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Finger verloren, Hand gequetscht - bei einem Unfall zuerst immer die 112 wählen. 

Was tun?

Finger verloren: Wie man erste Hilfe leistet

Ein unaufmerksamer Augenblick – und es ist passiert. Ein elektrisches Messer hat einen Finger abgetrennt. Bei einem Unfall verliert ein Opfer eine Hand. Was im Notfall bei abgetrennten Körperteilen zu tun ist.

In komplizierten Operationen, die viele Stunden dauern, gelingt es Experten heute immer öfter, abgetrennte Körperteile wieder anzusetzen. Doch selbst der beste Spezialist vermag nichts, wenn die erste Hilfe versagt.

Was ist die Aufgabe der Ersthelfer?

Wird ein Körperteil abgetrennt, kämpft man immer gegen die Uhr. Ist das Gewebe zu lange nicht durchblutet, gehen Zellen zugrunde – das Gewebe stirbt ab. Macht die Verletzung es möglich, das Körperteil wieder anzusetzen, muss das also sehr schnell geschehen.

Doch oft stehen die Ärzte vor einem Problem: Die abgetrennte Fingerkuppe oder der verlorene Finger wird nicht mit dem Patienten ins Krankenhaus gebracht. Auch wenn der Schrecken bei einem solchen Unfall groß ist – die erste Empfehlung lautet daher: „Man muss nach dem Körperteil suchen“, sagt Handchirurg Dr. Thomas Biesgen vom Münchner Klinikum Harlaching. Auch wenn es klein ist. Biesgen rät, jedes abgetrennte Gewebestück mitzunehmen, auch wenn es schwer beschädigt ist.

Die erste Aufgabe des Ersthelfers ist es aber, die Blutung zu stillen. Bei einer Handverletzung übt man am besten Druck auf die beiden Arterien an der Innenseite des Unterarms aus. „Bei den meisten Menschen kann man die gut sehen“, sagt Biesgen. Der Ersthelfer sollte eine Kompresse drauflegen und einen Druckverband anlegen. „Hat man keine Kompresse zur Hand, kann man zusammengeknüllte Taschentücher verwenden“, sagt Biesgen.

Wie kühlt man richtig?

Das abgetrennte Körperteil sollte dann beim Transport gekühlt werde, vor allem bei warmen Temperaturen. Denn bei Hitze stirbt Gewebe viel schneller ab. „Das hat sich inzwischen herumgesprochen“, sagt Biesgen. Doch Vorsicht! Noch schädlicher als Hitze kann zu große Kälte sein. Immer wieder meinen es Ersthelfer mit dem Kühlen zu gut und packen das Körperteil direkt auf Eis. In den Zellen bilden sich Kristalle und lassen diese platzen. Das Gewebe stirbt ab. Auch direkter Kontakt mit Wasser ist schädlich, da es das Gewebe aufquellen lässt.

Die richtige Kühlung: Das abgetrennte Körperteil wird steril umwickelt. „Zur Not mit Taschentüchern“, sagt Biesgen. Dann packt man es in eine durchsichtige Plastiktüte. Über diese stülpt man eine zweite. Nur in diese fülle man kühles Wasser, in dem auch einige Eiswürfel schwimmen dürfen. Doch darf auch diese nicht nur Eis enthalten.

Wieder annähen oder nicht?

Im Krankenhaus müssen die Experten zunächst entscheiden, ob das abgetrennte Körperteil wieder angesetzt werden soll oder der Patient besser mit dem Stumpf zurechtkommt. Denn selbst wenn das Replantieren gelingt, funktioniert die Hand oder der Finger nicht ganz wie zuvor. Oft wird das Körperteil schlechter durchblutet, kann daher sehr kälteempfindlich sein und schmerzen. Nur wenn eine ausreichend gute Durchblutung hergestellt werden kann, ist es sinnvoll, es wiederanzunähen.

Ist eine Replantation möglich, können Mikrochirurgen heute feine Nerven von bis zu 0,3 Millimetern Dicke wieder verbinden. Sie arbeiten dazu unter dem Mikroskop. Die verwendeten Fäden haben einen Durchmesser von bis zu einem fünfzigstel Millimeter. Zum Vergleich: Ein Haar ist etwa drei Mal so dick. Die Technik ist sehr aufwändig. Bereits um einen abgetrennten Finger wiederanzusetzen, ist eine Operation von drei bis vier Stunden nötig.

Wie wichtig ist die Psyche?

Replantieren können Ärzte heute viele verschiedene Körperteile, von der Finderkuppe bis hin zum vollständigen Arm. Ob der Eingriff letztlich ein Erfolg ist, liegt dabei allerdings nicht nur an der Art der Verletzung und dem Können des Operateurs. „Wichtig ist auch die Psyche des Patienten“, sagt Biesgen. Er muss den Unfall verarbeiten. Viele haben ein Trauma davongetragen – an das sie etwa durch die angenähte Hand ständig erinnert werden. Dennoch müssen die Patienten bereit sein, mit dem wieder angenähten Körperteil zu trainieren, um dessen Funktion wieder zu erlangen. Das geht nur mit Hilfe täglicher Ergo- und Physiotherapie.

Was ist eine Lappenplastik?

In manchen Fällen wird zwar kein Körperteil abgetrennt, doch es entsteht ein großer Defekt im Gewebe. Um diesen aufzufüllen, arbeiten plastische Chirurgen heute auch mit der Methode der sogenannten Lappenplastik. Dazu wird an einem Körperbereich, an dem es wenig auffällt, etwa am Bauch oder Gesäß, ein Stück Gewebe (Lappen) entnommen und dann verpflanzt. Auch hierbei entscheidet über den Erfolg vor allem, ob es gelingt mit Hilfe feinster Nähte eine gute Durchblutung herzustellen. Zum Einsatz kommt diese Technik etwa auch nach Krebsoperationen, zum Beispiel nach der Amputation einer Brust.  

sog

Sonja Gibis

E-Mail:sonja.gibis@merkur.de

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