Löwe braucht einen Mittagsschlaf
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Einfach mal wegdösen? Ein großes Plus für die Konzentration, hierzulande aber oft verpönt.

Powernapping im Test

Bringt ein kurzer Mittagsschlaf etwas?

Mittagsschlaf war gestern: Als „Powernapping“ kehrt das kurze Nickerchen ins Büro zurück. Der Kurzschlaf soll gesund halten, belegen Studien. Doch macht er auch leistungsfähiger?

Wirtschaftspsychologe Bernd Stangl wollte es genau wissen – und ließ Bank-angestellte schlummern.

Dass sie gerade Zeuge eines wissenschaftlichen Experiments wurden – davon ahnten die Kunden der Raiffeisen-Volksbank Donauwörth wohl nichts, als sie im Frühjahr vergangenen Jahres am Schalter standen. Scheinbar war in den Filialen alles wie immer: Angestellte nahmen Überweisungen entgegen, berieten zu Geldanlagen, zahlten Geld aus. Doch hatten sie an einem Tag noch eine Aufgabe: Sie sollten schlafen – und zwar für die Forschung.

Der ungewöhnliche Versuch ist Teil der Bachelorarbeit von Bernd Stangl, damals Student an der Hochschule Osnabrück. Der angehende Wirtschaftspsychologe wollte herausfinden, ob sich ein kurzes Nickerchen positiv auf die Leistung von Büroangestellten auswirkt. „Das Thema hat mich einfach interessiert“, sagt Stangl, der inzwischen in München studiert und einen Masterabschluss anstrebt. Er wollte nicht eine der zahllosen Arbeiten abliefern, die nur ein paar Hochschullehrer lesen und dann im Regal verstauben. Aktuell und alltagsrelevant sollte das Thema sein – „und die Arbeit vielleicht sogar ein klein wenig verändern“, sagt er bescheiden. Ist man nach einem Mittagsschlaf konzentrierter, arbeiten Angestellte dann schneller und genauer? Seine Arbeit sollte zeigen, ob es sich auch für den Unternehmer lohnt, das Schläfchen zurück ins Arbeitsleben zu holen.

Im Büro einfach mal wegdösen?

Denn der ist heute längst nicht mehr nur Selbstzweck. Statt von einem Mittagsschlaf ist darum auch meist von „Powernapping“ die Rede. Das klingt viel moderner – und weniger faul. Diese Form des mittäglichen Nickerchens (engl. „nap“) dient schließlich dazu, Energie („power“) zurückzugewinnen. Um sicherzugehen, dass man dabei nicht in den Tiefschlaf fällt, sollte es allerhöchstens eine halbe Stunde dauern, besser weniger. Sonst sitzt man danach schlaftrunken statt erfrischt am Schreibtisch.

Oder ist dieser energetisierende Effekt vielleicht ohnehin nur Einbildung? Stangl wollte es herausfinden und den Test unter Realbedingungen machen. „Da macht kein Unternehmen mit, das wird wohl nichts“, habe ihm sein Professor damals prophezeit. Stangl versuchte es trotzdem – und fand in der Bank in Donauwörth einen Partner für sein Experiment: Vor seinem Studium hatte er dort eine Ausbildung gemacht. Mit seinem Konzept konnte er auch die Leitung überzeugen.

Maximal eine halbe Stunde sollte der Kurzschlaf dauern

Insgesamt 64 Angestellte erklärten sich bereit, bei dem eintägigen Versuch mitzumachen, der in verschiedenen Filialen stattfand. Sie durften sich aussuchen, ob sie zur Schlaf- oder zur Kontrollgruppe gehören wollten: Die Teilnehmer der ersteren verbrachten eine leicht verkürzte Mittagspause, durften dafür aber im Anschluss zwanzig Minuten lang in einem abgedunkelten, ruhigen Raum schlafen oder dösen. Die Probanden der zweiten Gruppe verbrachten ihre Pause ohne Nickerchen.

Den Status vor dem Schlaf und dessen Effekt sollte ein knapp zehnminütiger Konzentrationstest messen, der kurz vor Mittag, um 14 und um 17 Uhr durchgeführt wurde. Die Probanden mussten dabei in Buchstabenreihen jedes „d“ durchstreichen, das mit zwei Strichen markiert war. Man muss sich arg konzentrieren, um dabei möglichst viele Reihen mit wenigen Fehlern zu schaffen.

Bernd Stangl verzichtet meist auf ein Schläfchen – „trotz meiner Forschungsergebnisse“

Den ausgeschlafenen Angestellten gelang das besser, wie Stangl feststellen konnte. Mit einem komplizierten mathematischen Modell hatte er die Einzelergebnisse der Teilnehmer vergleichbar gemacht, etwa Faktoren wie Alter, Geschlecht und Status vor dem Schlaf eingerechnet. Das Ergebnis: Die Schläfer hatten im Schnitt etwa 14 Prozent mehr Zeichen bearbeitet als die Kontrollgruppe – und sie hatten dabei deutlich weniger Fehler gemacht. Deren Anteil lag bei den Teilnehmern ohne Schlaf erst bei etwas mehr als neun und stieg um 17 Uhr auf weit über zehn Prozent an. Bei den Ausgeschlafenen lag er zu beiden Uhrzeiten bei etwa sechs Prozent.

Die Analyse zeigt: Es kann sich für Unternehmen durchaus lohnen, Ruheräume für Mitarbeiter einzurichten. Zumal der Effekt des kleinen Nickerchens nicht nur kurzfristig ist. Auch fühlten sich die schlummernden Angestellten in Stangls Experiment auch deutlich erholter.

Das Infarktrisiko von Herzkranken sinkt um 37 Prozent

Doch noch tun sich Firmen hierzulande schwer mit Powernapping: Sie scheuen hohe Kosten für Räume, viele fürchten auch einen Imageschaden. Diese Angst ist nicht unbegründet, wie das Beispiel der Stadtverwaltung Vechta zeigt. Dort hat man schon im Jahr 2000 Ruheräume für Mitarbeiter eingerichtet – und dafür den Spott der örtlichen Presse geerntet. „Hier dürfen Beamte im Dienst schlafen“, konnte man in der Zeitung lesen. Zwar zeigte eine Untersuchung des Fraunhofer-Instituts in Stuttgart später, dass die Produktivität höher war als in vergleichbaren Kommunen. Entscheidet sich doch einmal ein Unternehmen für „Powernapping“, wird das Angebot aber meist still und heimlich eingeführt. Arme auf den Schreibtisch legen, Kopf darauf und ein paar Minuten dösen oder sich auf einer Matte im Büro auf den Boden legen? In vielen deutschen Unternehmen ist das undenkbar.

In manchen anderen Ländern gehört der Tagschlaf indes zum Alltag. So schätzt man in Japan das „Inemuri“ genannte Nickerchen. Niemand käme auf die Idee, dem Schläfer Faulheit zu unterstellen. Man geht davon aus, dass er sich das Schläfchen durch fleißige Arbeit verdient hat. Auch in China ist der Mittagsschlaf gesellschaftlich akzeptiert – und noch mehr: „Xeu-Xi“ hat fast den Rang eines Grundrechts.

Reist man in die Vergangenheit, begegnet einem das Nickerchen aber auch hierzulande – in Gedichten, Erzählungen und Gemälden. Sie verraten auch, dass die Idee des „Powernapping“ alles andere als neu ist. Bis zur Industrialisierung gehörte der Mittagsschlaf zum Alltag. Dann hatte sich der Mensch den Erfordernissen der Produktion anzupassen – das Nickerchen verschwand aus der Arbeitswelt. Selbst in Südeuropa, wo die „Siesta“ in der Mittagshitze eine Tradition hat, wurde sie stark zurückgedrängt.

Dabei wären viele einem Mittagsschlaf nicht abgeneigt. In Stangls Versuch gab mehr als ein Viertel der Teilnehmer an, sich an freien Tagen ein Nickerchen zu gönnen. An Arbeitstagen waren es nur knapp neun Prozent. Auch Stangl ist keiner, der sich mittags mal kurz aufs Ohr legt. „Ich mache sehr selten einen Mittagsschlaf“, sagt er. „Trotz meiner Ergebnisse.“

Doch gibt es noch viele andere gute Gründe, die dafür sprechen. So zeigen Experimente von Schlafforschern, dass das Nickerchen am Mittag wohl zum natürlichen Biorhythmus gehört. Es soll zudem einen positiven Effekt auf das Immunsystem haben und den Stresspegel senken. Powernapper leiden seltener an Kopf- und Rückenschmerzen. Herzkranke haben gar ein deutlich verringertes Risiko für einen Infarkt, wie eine griechische Studie mit etwa 23 500 Teilnehmer ergeben hat: Ihr Risiko war um satte 37 Prozent geringer.

Auch im Beruf ist eine bessere Konzentration nicht das einzige Plus. So hat etwa eine Studie der NASA gezeigt, dass Powernapping die Reaktionszeit verkürzt: Für deren Piloten wurde es daher zur Pflicht. Viele andere Unternehmen in den USA bieten es an – und vielleicht folgen ihrem Beispiel bald auch mehr Betriebe in Deutschland.

Von Andrea Eppner

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