wunde nicht mehr schließen, steht dahinter in 60 bis 80 Prozent der Fälle eine gestörte Durchblutung. Denn mit dem Blut gelangen auch viele Stoffe zur Wunde, die die Heilung fördern.

Ein Problem können die Arterien sein, über die das Blut vom Herzen im Körper verteilt wird. Sind die Gefäße in den Beinen verengt, spricht man auch von der peripheren arteriellen Verschlusskrankheit (PAVK), auch Schaufensterkrankheit genannt. Denn wer daran leidet, bekommt beim Gehen oft Schmerzen in den Beinen und bleibt deswegen häufiger stehen – etwa an einem Schaufenster. Ursache ist eine Gefäßerkrankung, die bei Betroffenen meist auch in anderen Bereichen des Körpers auftritt: die Arteriosklerose, umgangssprachlich auch Arterienverkalkung genannt. In den Arterien bilden sich Ablagerungen. In den Beinen führen diese zu einer schlechten Durchblutung. Doch können sie auch Schlaganfälle und Herzinfarkte auslösen.

Doch auch die Venen, die das Blut zum Herzen zurückbefördern, können erkranken. Oft bilden sich Krampfadern. Die Venenklappen, die verhindern, dass das Blut zurückfließt, funktionieren nicht mehr richtig – die Gefäße weiten sich. Das Blut staut sich in den Beinen. Sind die äußeren Venen betroffen, lassen sich die Krampfadern meist gut behandeln. „Schwieriger ist dies bei den inneren Beinvenen“, sagt Geimer. Eine gewisse Hilfe bietet ein Kompressionsstrumpf.

Doch nicht immer reicht das. Auch bei Adolf Huber sind vor allem die inneren Beinvenen die Ursache, dass bei ihm Wunden am Unterschenkel schlecht heilen. Geschädigt wurden sie durch eine schwere Infektion, die bereits 20 Jahre zurückliegt. Eines Tages entdeckte Huber an seinem Fuß einige Stiche, dicht nebeneinander. „Ich hatte nichts davon gespürt“, erzählt er. Doch waren die Stiche keineswegs harmlos. Sie führten zu eine schweren Entzündung. Auch die Ärzte waren ratlos, was für ein Insekt der Übeltäter gewesen sein könnte. Die Infektion breitete sich auf den Knochen aus. „Die haben sogar überlegt, ob sie mir das Bein abnehmen müssen“, erzählt der Rentner. Die Ärzte konnten eine Amputation verhindern. Doch mussten sie ein Stück Knochen entfernen. Seither ist Hubers linkes Bein kürzer.

Bei der Infektion wurden allerdings auch die tiefen Beinvenen beschädigt. Der Rentner hat seither Probleme mit der Durchblutung. Schon drei Mal hatte sich eine Wunde gebildet, die lange nicht mehr heilen wollte. Doch jedes Mal schafften die Ärzte es, dass sie sich schließlich doch wieder schloss.

Neue Methode zur Wundheilung

Vor drei Jahren war es anders: Trotz verschiedener Therapieversuche bei mehreren Ärzten wollte die Wunde einfach nicht heilen. Statt dessen wurde sie immer größer. „Schmerzen hab ich aber nicht gehabt“, sagt Adolf Huber – auch das ist typisch bei Patienten mit Gefäßerkrankungen. Schließlich schickte ihn seine Hausärztin zu den Experten ins Uniklinikum.

In solchen Fällen haben die Ärzte des Klinikums an der Thalkirchner Straße die Möglichkeit, neue Methoden zu erproben. In klinischen Studien kommen Arzneimittel zum Einsatz, die noch nicht Standard sind, aber Erfolg versprechen.

Zwölf Wochen lang bekam Adolf Huber einen speziellen Kompressionsverband. Zusätzlich ein neues Spray: Es enthält Hautzellen, sogenannte Keratinozyten und Fibroblasten. Für jede Behandlung wird eine Dosis aufgetaut und auf die offene Wunde gesprüht.

Die neue Methode hatte Erfolg: Die Wunde begann sich zu schließen. Endlich. Woche für Woche konnte der Rentner selbst sehen, wie sie kleiner wurde.

Nur noch ein paar Mal den Verband wechseln, so hofft Adolf Huber – und freut sich auf einen Winter ohne Bandage am Bein, den ersten seit drei Jahren.

Sonja Gibis

Der Experte

Der Experte des Beitrags ist der Dermatologe Dr. Till Geimer von der Poliklinik für Dermatologie und Allergologie an der Thalkirchnerstraße, Städtisches Klinikum München und Klinikum der Universität München. Als Arzt im städtischen Dienst leitet er dort eine spezielle Wundsprechstunde.

Telefon 089/ 4400-56241 (Mo-Do 14 bis 17 Uhr) E-Mail: wundzentrum_derma@med.uni-muenchen.de

Sonja Gibis

E-Mail:sonja.gibis@merkur.de

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