Von den vielen kahlen Stellen auf Irene Schmidts Kopf ist heute kaum noch etwas zu sehen. Dermatologin PD Dr. Elke Sattler zeigt mit Hilfe zweier Holzspatel wie gut das Haar bei ihrer Patientin inzwischen nachgewachsen ist.
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Von den vielen kahlen Stellen auf Irene Schmidts Kopf ist heute kaum noch etwas zu sehen. Dermatologin PD Dr. Elke Sattler zeigt mit Hilfe zweier Holzspatel wie gut das Haar bei ihrer Patientin inzwischen nachgewachsen ist.

Haarausfall: Das sollten Sie tun

Haare gelten als Zeichen von Kraft, Schönheit und Jugend. Fallen sie in großer Zahl aus oder bilden sich gar lichte Stellen, ist das für Betroffene daher oft belastend. Doch können Hautärzte heute vielen Patienten helfen.

Die lichte Stelle oben auf ihrem Kopf – Irene Schmidt (Name geändert) hat sie erst gar nicht bemerkt. Im Spiegel war sie für die heute 74-Jährige nicht zu sehen, sie lag weit hinten. Aufgefallen war ihr nur, dass sich „in der Sonne die Kopfhaut an einer kleinen Stelle seltsam heiß anfühlte“. Das war im Sommer 2012. Dass sie an eben dieser Stelle fast keine Haare mehr hatte, erfuhr sie erst durch ihren Friseur. „Das schaut nicht gut aus, da sollten Sie was unternehmen“, sagte der.

Irene Schmidt suchte zunächst im Internet nach Rat. Sie las Berichte und Tipps anderer Betroffener. „Doch das war mir alles zu dubios, ich wollte keine Experimente machen“, sagt sie. „Ich hatte Angst, dass ich zum Schluss kein einziges Haar mehr auf dem Kopf haben würde.“ Sie suchte verlässliche Informationen – und fand im Internet auch einen Hinweis auf eine „Haarsprechstunde“.

Haarausfall ist nicht ansteckend

Dort, an der Dermatologie des Klinikums der Universität München, betreut Privatdozentin Dr. Elke Sattler viele Patienten wie Irene Schmidt. Seit knapp einem Jahr leitet die Dermatologin die Haarsprechstunde. Der Ansturm der Hilfesuchenden ist groß. Zwar ist Haarausfall an sich nicht gefährlich. Doch ist er mehr als ein ästhetisches Problem. Betroffene leiden auch unter der Reaktion ihrer Umgebung. Gerade bei Jüngeren gilt Haarausfall oft als Zeichen von Krankheit. Betroffene werden nicht selten angestarrt. Oder der Sitznachbar in der Bahn rückt weg, wenn er die kahlen Stellen sieht.

Die Angst vor Ansteckung ist meist unbegründet. „Haarausfall kann aber auch ein Hinweis auf eine zugrundeliegende Erkrankung sein“, sagt Sattler. So kann etwa auch eine Über- oder Unterfunktion der Schilddrüse dazu führen, dass sich die Haare lichten.

„Endlich wieder ins volle Haar greifen“

Betroffene sollten sich daher an einen Dermatologen wenden, wenn sich kahle Stellen bilden oder Haare in großer Zahl ausfallen. Viele probieren es aber lieber mit oft teuren Mitteln, die im TV oder im Internet angepriesen werden. Sie kaufen Spezialshampoos, Haarwässer oder Nahrungsergänzungsmittel. Zwar gibt es darunter auch Präparate, die helfen können, selbst bei ersten Anzeichen von Geheimratsecken und Glatzenbildung.

Entscheidend für den Therapieerfolg ist jedoch die richtige Wahl. Diese richtet sich nach der Diagnose. Doch viele Patienten waren nie beim Arzt.

Irene Schmidt setzte von Anfang an auf kompetente Hilfe. Bis zu ihrem Termin in der Klinik hatte sich der Haarausfall allerdings „wesentlich verschlechtert“, wie sie sagt. Es bildeten sich immer mehr kahle Stellen. Sie ließen sich auch durch geschicktes Frisieren kaum noch kaschieren. „Da war ich froh, dass es Winter wurde“, erinnert sich Irene Schmidt. Wenigstens unter der Mütze ließ sich das Problem verstecken. Ins Theater und in die Oper aber traute sie sich nicht mehr: Sie wollte nicht, dass die Zuschauer hinter ihr auf ihren Kopf starrten.

Diagnose für die richtige Behandlung wichtig

In der Klinik begutachteten die Ärzte zunächst das Ausmaß ihres Haarausfalls und machten Fotos, um den aktuellen Zustand festzuhalten. Sie führten zudem eine so genannte Trichodermatoskopie durch, untersuchten also Haaransatz und Kopfhaut mit einem Auflichtmikroskop (Dermatoskop).

Um der Ursache des Haarausfalls auf die Spur zu kommen, ist jedoch nicht nur eine körperliche Untersuchung, sondern vor allem das Gespräch mit dem Patienten entscheidend. So lässt sich herausfinden, ob der Haarausfall etwa die Reaktion auf eine kürzlich durchgemachte schwere Infektion sein könnte oder die Nebenwirkung eines Medikaments.

So führten Blutverdünner manchmal zu Haarausfall, sagt Elke Sattler. Die dürfe man zwar nicht einfach absetzen. Doch finde sich dann meist ein alternatives Präparat, das nicht zu dieser Nebenwirkung führt. Auch Verhütungspillen können beim Absetzen durch die hormonelle Umstellung zu Haarausfall führen. Nur im Gespräch lässt sich zudem erfragen, ob bereits die Eltern Probleme mit Haarausfall hatten und daher vielleicht eine erbliche Form vorliegt.

Vor der Behandlung: Die haarlosen Stellen auf Irene Schmidts Kopf hatten sich zunächst stark ausgebreitet.

Bei Irene Schmidt war das nicht der Fall. Mit 80 Jahren habe ihr Vater noch nicht mal ein graues Haar gehabt, erzählt sie. Auch die Mutter hatte zeitlebens dichtes Haar. Die Ärzte hatten ohnehin einen anderen Verdacht: Die klar umschriebenen, oft runden haarlosen Stellen deuteten auf Alopecia areata hin, auch „kreisrunder Haarausfall“ genannt. Die Kopfhaut ist dabei weder schuppig noch gerötet. Typisch sind indes kleine gelbe Punkte auf der Kopfhaut, die auch bei Irene Schmidt unter dem Dermatoskop zu erkennen waren. Ein durchaus positives Zeichen: Denn dabei handelt es sich um den sichtbaren Teil der Haarwurzeln. Sind diese noch vorhanden, besteht die Hoffnung, dass die Haare später wieder nachwachsen.

Alopecia areata - "kreisrunder Haarausfall"

Bei Alopecia areata stehen die Chancen gut – vor allem, wenn früh behandelt wird. Bei den Betroffenen lähmt eine Entzündung den Haarfollikel und die Haare fallen aus. Das betrifft meist einzelne Stellen am Kopf. Seltener fallen alle Haare am Kopf aus – oder sogar am ganzen Körper. Ursache ist vermutlich eine Autoimmunreaktion. Das Abwehrsystem richtet sich dabei gegen körpereigene Stoffe.

Irene Schmidt bekam daher zunächst einen kortisonhaltigen Schaum, der der Entzündung entgegenwirkt. Den musste sie zunächst täglich, dann alle zwei Tage auf die haarlosen Stellen auftragen. Zudem schluckte sie drei Monate lang Zinktabletten, die helfen sollten, das fehlgeleitete Immunsystem zu regulieren. Später durfte sie den Schaum durch eine entzündungshemmende, kortisonfreie Creme ersetzen.

Geduld ist wichtig

Die 74-Jährige hielt sich genau an die Anweisungen. Sie wusste auch, dass sie Geduld haben musste, und es keine Garantie gibt, dass die Haare wieder sprießen. Im Frühjahr war es aber soweit. Borstenartig und farblos waren die Haare zunächst. Erst ein paar Wochen später setzte die Pigmentbildung wieder ein. Heute sind die Haare soweit nachgewachsen, dass die kahlen Stellen kaum noch erkennbar sind. Irene Schmidt ist froh, dass sie sich kompetente Hilfe gesucht hat. Sie freut sich jedes Mal, wenn sie bei der Wäsche in ihr Haar greift – und spürt, wie voll es wieder ist.

Eppner Andrea

Die Experten

Privatdozentin Dr. Elke Sattler, Leiterin der Haarsprechstunde der Dermatologischen Klinik des Klinikums der Universität München, und ihr Kollege Prof. Hans Wolff, der selbst viele Jahre lang die Haarsprechstunde geleitet hat.

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