Eine neue Herzklappe - lange konnte man diese Klappen nur mit einer OP einsetzen. Heute ist oft auch ein Ersatz per Katheter möglich.
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Eine neue Herzklappe - lange konnte man diese Klappen nur mit einer OP einsetzen. Heute ist oft auch ein Ersatz per Katheter möglich.

Schlappe Ventile

Eine neue Herzklappe per Katheter

Ventile gibt es nicht nur im Auto, sondern auch im Herz. Sie heißen Klappen und verhindern, dass Blut in die falsche Richtung fließt. Doch auch sie können verschleißen.

Lange konnte man diese Klappen nur mittels OP austauschen. Heute ist oft auch ein Ersatz per Katheter möglich.

Aktiv und fit bleiben bis ins hohe Alter? Das gibt’s nicht umsonst, dafür muss man schon was tun. Das weiß auch Helmut Hegenauer und setzte dafür auf sein bewährtes Fitness-Rezept: abwechselnd flott gehen, eine Minute laufen, dann wieder gehen. Eine Stunde lang, mehrmals pro Woche zog er dieses Programm durch. Bis vor etwa eineinhalb Jahren, „dann konnte ich nicht mehr joggen“, sagt der 85-Jährige.

Er schob es zunächst auf das Alter, auch als er selbst beim Treppensteigen Probleme bekam. Hegenauer schaffte immer weniger Stufen, ehe ihm die Puste ausging. Dass das nicht nur eine normale Folge des Alterns war, erfuhr er aber erst durch einen Zufall. Im Oktober bekam er Sehstörungen, beim Lesen schienen die ersten Buchstaben eines Satzes plötzlich zu fehlen. Hinzu kamen leichte Gefühlsstörungen. Nach wenigen Stunden waren die Beschwerden weg. Hegenauer wollte trotzdem wissen, woher sie kamen. Er hatte seinen niedrigen Blutdruck in Verdacht, ging zum Kardiologen, der aber eine andere Diagnose stellte: Hegenauer hatte wohl einen leichten Schlaganfall.

Bei der Untersuchung entdeckte der Kardiologe auch etwas, das den Hirninfarkt womöglich ausgelöst hatte – und zudem die sinkende Leistungsfähigkeit Hegenauers und dessen Atemnot erklärte: Eine der Herzklappen, die Aortenklappe, öffnete sich nicht mehr richtig. Per Ultraschall konnte man das gut sehen. Auch, dass sie auffällig dick war. „Normalerweise ist die Aortenklappe papierdünn“, erklärt Prof. Steffen Massberg, Kardiologe und Chefarzt am Klinikum Großhadern in München. Im Laufe eines langen Lebens können sich dort Ablagerungen absetzen und die Klappe kann ebenso wie Blutgefäße verkalken. Dann büßt sie an Beweglichkeit ein und die Öffnung, durch die das Blut von der linken Herzkammer in die Aorta, die Hauptschlagader, gepresst wird, verengt sich zunehmend.

Eine neue Herzklappe hat Kardiologe Prof. Steffen Massberg seinem Patienten Helmut Hegenauer (85) per Herzkatheter eingesetzt. Auf dem Foto prüft er ihre Funktion mittels der 3D-Echokardiografie. Auf dem Foto prüft er ihre Funktion mittels der 3D-Echokardiografie. Die alte Aortenklappe war stark verkalkt.

Bei Helmut Hegenauer betrug der Durchmesser zuletzt nur weniger als einen Quadratzentimeter. Normal wäre bei einem gesunden Menschen seines Alters etwa das Dreifache, erklärt Kardiologe Massberg. Eine Folge dieser sogenannten Aortenklappen-Stenose: „Das Herz muss bei jedem Schlag gegen einen Widerstand arbeiten“, sagt Massberg. Es braucht daher immer mehr Kraft, um die gleiche Menge Blut in den Kreislauf zu pumpen – und damit jede Zelle des Körpers mit Sauerstoff zu versorgen. Bei körperlicher Belastung, etwa beim Sporttreiben oder Treppensteigen, steigt der Sauerstoffbedarf vorübergehend sogar noch. Das Herz muss schneller pumpen. Ist die Aortenklappe wie bei Helmut Hegenauer stark verengt, kommt das Herz dann schnell an seine Grenzen, die Pumpleistung reicht nicht mehr. Das Gehirn, das besonders viel Sauerstoff braucht, wird unter Umständen nicht mehr ausreichend versorgt. Betroffenen wird schwindlig, sie können sogar in Ohnmacht fallen. An der verengten Klappe kommt es zudem zu einem Rückstau an Blut, der zurück bis in die Lunge reichen kann. Der Patient gerät schneller außer Atem.

Auch ein Engegefühl (Angina pectoris) und Schmerzen in der Brust, wie man sie als Vorboten eines Herzinfarkts kennt, können ihre Ursache in einem solchen Klappenfehler haben. Selbst das Schlaganfall-Risiko steigt: Wie in einem verkalkten Rohr kann sich von der Herzklappe ein Kalkstück lösen. Wird es mit dem Blutstrom ins Hirn gespült, kann es dort ein Blutgefäß verstopfen – es kommt zu einem Schlaganfall. Vielleicht war das auch bei Helmut Hegenauer so.

Einen ersten Hinweis auf eine verengte Aortenklappe liefert dem Arzt die Untersuchung per Stethoskop. Hört er damit ein Rauschen, könne das auf einen Klappenfehler hindeuten, sagt Massberg. Denn ein solcher führe zu Turbulenzen im Blutstrom.

Der Experte behandelt oft Patienten wie Helmut Hegenauer. Eine Verengung der Aortenklappe ist die häufigste erworbene Erkrankung der Herzklappen. Das Risiko dafür steigt mit dem Alter. Bei den 75-Jährigen liegt der Anteil der Betroffenen bereits bei mehr als drei Prozent.

Sehr gut beurteilen lässt sich die Verengung mit einer 3D-Echokardiografie. Bei dieser Ultraschall-Untersuchung lässt sich das Herz dreidimensional darstellen. Wie viel Blut noch durch die Klappe fließt, zeigt auch eine Farbdoppler-Sonographie. Der Blutstrom wird auf dem Bildschirm verschiedenfarbig dargestellt.

Ist die Herzklappe defekt, sollte sie ersetzt werden. Mit Medikamenten lässt sich die Ursache nicht beheben und die Folgen bekommt man nur unzureichend in den Griff.

Das bewährte Verfahren ist eine Operation unter Vollnarkose. Dabei wird das Brustbein durchtrennt und das Herz kurze Zeit stillgelegt. Währenddessen nimmt die Herz-Lungen-Maschine seine Funktion. Vorteil: Die neue Herzklappe kann fest vernäht werden. Das Verfahren ist zudem seit Jahrzehnten im Einsatz, Chancen und Risiken daher langfristig abschätzbar.

Relativ jung ist die Methode, die bei Helmut Hegenauer zum Einsatz kam: Bei ihm wurde die neue Herzklappe per Herzkatheter eingesetzt. Transkatheter Aortenklappen-Implantation (TAVI) heißt das Verfahren, das 2002 zum ersten Mal am Menschen durchgeführt und seit 2007 auch im Klinikum Großhadern angeboten wird.

Über einen kleinen Schnitt in der Leiste führt der Kardiologe einen Führungsdraht in die Leistenarterie ein und schiebt diesen bis zum Herzen vor. Seltener erfolgt der Eingriff operativ über die Herzspitze. Für die nötige Sicht wird der Patient während des Eingriffs mit Röntgenstrahlen durchleuchtet. Auf den Führungsdraht folgt der eigentliche Katheter.

Vor Ort wird damit zunächst mit einem Ballon die verengte Herzklappe aufgedehnt und zur Seite geschoben. Erst dann wird die neue Herzklappe, ebenfalls per Katheter, eingeführt. Sie steckt in einem Drahtgeflecht, beide sind erst zusammengefaltet. An der Stelle der alten Klappe entfalten sich Draht und Ersatzklappe. Annähen muss man diese nicht. Damit die neue Klappe gut sitzt und genau zum Patienten passt, werde die richtige Größe per Computertomografie ausgemessen, erklärt Massberg. Auch der optimale Klappentyp werde so festgestellt.

Eine weitere Herausforderung: Während des Eingriffs schlägt das Herz im Gegensatz zur offenen Operation weiter. Es ist also in Bewegung, was das Platzieren erschweren würde. Doch lässt sich diese mit einem Trick auf ein Minimum reduzieren: Per Katheter wird vorübergehend eine Schrittmacher-Elektrode in die rechte Herzkammer eingeführt. Über diese Elektrode wird das Herz für wenige Sekunden ruhiggestellt, um die Klappe richtig zu platzieren. Inzwischen gibt es aber auch bereits Klappen, die ohne Ruhigstellen des Herzens implantiert werden können. Mit Kontrastmitteln prüft der Kardiologe nach dem Einsetzen der Klappe, ob diese dicht ist. Schließlich werden Elektrode, Katheter und Führungsdraht entfernt, der Schnitt an der Leiste genäht.

30 bis 40 Minuten dauert der Eingriff in der Regel. Er erfordert weder eine Vollnarkose noch den Einsatz der Herz-Lungen-Maschine. Das macht ihn schonender – und damit für Patienten interessant, für die ein Klappenersatz sonst nicht infrage käme, etwa wegen Erkrankungen der Lunge oder der Nieren oder wie bei Helmut Hegenauer wegen seines hohen Alters.

Der 85-Jährige ist froh, dass das neue Verfahren auch ihm einen Klappenersatz ermöglicht hat. Sonst hätte er nur mit Medikamenten behandelt werden können, mit schlechten Aussichten: Fast 50 Prozent der nur mit Medikamenten therapierten Patienten überleben Studien zufolge das Jahr nach der Diagnose nicht. Der Kathetereingriff senkt die Sterblichkeit auf deutlich unter zehn Prozent.

Bislang raten Fachgesellschaften nur bei Hochrisiko-Patienten zum Klappenersatz per Katheter. Das Verfahren kann auch zu Komplikationen führen, die beim konventionellen Verfahren womöglich seltener auftreten. So kann es beim Kathetereingriff passieren, dass Patienten danach dauerhaft einen Schrittmacher brauchen. Auch zu Blutungen kann es kommen. Das Risiko eines Schlaganfalls sei dagegen bei beiden Methoden vergleichbar, sagt Massberg. Die Frage, wie haltbar so eingesetzte Klappen sind, wird sich jedoch erst in vielen Jahren klären lassen.

Massberg rät daher dazu, sich in einem großen Zentrum behandeln zu lassen. Dort haben die Ärzte nicht nur viel Erfahrung mit der Kathetermethode. Auch beurteilen Kardiologen und Herzchirurgen gemeinsam, welches Verfahren das geeignetere ist. Wer dann noch unsicher ist, kann zudem eine unabhängige Zweitmeinung einholen.

Der Experte

Der Kardiologe Professor Steffen Massberg ist Direktor der Medizinischen Klinik und Poliklinik I am Klinikum der Universität München.

Von Andrea Eppner

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