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Endlich kein Bauchweh mehr: Dr. Julia Straub freut sich, dass es Anna seit zwei Monaten gut geht.

Harnweginfektion

Wenn es beim Wasserlassen brennt

Plötzlich ist die Hose nass, obwohl das Kind schon lange keine Windeln mehr braucht. Zudem klagt es über Bauchschmerzen: Hinter solchen Beschwerden steckt nicht selten eine Entzündung der Harnwege.

Anna (Name geändert) ist heute ein Elefant. Und der hat natürlich einen Rüssel. Das kleine Mädchen mit dem Pferdeschwanz hält seinen Arm vor die Nase und streckt ihn kichernd Dr. Julia Straub entgegen. Scheu vor der Ärztin hat die Vierjährige nicht. Obwohl Anna lange fast Stammgast in Praxen und Krankenhäusern war. Immer wieder hatte sie Bauchschmerzen. Wenn sie aufs Klo ging, brannte es. Zwei Mal kam sogar Fieber hinzu. Am Ende konnte die Mutter die Infekte gar nicht mehr zählen. Waren es 25? Oder mehr?

„Als Baby war Anna nicht öfter krank als andere“, erzählt die Mutter, Barbara M. Die Probleme begannen, als das Mädchen vor etwa einem Jahr in den Kindergarten kam. Anna begann wieder in die Hose zu machen. Die Mutter bemerkte, dass der Urin ihrer Tochter seltsam roch. Beim Kinderarzt war schnell klar: Anna hatte eine Blasenentzündung. Sie bekam Antibiotika. Gleichzeitig wurde eine Urinkultur angelegt, um festzustellen, welcher Keim hinter der Entzündung steckte. Denn steht das fest, kann man gezielter behandeln.

Das Antibiotikum schlug an, Anna ging es wieder gut. Doch schon wenige Tage später drückte es erneut im Bauch. Der nächste Keim hatte sich eingenistet. Wieder musste Anna Antibiotika nehmen. Sie töteten die Erreger ab – doch offenbar nur, um die Bahn frei zu machen für neue. Bald bemerkte Annas Mutter wieder diesen inzwischen bekannten Geruch. Ein Teufelskreis begann. Mit der Zeit nisteten sich seltenere Keime ein. Nach Infektionen mit verschiedenen Kolibakterien waren es Pseudomonaden, dann Enterokokken. Die Keime wurden unempfindlicher gegen die Medikamente. Nach vielen Antibiotika-Therapien ist das nicht untypisch.

Doch warum begann alles im Kindergarten? „Sicher nicht, weil es dort unhygienisch ist“, sagt Dr. Julia Straub, Ärztin im Klinikum Großhadern in München. Schuld ist wohl eher der veränderte Alltag: Anna ist ein aufgewecktes Mädchen. Wenn sie spielt, lässt sie sich nicht gern stören – auch nicht, wenn die Blase drückt. „Sie hat einfach keine Lust, aufs Klo zu gehen“, sagt die Mutter Barbara M. Spielen macht einfach mehr Spaß. Auch mehr Spaß, als zwischendrin öfter mal was zu trinken. Die Folge: Der Urin bleibt länger in der Blase. Keime haben mehr Zeit, um sich zu vermehren. Auch wer wenig trinkt, hat ein größeres Risiko, dass sich in den Harnwegen Bakterien einnisten. Denn diese werden seltener herausgespült.

Keine Lust aufs Klo zu gehen

Zu Hause kann Annas Mutter öfter nachfragen, ob ihre Tochter nicht doch aufs Klo muss. Bei einer ganzen Gruppe von Kindern ist das für die Betreuer im Kindergarten unmöglich im Blick zu behalten. Manche Kinder gehen auch nicht gerne auf fremde Toiletten. „Auch Anna hat sich eine Zeit lang total gesträubt“, erzählt die Mutter. Eine Folge: Die Neigung für Infekte nimmt zu. Nicht jedes Kind trifft es. Doch sind Harnwegsentzündungen bei Kindern durchaus häufig. Im Säuglingsalter trifft es vor allem Buben, später weitaus mehr Mädchen. Der Hauptgrund ist die kürzere Harnröhre. Die Bakterien haben es nicht so weit, um in die Blase zu gelangen und sich zu vermehren.

Barbara M. ging mit ihrer Tochter zum Kinderurologen. Sie sollte mit ihrer Tochter am Wochenende ein Miktionsprotokoll führen. Das heißt: Sie musste notieren, wann und wie viel Anna trank – und wie viel Wasser sie lassen musste. Eine Ultraschall-Untersuchung sollte zeigen, ob sich Annas Blase nicht richtig entleert, nach dem Toiletten-Gang also Urin darin zurückbleibt. Das war nicht der Fall.

Dennoch hörten die Infekte nicht auf. Fieber kam hinzu. Das Mädchen kam ins Krankenhaus. Diagnose: Nierenbeckenentzündung. Anna bekam Infusionen. Barbara M. versuchte es auch mit Blasentees, alternativen Therapien, homöopathischen Globuli. Nichts half.

Es folgten weitere Untersuchungen, etwa mit einem speziellen Röntgengerät. Denn Ursache wiederkehrender Infekte können auch Veränderungen in den Harnwegen sein, etwa Engstellen oder ein Reflux. So nennen es Mediziner, wenn von der Blase Urin in die Nieren zurückfließt. Normalerweise verschließt eine Art Ventil den Zugang. Funktioniert das nicht, kann Urin bis in die Nieren zurückströmen – und mit ihm auch Keime. Über einen kleinen Katheter erhielt Anna dabei ein Kontrastmittel in die Blase, dann musste sie Wasser lassen. Ein Röntgengerät zeichnet auf, was passiert. Die Ärzte konnten aber nicht ganz ausschließen, dass Anna unter einem leichten Reflux leidet. Sie war bei der Untersuchung unruhig und musste früh Wasserlassen.

Das Mädchen bekam nun länger Antibiotika, allerdings niedrig dosiert. Sie sollten einem erneuten Infekt vorbeugen. Doch die Keime waren stärker. Es kam zu einem so genannten Durchbruchsinfekt. Schließlich bekam das Mädchen wieder Fieber: eine erneute Nierenbeckenentzündung. „Sie war zwei Wochen lang richtig schwer krank“, erzählt die Mutter.

Doch das Arsenal der Kinderurologen war noch nicht erschöpft: In der Ambulanz in Großhadern riet Dr. Julia Straub zu einem PIC-Zystogrammn. Das sollte in Sachen Reflux Klarheit bringen. Eine Szintigrafie zeigte immerhin: Annas Nieren hatten noch keinen Schaden genommen. Sie bekam eine Narkose. Mit Hilfe von Kontrastmittel konnten die Ärzte genau untersuchen, ob doch etwas Urin in die Niere zurückfließt. Tatsächlich fand sich ein leichter Reflux in die rechte Niere. Während das Mädchen in Narkose lag, unterspritzten die Urologen den Harnleiterzugang mit einer Zuckerlösung mit Hyaluronsäure, damit künftig kein Urin mehr zurückläuft. Danach bekam Anna nochmals vorbeugend gering dosiert ein Antibiotikum.

Das war vor zwei Monaten. Seither macht die Mutter mit Anna jeden Abend zusätzlich ein Sitzbad. Wichtig ist auch die richtige Hygiene nach dem Stuhlgang. Das heißt: Von vorne nach hinten wischen! Vorbeugend isst Anna Lebensmittel, in denen viel Vitamin C steckt wie Cranberries. Das erhöht den Säuregehalt des Urins – und das mögen Bakterien nicht. Ganz wichtig: Immer viel trinken, und regelmäßig aufs Klo gehen – auch groß. „Kinder, die häufig Harnwegsinfekte haben, leiden auch oft an Verstopfung“, sagt Dr. Julia Straub.

Den Eltern bleibt oft nichts übrig, als öfter zu fragen, ob ihr Kind zur Toilette muss. Doch weiß Dr. Julia Straub, selbst vierfache Mutter, dass gerade das zum Problem werden kann. „Kinder bekommen unterbewusst schnell mit: Wenn ich nicht von selbst aufs Klo gehe, krieg ich mehr Aufmerksamkeit“, sagt sie. Und natürlich findet jedes Kind Aufmerksamkeit gut. Auch wenn es leichter gesagt ist, als getan: Das Problem sollte den Alltag daher nicht allzu sehr bestimmen.

Bei Anna hat bislang alles geklappt. Seit zwei Monaten plagt sie kein Bauchweh mehr. Und sie hofft ganz fest, dass es so bleibt.

Von Sonja Gibis

Expertin

Expertin Dr. Julia Straub ist überwiegend kinderurologisch an der Abteilung für Urologie am Klinikum der Ludwig-Maximilians-Universität München in Großhadern tätig ist.

Harnwege

Die Nieren sind die Filterorgane unseres Körpers. Sie sind paarig angelegt und befinden sich unterhalb des Zwerchfells. Während das Blut sie durchströmt, filtern sie giftige Stoffwechselprodukte heraus und regulieren gleichzeitig den Haushalt von Wasser und Elektrolyten. Der Harn sammelt sich dann zunächst im Nierenbecken, einer trichterförmigen Erweiterung der Harnleiter. Dieses liegt innerhalb der Nieren und bildet dort einen Hohlraum. Der Urin fließt dann über die beiden Harnleiter in die Blase, wo er sich sammelt. Dort verlaufen die Harnleiter ein kurzes Stück innerhalb der Harnblasenwand. Ist die Blase stärker gefüllt, wird so verhindert, dass Urin zur Niere zurückfließen kann. Hat sich einiger Urin angesammelt, kommt es zu Harndrang. Bei einer Blasenentzündung kann dies schon der Fall sein, wenn sich wenig oder gar kein Urin darin befindet. Da die Harnwege ein geschlossenes System bilden, sollte man einen solchen Infekt immer behandeln. Sonst können die Keime über die Harnleiter in die Niere aufsteigen und dort zu bleibenden Schäden führen.

sog

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