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Der Präsident des Deutschen Roten Kreuzes ( DRK), Rudolf Seiters

Organisation begeht Jubiläum

DRK-Präsident fordert: Pflegeberufe aufwerten

Stuttgart/Berlin - Deutschland steuert nach Ansicht von Rotkreuz-Präsident Rudolf Seiters sehenden Auges auf einen massiven Pflegenotstand zu, tut aber nichts.

Deutschland steuert nach Ansicht von Rotkreuz-Präsident Rudolf Seiters sehenden Auges auf einen massiven Pflegenotstand zu - und tut nichts. „Daher fordern wir eine Aufwertung der Pflegeberufe“, sagte der ehemalige Bundesminister in Interview der Nachrichtenagentur dpa in Stuttgart. In Baden-Württembergs Landeshauptstadt feiert das Deutsche Rote Kreuz am 31. Oktober mit einem Festakt sein 150-jähriges Bestehen.

150 Jahre DRK. Wo liegen die größten Zukunftssorgen?

Seiters: Wir sehen, dass wir auf einen Pflegenotstand zusteuern, wenn es nicht gelingt, notwendige Pflegekräfte zu bekommen. Zuwanderung ist kein Allheilmittel. Daher fordern wir eine Aufwertung der Pflegeberufe, um diese Berufe attraktiver zu machen. Professionellen Pflegekräften muss mehr Eigenverantwortung übertragen werden. Sie brauchen aber auch mehr flexible Entwicklungs- und Karrieremöglichkeiten.

Aber das kostet Geld.

Seiters: Pflegekräfte, die ins Ausland - etwa nach Skandinavien oder Luxemburg - abwandern, begründen dies nicht nur mit der Höhe des Gehaltes, sondern auch mit der größeren Verantwortung, die ihnen im Ausland übertragen wird.

Wie geht es dem DRK im 150. Jahr seines Bestehens?

Seiters: Wir sind die mit Abstand größte humanitäre Organisation in Deutschland. Wir haben mit unseren sechs Millionen Einsätzen im Rettungsdienst und bei den Krankentransporten einen Anteil in Deutschland bundesweit von 54 Prozent. Wir versorgen mit 3,5 Millionen Blutspenden zu 75 Prozent die Blutversorgung in Deutschland. Wir haben eine Fülle von Krankenhäusern, Altenheimen, Kindergärten. Wir haben Projekte in 50 Ländern der Welt.

Und wie sind die Aussichten?

Seiters: Wir haben Gott sei Dank die Situation, das die Zahl von 400 000 ehrenamtlichen Helfern stabil geblieben ist. Doch wissen wir, dass die Alterung in der Gesellschaft uns vor große Herausforderungen stellt. Nach allen Prognosen wird die Bevölkerung in Deutschland in den nächsten 20 Jahren um fünf Millionen schrumpfen und die Zahl der 20- bis 65-Jährigen wird auf 53 Prozent zurückgehen. Das heißt: Einer dramatisch steigenden Zahl von Kranken und Hilfsbedürftigen steht eine sinkende Zahl von potenziellen Helfern gegenüber.

Warum engagieren sich so wenige Migranten beim DRK?

Seiters: Es ist sicher so, dass wir hier noch Defizite haben. Wir wollen den Menschen mit Zuwanderungsgeschichte helfen, dass sie sich integrieren. Wir wollen sie aber auch gewinnen, dass sie die Gesellschaft, in der sie leben, mitgestalten.

Werben Sie gezielt um Migranten?

Seiters: Wir wollen Menschen mit Zuwanderungsgeschichte sehr konkrete Angebote machen. Wir wollen aber genauso die ältere Generation in Auge haben, die aus dem Berufsleben ausscheidet und noch nach sinnvollen Tätigkeiten sucht.

Wie sieht es bei der Jugend aus?

Seiters: Die Bereitschaft zur Hilfe ist bei der Jugend genauso ausgeprägt wie bei der älteren Generation. Das hat ja auch die Flut im Frühsommer gezeigt und die Spontanität, mit der junge Leute da hingegangen sind. Problem bleibt, dass die jungen Leute sich nicht so gerne ein Leben lang an eine Organisation binden, sondern lieber ein spontanes Engagement suchen. Auch da wollen wir Angebote machen.

Warum nutzt das Rote Kreuz seine Position nicht viel mehr auch für politische Forderungen?

Seiters: Wir sind kein Amnesty International, wir sind auch kein reiner Sozialverband. Wir sind eine Internationale Hilfsgesellschaft und haben gesamtstaatliche Aufträge zur Wahrung des humanitären Völkerrechts. Zu unseren Prinzipien gehört die Neutralität und die Unparteilichkeit. Deswegen stehen wir nicht an der Spitze derer, die Kritik üben. Wohl aber nehmen wir für uns das Recht in Anspruch unsere Wünsche und Forderungen zu formulieren.

Was versprechen Sie sich von dieser Zurückhaltung?

Seiters: Das Internationale Rote Kreuz ist die einzige Organisation, die zum Beispiel 500 000 Gefangene in der Welt in einem Jahr besuchen kann. Es ist von daher richtig, dass wir diese Möglichkeit nicht dadurch zerstören, dass wir in allererster Line - wie Amnesty das zu Recht macht - Politiker kritisieren und massiv angreifen. Wir richten unseren Fokus auf die Situation der Häftlinge und der Menschen, die Hilfe brauchen. Im Inland ist das ähnlich: Wenn wir uns zu jeder sozialen Frage an die Spitze einer kritischen Bewegung stellen würden, hätten wir nicht den Einfluss, den wir heute haben.

Wie zum Beispiel in der Syrien-Frage?

Seiters: Wir unterstützen den Roten Halbmond in Syrien in dieser schrecklichen Lage nach Kräften - auch mit Spenden aus der deutschen Bevölkerung. Die Hilfe vor Ort muss verstärkt werden, damit sich die soziale Situation in den betroffenen Gebieten entkrampft. Es braucht ein eigenständiges europäisches Programm für die weitere Aufnahme von Flüchtlingen. Deutschland ist ja bisher das einzige Land, dass so ein Programm hat. Wenn es aber europäische Anstrengungen gibt, bin ich sicher, dass Deutschland weitere Flüchtlinge aufnimmt.

Welche Forderungen haben Sie in der Flüchtlingsfrage?

Seiters: Man sollte die sogenannten Kettenduldungen abschaffen. Bei Menschen, die seit langem hier leben und jahrelang nicht in ihre Herkunftsländer zurück können, denen sollte man eine unbefristete Aufenthaltsgenehmigung geben. Um sie als vollwertige Mitglieder unserer Gesellschaft anzunehmen. Weil dies auch der Willkommenkultur entspricht, zu der sich das DRK bekennt.

dpa

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