Erkältung
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Für Erkältungsopfer gibt es vor allem ein Rezept: Bettruhe und viel trinken. Medikamente können zudem die Beschwerden lindern.

Die Wartezimmer sind voll

Experten-Tipps gegen die Schnupfennase

Bayern schnieft und hustet. Die Wartezimmer der Hausärzte sind derzeit voll mit Erkältungsopfern. Und: Die Grippewelle könnte erst noch anrollen. Ein Experte gibt Tipps, was gegen die Viren hilft.

Die Nase ist wund, die Kleidung schmerzt auf der Haut. Nachts schütteln einen Hustenanfälle. Derzeit sind die Wartezimmer wieder voll mit Patienten, die über solche Beschwerden klagen – auch das von Prof. Jörg Schelling in Martinsried. Denn Husten und Schnupfen gehören im Winter zum Alltag jedes Allgemeinarztes. Daran konnten auch die Fortschritte der Medizin nichts ändern.

Doch warum gibt es keine Spritze gegen den Schnupfen? „Man bräuchte Dutzende Impfungen – und die jedes Jahr“, erklärt Schelling. Läuft die Nase, steckt dahinter nämlich nicht immer derselbe Übeltäter. Die häufigsten Angreifer heißen Rhinoviren. Insgesamt können aber mehr als 200 verschiedene Erreger Erkältungen auslösen. Viele davon sind zudem Verwandlungskünstler – wie bei der echten Grippe. Auch ein Medikament gegen die Viren ist nicht in Sicht. Es müsste eine sehr breite Wirkung haben. „Die Nebenwirkungen wären wohl schlimmer als die Erkältung selbst“, sagt Schelling. Dennoch hat der Allgemeinmediziner einige Tipps für Schnupfennasen.

Wie gut helfen Paracetamol & Co bei Erkältung?

Wenn das Fieber steigt, greifen viele in die Hausapotheke. Doch Medikamente wie Paracetamol, Ibuprofen und der Aspirin-Wirkstoff Acetylsalicylsäure (ASS) lindern nur die Symptome der Erkältung. Paracetamol senkt vor allem das Fieber, Ibuprofen hilft gut gegen Gliederschmerzen. Insgesamt senken alle drei Wirkstoffe das Fieber, hemmen Entzündungen und Schmerzen. „Schneller gesund machen sie aber nicht“, sagt Schelling. Im Gegenteil: Wie Untersuchungen gezeigt haben, ist es nicht günstig, leichtes Fieber gleich zu unterdrücken und die Entzündungsreaktion des Körpers zu hemmen. Die Erkältung kann dann sogar länger dauern.

Das beste Rezept ist daher: Ruhe und viel trinken. Denn eine Erkältung ist nicht immer harmlos. „Auch bei einem harmlosen Infekt, kann der Herzmuskel leicht beteiligt sein“, sagt Schelling. Oder die Viren breiten sich auf die Nebenhöhlen aus. Sport ist daher tabu. Hustet und fiebert man nach einer Woche immer noch, sollte man zum Arzt gehen.

Was taugen Komplexmittel gegen Husten, Schnupfen & Co.?

Skeptisch sind viele Experten bei Komplexmitteln. Zwar addieren sich oft die Nebenwirkungen der Inhaltsstoffe, wegen der geringen Dosis bleibt eine Wirkung aber oft aus. Viele schlucken bei einer Erkältung zudem noch andere Mittel wie Paracetamol. Dass das bereits im Komplexmittel enthalten ist, wissen sie oft nicht. Wenn Mittel frei verkäuflich sind, heißt das auch nicht, dass sie keine Nebenwirkungen haben. „ASS kann den Magen angreifen, Paracetamol zu Leberschäden führen“, sagt Schelling. ASS wirkt zudem blutverdünnend – und das noch Tage nach der Einnahme. Auch Ibuprofen kann Magen und Darm angreifen. Auf keinen Fall sollte man sich nach dem Motto kurieren: „Viel hilft viel!“ Das kann bei Paracetamol sogar tödlich sein.

Wer auf pflanzliche Mittel wie Echinacea schwört oder lieber zu homöopathischen Globuli greift, dem rät Schelling nicht ab. Wissenschaftlich nachgewiesen sei die Wirkung aber oft nicht.

Wie gut schützen Vitamine vor einer Erkältung?

Wenn es Winter wird, greifen viele zu Vitamin C. Schon als Kind haben sie gelernt: Das schützt vor Erkältungen. Schelling ist allerdings skeptisch. Studien zufolge, ist es vor allem der Glaube an die Macht des Vitamins, der hilft. „Vitamin C schützt wohl kaum“, sagt der Allgemeinarzt. Zwar ist eine heiße Zitrone wohltuend, schneller gesund macht Vitamin C aber auch nicht, wenn man es in großen Mengen schluckt. Der Körper scheidet es einfach wieder aus. Deutliche Effekte fanden die Forscher nur bei Menschen, die großer Kälte oder Anstrengung ausgesetzt waren wie Soldaten und Marathonläufern.

„Anders ist das bei Vitamin D“, sagt Schelling. So gibt es Hinweise, dass es eine wichtige Rolle im Immunsystem spielt, also auch bei der Abwehr von Viren. Und: Vor allem am Ende des Winters haben hierzulande viele Menschen einen Mangel, vor allem wenn sie eine dunkle Haut haben. Denn das Vitamin wird mit Hilfe der UV-Strahlen der Sonne in der Haut gebildet. Läuft die Nase bereits, hilft aber auch Vitamin D nicht mehr. Zudem sollte man davon nicht beliebig viel schlucken. Das Vitamin wird im Körper gespeichert, eine Überdosierung ist daher möglich. Ob man tatsächlich an einem Vitamin D-Mangel leidet, erfährt man durch einen Bluttest beim Hausarzt.

Wie stärkt man seine Abwehr?

Insgesamt ist eine gute Versorgung mit Vitaminen zwar wichtig, um gesund zu bleiben. Doch ist ein Mangel hierzulande selten. Bei Mitteln, die versprechen, die Abwehr zu stärken, ist indes Skepsis angebracht. Denn die Schlagkraft unseres Immunsystems lässt sich nicht so einfach mit einem Pülverchen erhöhen. Besser wirkt gesunde Ernährung, vor allem Rohkost. Auch regelmäßige Bewegung, Wechselduschen, Kneipp-Kuren und Sauna-Gänge machen die Abwehr fit.

Bei der Suche nach Mitteln, die die Krankheit verkürzen, gibt es laut Schelling immerhin aussichtsreiche Kandidaten unter den Spurenelementen: Zink und Selen. Einigen Studien zufolge kann die Einnahme helfen, einen Infekt schneller loszuwerden, allerdings nur geringfügig.

Hände waschen nicht vergessen!

Viren sind winzig und gerade im Winter allgegenwärtig. Dennoch kann sich jeder schützen. Hochwirksam, aber oft unterschätzt ist die richtige Hygiene. Erkältungsviren verbreiten sich zwar auch über die Luft. Bei jedem kräftigen Niesen schleudern Erkrankte zahllose kleine Tröpfchen heraus, in denen Viren stecken. Die vielleicht größere Gefahr ist aber eine Schmierinfektion. „Die Türklinke ist unterschätzt“, sagt Schelling. So gilt es als höflich, sich beim Husten die Hand vor den Mund zu halten. Doch beim Gang aus dem Büro oder auf die Toilette landen die Viren auf der Klinke. Der nächste öffnet die Tür, greift sich mit der Hand an die kitzelnde Nase oder die juckenden Augen – und sie haben ihren neuen Wirt gefunden. Ein wichtiges Rezept gegen eine Ansteckung ist daher: Hände waschen! Und das regelmäßig, und mit Seife. In der U-Bahn sollte man darauf achten, nicht zuerst an die Haltestange und dann ins Gesicht zu greifen. Auch Handschuhe schützen. „Kein Hausarzt ist zudem böse, wenn man ihm zur Begrüßung die Hand lieber nicht gibt“, sagt Schelling.

Erkältung vorbeugen: Ziehen Sie sich warm an!

Viele Menschen glauben, dass eine Erkältung von Kälte kommt. Dabei infiziert man sich wohl meist in warmen Innenräumen. Die Ursache von Erkältungen sind dabei stets Viren. Der Name geht wohl eher darauf zurück, dass die Opfer frösteln.

Dennoch hilft es, sich warm anzuziehen. Wer friert, ist offenbar anfälliger. Das haben Versuche bestätigt: So mussten Testpersonen ihre Füße entweder in Eiswasser baden, die anderer blieben warm. Unter denen, die kalte Füße hatten, erkrankten bald darauf mehr an einer Erkältung. Ein Grund: Bei Kälte gelangt weniger Blut in die Schleimhäute – und damit weniger Abwehrzellen. Auch verliert das Immunsystem allgemein bei Kälte an Schlagkraft.

Wann helfen Antibiotika?

Antibiotika sind zwar hochwirksame Medikamente, gegen eine Erkältung helfen sie aber nicht. Die Mittel töten nur Bakterien. Und hinter Erkältungen stecken Viren. Manchmal macht es die Erkältung aber auch Bakterien leicht, sich zu vermehren. Will etwa das Halsweh nicht mehr weggehen, ist es vielleicht zu einer bakteriellen Superinfektion gekommen. Dann sind Antibiotika sinnvoll.

Leider werden diese oft zu schnell verschrieben. Das hat Folgen: Immer öfter treten resistente Bakterien auf, gegen die die Mittel machtlos sind. Ziel muss es daher sein, Antibiotika seltener einzusetzen. Schelling hat gute Erfahrungen damit gemacht, seine Patienten mit in die Verantwortung zu nehmen: Steht das Wochenende bevor und es gibt Anzeichen, dass sich Bakterien breitmachen, stellt er schon mal ein Rezept aus – und gibt den Rat, es nur einzulösen, wenn es schlimmer wird. Die meisten verzichten erst mal auf die Pillen, und der Körper hilft sich oft selbst. Auch bei Antibiotika, die ein breites Spektrum von Bakterien abtöten, ist Schelling eher zurückhaltend.

Wie gefährlich ist die echte Grippe?

„Ich hatte eine Grippe.“ Das hört man im Winter oft. Doch meist war der Schuldige ein Erkältungsvirus – und nicht der Influenza-Erreger. So nennt man das Virus, das die echte Grippe auslöst. Während die Erkältungserreger schon länger umgehen, rollt die Grippewelle gerade an.

Dabei werde die Erkrankung noch immer unterschätzt. Experten zufolge soll die Grippe in Deutschland jedes Jahr zu mehr als 8000 Tödesfällen führen – wahrscheinlich mit weitaus höherer Dunkelziffer. Sie überfällt ihre Opfer dabei meist recht plötzlich. Typisch sind hohes Fieber über 39 Grad, geschwollene Lymphknoten und ein schweres Krankheitsgefühl, aber nicht unbedingt ein Schnupfen. „Man fühlt sich wie gerädert“, sagt Schelling. Oft klagen Grippeopfer darüber, dass sie sich noch wochenlang danach erschöpft fühlen.

Zudem ist die Grippe keineswegs harmlos. Die Viren können eine Lungentzündung auslösen und den Herzmuskel angreifen. Nicht selten kommt es auch im Anschluss zu einer Infektion mit Bakterien. Mediziner vermuten, dass auch Herzinfarkte nach einer Grippe vermehrt auftreten. Gerade älteren und chronisch kranken Patienten macht schon allein das lange Liegen zu schaffen. Für sie bedeutet ein solcher Infekt nicht selten den Anfang vom Ende.

Schelling rät daher vor allem Senioren zur Impfung. Auch wenn der Schutz bei Älteren nicht mehr ganz so gut wirkt und manche trotzdem erkranken. Das könnte vor allem in diesem Jahr passieren: Denn der Impfstoff schützt nur teils vor den grassierenden Viren. Experten schätzen die Wirksamkeit auf etwa 23 Prozent. Dennoch: „In normalen Jahren sind die meisten durch die Impfung geschützt“, sagt Schelling. Und: Einen anderen zuverlässigen Schutz gibt es nicht. Auch Schelling selbst lässt sich daher jedes Jahr impfen – auch, um seine Patienten zu schützen.

Sonja Gibis

Interview: „Der Hausarzt wird nie wegrationalisiert“

Hausarzt aus Leidenschaft: Prof. Jörg Schelling.

Vor allem auf dem Land drohen Lücken: Immer mehr Hausärzte finden keinen Nachfolger. Prof. Jörg Schelling leitet seit vier Monaten das neu gegründete Institut für Allgemeinmedizin an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Er will den Beruf des Hausarztes wieder attraktiver machen.

Sie sind Allgemeinarzt. Warum nicht Orthopäde oder Radiologe? Die verdienen besser.

Prof. Jörg Schelling: (lacht) Mal ehrlich: Auch ein guter Allgemeinmediziner muss nicht gerade verhungern. Außerdem ist es ein wunderschöner, abwechslungsreicher Beruf. Man hat es mit dem ganzen Spektrum der Medizin zu tun. Der Allgemeinmediziner ist noch ein echter Vollarzt, dabei näher am Menschen. Und: Der Beruf ist absolut zukunftssicher. Der Hausarzt wird nie wegrationalisiert.

Näher am Patienten? Hat es nicht jeder Mediziner mit Menschen zu tun?

Schelling: Natürlich. Der Hausarzt bleibt aber immer an der Seite seiner Patienten, nicht selten sein halbes Leben lang. Er behandelt sie, wenn sie einen Husten haben. Und er begleitet sie, wenn sie schwer krank sind – und zusätzlich beim Facharzt behandelt werden. Viele Patienten erzählen über ihr Leben, ihre Familie – und ich ihnen auch über meines. Da kommt man menschlich eine Schicht tiefer.

An der Uni unterrichten Experten aller Fachrichtungen. Warum braucht es ein eigenes Institut für Allgemeinmedizin?

Schelling: Die Allgemeinmedizin ist nicht nur ein Destillat aus den Einzelfächern. Der Hausarzt ist eine besondere Disziplin, die besondere Fähigkeiten verlangt. Das Studium hat das bislang zu wenig vermittelt.

Wie wollen Sie das ändern?

Schelling: Die angehenden Ärzte werden so früh wie möglich in Lehrpraxen ausgebildet, durch erfahrene Hausärzte, die als ehrenamtliche Lehrbeauftragte arbeiten. Die Studenten begleiten sie in ihrem beruflichen Alltag. An der Uni haben die späteren Mediziner bislang außerdem fast nur Kontakt mit Hochspezialisten. Jetzt lernen sie auch den Hausarzt als Vorbild kennen – und sehen, wie erfüllend der Beruf sein kann.

Die größten Irrtümer über Schnupfen

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Sonja Gibis

E-Mail:sonja.gibis@merkur.de

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