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Prof. Johannes Mann ist Experte für das Filterorgan des Körpers.

Heimtückisch

Entzündete Gefäße – Gefahr für die Nieren

Die Erkrankungen sind selten und bleiben daher oft lange unerkannt. Doch wenn der Körper seine eigenen Gefäße angreift, sind oft auch die Nieren in großer Gefahr.

Eine rechtzeitige Diagnose kann die Organe aber meist retten.

Am Backofen schwitzen, wenn andere noch schlafen: Für Hubert K., 62, ist das Alltag. Doch plötzlich fiel dem Bäckermeister die gewohnte Arbeit schwer. Er hustete, fühlte sich schlapp. Die Finger schmerzten, Fieber kam hinzu. Der Hausarzt vermutete einen Infekt, verschrieb Paracetamol. Doch auch nach Wochen war es nicht besser. Eine Blutprobe zeigte schließlich erhöhte Nierenwerte.

Hubert K. kam zu Prof. Johannes Mann, Leiter der Klinik für Nieren-, Hochdruck- und Rheumakrankheiten im Klinikum Schwabing. Der untersuchte zunächst den Urin. Eiweiß, das bei vielen Nierenerkrankungen in den Harn gelangt, fand sich darin kaum. Dafür rote Blutkörperchen. Diese waren verformt, hatten Ausbuchtungen – wie Mickey-Maus-Ohren. Für den Experten ein Hinweis auf Schäden in den Glomeruli, den Nierenkörperchen. Mann hatte einen Verdacht. Er testete das Blut auf bestimmte Antikörper, kurz ANCA genannt – und wurde fündig. Eine Gewebeprobe aus der Niere sicherte schließlich die Diagnose: Morbus Wegener.

Nieren machen selten Schmerzen

Die Erkrankung ist selten. Auch Mediziner denken daher oft nicht daran. „Die Beschwerden ähneln zunächst einem harmlosen Infekt“, sagt Mann. In der Folge kann es aber zu Nierenversagen kommen, auch zu Blutungen in der Lunge. Noch vor wenigen Jahrzehnten starben acht von zehn Patienten innerhalb eines Jahres. Heute können viele geheilt werden – wenn man die Krankheit erkennt.

„Die Niere äußert sich recht einsilbig, wenn sie Probleme hat“, erklärt Mann. Schmerzen gehören nur selten dazu. Dass das Organ in Gefahr ist, bemerkt man vor allem durch eine Analyse des Urins, was leider eher selten gemacht werde. „Das Blut ist immer zuerst dran“, sagt er. Doch im Urin zeigen sich typische Anzeichen oft früher. Denn Erkrankungen der Niere führen meist dazu, dass sie ihre Filterfunktion nicht mehr voll erfüllt. Sie lässt Stoffe durch, die sich sonst nicht im Harn finden, vor allem Eiweiße, rote Blutkörperchen sowie zylinderförmige Verklebungen mit Zellen darin. Klar ist dann: Die Niere hat Probleme. Unklar ist allerdings, welche.

Die größten Feinde der Niere sind dabei Bluthochdruck, Diabetes sowie aufsteigende Harnwegsinfekte. Doch gibt es weitere Gefahren, auf die Nierenexperte Mann aufmerksam machen möchte, etwa die Vaskulitiden. Bei diesen Gefäßentzündungen, die zu den rheumatischen Erkrankungen gehören, ist oft auch die Niere betroffen, ohne dass die Patienten dies bemerken. So etwa bei Morbus Wegener, auch Wegenersche Granulomatose oder granulomatöse Polyangiitis genannt. Denn typisch sind Granulome, Gewebeknoten, die sich an den entzündeten Gefäßen bilden. Hinter „Wegener“ steckt allerdings nicht nur eine Art von Entzündung, sondern verschiedene Autoimmunerkrankungen, bei denen das Immunsystem körpereigene Zellen angreift. Experten sprechen daher auch vom Wegenerschen Formenkreis. Entzündet sind dabei vor allem Gefäße in Nase, Lunge, Haut und Niere. Grundsätzlich kann aber jedes Organ betroffen sein. Typisch sind etwa auch rote, entzündete Augen sowie rote Punkte in der Haut.

Rote Blutkörperchen im Urin weisen auf Krankheit hin

Ähnliche Beschwerden verursacht die Mikroskopische Polyangiitis. Die entzündeten Gefäße sind hierbei so fein, dass sie nur unter dem Mikroskop sichtbar sind. Ebenfalls recht ähnlich: das Churg-Strauss-Syndrom, bei dem oft auch der Herzmuskel betroffen ist. Auch in diesen Fällen ist ein ANCA-Test meistens positiv. Mit Kortison und Medikamenten, die das Immunsystem unterdrücken, lassen sich diese gefährlichen Erkrankungen meist in den Griff bekommen.

Doch gibt es noch andere heimtückische Nierenkiller. Ein echter Fall für Dr. Gregory House, TV-Mediziner und Diagnose-Detektiv, wäre das Goodpasture-Syndrom. Auch hier entzünden sich die Gefäße in Lunge und Niere. „In München gibt es vielleicht zwei bis drei Fälle pro Jahr“, sagt Mann. Doch für diese oft sehr jungen Patienten geht es um Leben oder Tod. Betroffen von der Erkrankung seien auffällig häufig Friseure, auch Kraftfahrzeugmechaniker. Der Verdacht: Lösungsmittel schädigen die Lunge. Das Blut hat dann Kontakt mit Gewebestrukturen, mit denen es sonst nicht direkt in Berührung kommt. In manchen Fällen bildet das Immunsystem Antikörper – es kommt zu einer Entzündung in Lunge und Niere.

Wird die Krankheit rechtzeitig entdeckt, kann die Niere oft gerettet werden. Die Antikörper werden durch einen Blutaustausch, eine Plasmapherese, entfernt. Zudem erhalten die Patienten Medikamente, die das Immunsystem daran hindern, erneut anzugreifen. „In vielen Fällen sind die Patienten nach einem halben Jahr geheilt“, sagt Mann.

Nierenversagen

Weiß das Team von Dr. House nicht weiter, vermutet es oft: „Vielleicht ist es Lupus?“ Auch bei dieser Erkrankung, die zu den Kollagenosen gehört, greift der Körper sich selbst an – was zu einem Bündel von Beschwerden führen kann. Betroffen sind vor allem jüngere Frauen. Typisch für Lupus erythematodes sind rote schmetterlingsförmige Flecken im Gesicht sowie andere Probleme mit Haut und Schleimhäuten. Oft kommen Gelenkschmerzen hinzu. Im Blut finden sich dann meist bestimmte Antikörper, die gegen Bestandteile des Zellkerns gerichtet sind. Kommen plötzlich Ödeme hinzu, etwa unter den Augen oder an den Unterschenkeln, ist oft die Niere mitbetroffen. Die Schwellungen entstehen, wenn über den Urin sehr viel Eiweiß verloren geht. „Dann ist die Prognose eher schlecht“, sagt Mann. Denn im Gegensatz zu Wegener ist Lupus fast immer chronisch und kehrt in Schüben wieder. Doch auch hier kann die Unterdrückung des Immunsystems mit Kortison und anderen Medikamenten helfen.

Eine weitere Gefahr für die Niere: Sklerodermie, die vor allem bei älteren Frauen auftritt. Dabei verhärtet und verdickt sich die Haut, zunächst an den Fingerkuppen und im Bereich des Mundes – aber auch in den Organen und den mittelgroßen Nierengefäßen. Die Niere reagiert, indem sie den Blutdruck hochreguliert. Das hat lebensbedrohliche Folgen. „Man muss den Blutdruck unbedingt mit bestimmten Medikamenten senken“, sagt Mann. Eine Therapie gegen Sklerodermie gebe es leider nicht.

Hubert K. hatte Glück. Eine Dialyse blieb ihm erspart. Viele Wegener-Patienten brauchen diese zumindest vorübergehend, bis sich die Nieren erholt haben. Der Bäckermeister erhielt Kortison und verschiedene Medikamente, die das Immunsystem unterdrücken – und damit auch den Angriff auf die Blutgefäße. Nach drei Wochen konnte er das Krankenhaus verlassen. Doch musste er sich zunächst vor Infekten in Acht nehmen. Nach etwa einem Jahr konnte er die Medikamente absetzen. Die Entzündung kam nicht zurück. Und er hat eine gute Chance, dass das so bleibt.

Von Sonja Gibis

Experte

Prof. Johannes Mann, Leiter der Klinik für Nieren-, Hochdruck- und Rheumakrankheiten im Städtischen Klinikum Schwabing.

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