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Patienten mit Zöliakie dürfen hier zugreifen. Gesunden bringen glutenfreie Produkte indes keinen Zusatznutzen.

Wem ein Gluten-Verzicht wirklich nützt

Krankmacher Weizen: Das ist dran am Mythos

München - Die einen haben es bei jedem Bauchgrimmen in Verdacht. Andere halten es für einen Dickmacher: das Getreide-Eiweiß Gluten. Darauf zu verzichten, ist in. Doch es profitieren nur wenige davon.

Ein Kreis mit einer Getreideähre, schwungvoll durchgestrichen: Immer mehr Produkte schmückt dieses Siegel, die Kekspackung wie die mit Käse oder Schinken. „Glutenfrei“ steht daneben. Es klingt wie ein Versprechen – und immer mehr Menschen greifen zu.

Dabei sind glutenfreie Produkte zwar meist teurer, aber nicht per se gesünder. Für einige ist das wachsende Angebot aber ein Segen: Patienten mit Zöliakie (Sprue). Sie werden krank, wenn sie das Eiweiß Gluten zu sich nehmen, das in vielen Getreidesorten steckt. Denn nicht nur Weizen, auch Roggen, Gerste, Grünkern und Dinkel enthalten Gluten sowie die meisten Backwaren. Denn Gluten macht den Teig schön klebrig.

Auf Brot und Semmeln, Nudeln und Pizza müssen Patienten mit Zöliakie daher verzichten. Zudem auf viele Fertig- und auch Lightprodukte, die oft verstecktes Gluten enthalten. Es dient zum Beispiel als Emulgator, verbindet Wasser und Fett oder macht den kalorienarmen Joghurt schön cremig.

Streng glutenfrei zu leben, ist daher schwierig. Bei Zöliakie gibt es aber bislang keine Alternative. „Man kann die Erkrankung nicht heilen“, sagt Prof. Klaus-Peter Zimmer vom Uniklinikum in Gießen. Patienten müssen die strenge Ernährungsform ein Leben lang durchhalten. Denn Gluten führt bei ihnen zu einer chronischen Entzündung des Dünndarms – mit fatalen Folgen: Bevor die Ursache der Erkrankung entdeckt wurde, starben 30 bis 50 Prozent der Betroffenen.

Gluten: Vorgewölbter Bauch bei Kindern typisches Symptom

Bei Kindern sind Gedeihstörungen, aber auch ein vorgewölbter Bauch typische Symptome. Hinzu kommen viele weitere Beschwerden, die auch bei Erwachsenen auftreten, wie Durchfall und Erbrechen. Manche Patienten haben kaum Appetit und verlieren an Gewicht, sie fühlen sich müde und sind blass.

Hinzu kommen oft Mangelerscheinungen. Um Nährstoffe aus dem Essen besser aufnehmen zu können, hat der Dünndarm auf seiner Innenseite viele Ausstülpungen, die seine Oberfläche vergrößern. Doch die ständige Entzündung zerstört diese Zotten. Der Körper kann wichtige Stoffe wie Calcium, Eisen und Vitamin B12 schlecht aufnehmen. Osteoporose und Blutarmut können die Folge sein.

Die Liste der möglichen Beschwerden ist aber noch länger. Bei Frauen können Zyklusstörungen darauf hindeuten. Selbst Unfruchtbarkeit, Depressionen und Migräne können ihre Ursache in einer unentdeckten Zöliakie haben. Auch das Risiko für einige Krebsarten wie Lymphome ist deutlich erhöht.

Das Problem: Nur bei einem geringen Teil der Patienten sind die Symptome so typisch und ausgeprägt, dass Ärzte früh an Zöliakie denken. An dieser schwersten Form leide etwa einer von 2000 Menschen, sagt Zimmer. Die meisten zeigten eher untypische, oft gar wechselnde Symptome.

Insgesamt soll hierzulande bis zu ein Prozent der Bevölkerung betroffen sein, vielleicht auch etwas mehr. Verlässliche Studiendaten fehlen, die Dunkelziffer ist hoch: Im Schnitt dauert es von den ersten Symptomen bis zur Diagnose vier Jahre.

Die aber ist wichtig: Versuchen Betroffene nur auf Verdacht, ihre Beschwerden mit glutenfreier Kost zu lindern, tun sie das oft nicht konsequent genug, meiden nur die Hauptquellen. Patienten mit einer Glutensensitivität (Artikel unten) kann das Linderung bringen – nicht aber bei Zöliakie.

Zur Diagnose gehört ein Bluttest auf Antikörper, die sich gegen das körpereigene Enzym Gewebe-Transaminase richten – Zöliakie zählt damit wie Typ-I-Diabetes zu den Autoimmunerkrankungen. Wichtig ist es zudem, den Zustand der Zotten im Dünndarm per Endoskop zu untersuchen und dabei eine Gewebeprobe (Biopsie) zu nehmen.

Zöliakie tritt zudem fast ausschließlich bei Trägern einer Genvariante auf, die etwa 30 bis 40 Prozent der Bevölkerung in sich tragen: HLA-DQ2 und 8. Die wenigsten von ihnen erkranken aber. Doch kann der Test die Erkrankung ohne Biopsie ausschließen. Dazu rät Experte Zimmer bei Personen mit erhöhtem Zöliakie-Risiko. Ein solches haben etwa Kinder mit Downsyndrom und Menchen mit Diabetes Typ I.

Gluten-Unverträglichkeit: Infos und Rezepttipps

Wird die Diagnose Zöliakie gestellt, bedeutet das für Betroffene lebenslangen Verzicht auf Gluten. Weil das Klebereiweiß aber in sehr vielen Produkten steckt, ist das gar nicht so einfach. Hilfe bekommen Patienten von der Deutschen Zöliakie-Gesellschaft (DZG). Auf ihrer Internetseite finden Betroffene nicht nur Infos zu Erkrankung und Diagnose, sondern auch viele praktische Tipps.

Hier gibt es eine Übersicht über Lebensmittel, in denen Gluten versteckt sein kann. Zudem viele Rezepte, etwa wie man Gebäck vom Bienenstich bis zur Möhrentorte glutenfrei zubereiten kann. Auch eine Liste mit Anbietern glutenfreier Kost findet sich. Unter diesem Siegel dürfen nur Produkte verkauft werden, die einen Glutengehalt von maximal 20 mg/kg haben.

Andrea Eppner

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