Inkontinenz Blasenschwäche
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Umfrage: Jeder Siebte leidet unter Blasenproblemen.

Tabu-Leiden

Inkontinenz: Wenn die Blase Schwäche zeigt

Es ist eine unangenehme Sache, über die keiner der Betroffenen gerne spricht: Blasenschwäche oder sogar Inkontinenz. Die Ursachen dafür sind bei Männern und Frauen unterschiedlich. Doch es gibt Hilfe.

Jeder Siebte in Deutschland unter Problemen mit der Blase (14,6 Prozent). So das Ergebnis einer Umfrage im Auftrag des Apothekenmagazins "Senioren Ratgeber".

Die Beschwerden fallen dabei ganz unterschiedlich aus: Bei den relativ meisten macht sich die Schwäche öfter mal ganz plötzlich bemerkbar und sie müssen dann dringend eine Toilette aufsuchen - schaffen das aber eigentlich immer noch rechtzeitig (8,8 Prozent). Nur 0,8 Prozent schaffen es häufiger nicht mehr rechtzeitig zur Toilette. Bei anderen (3,9 Prozent) kommt es vor allem beim Lachen, Niesen oder einer körperlichen Anstrengung öfter mal zum kleinen Malheur. 1,4 Prozent leiden unter Inkontinenz und müssen spezielle Hilfsmittel verwenden.

Ab 60 nehmen die Probleme zu

Blasenschwäche tritt der Umfrage zufolge vor allem mit zunehmendem Alter auf. Unter den Befragten ab 60 Jahren klagen deutlich mehr Männer und Frauen über Probleme mit der Blase als bei der jüngeren Generation (60- bis 69- Jährige: 20,7 Prozent; Ab-70-Jährige: 46,6 Prozent).

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Das sollten Sie über Inkontinenz wissen

Die Ursachen von Inkontinenz sind vielfältig. Doch oftmals lassen sich schon mit relativ kleinen Maßnahmen große Heilungserfolge erzielen. Aufklärung ist absolut notwendig, denn der Leidensdruck ist bei den Betroffenen sehr groß, sagt Dr. Oliver Markovsky Facharzt für Urologie.  

Herr Dr. Markovsky, ist die Inkontinenz in unserer Gesellschaft immer noch ein so großes Tabuthema?

Dr. Oliver Markovsky Facharzt für Urologie.

Ja. Inkontinenz ist etwas sehr Intimes. Das ist nichts, was man seinen Nachbarn oder Freunden erzählt. Schließlich geht es um die Ausscheidungsfunktionen des Körpers und im weiteren Sinne auch um das Geschlechtsorgan. Das Thema steht aber auch nicht so im Blickfeld der Öffentlichkeit. Wenn Weltnichtrauchertag ist, wird das in der Tagesschau gemeldet. Bei der Weltkontinenzwoche eher nicht.

Viele Menschen, die mit Blasen- oder Darmschwäche zu kämpfen haben, sprechen aber nicht mal mit ihrem Arzt über das Problem. Warum?

Weil es ganz lange Zeit als selbstverständlich hingenommen wurde. Bei einer Frau, die ein Kind bekommen und danach unter Inkontinenz gelitten hat, hat es eben geheißen: Nach einer Geburt ist das halt so. Die Menschen scheuen sich, wegen solcher Probleme zum Arzt zu gehen, und entwickeln eigene Strategien, mit dem Problem umzugehen.

Wie bringt man den Betroffenen dann zum Arzt?

Vielleicht gerade durch solche Artikel. Es gibt Patienten, die zu uns kommen und sagen: „Herr Doktor, ich hab da was in der Zeitung gelesen. Da kann man ja was dagegen machen.“

Lässt sich sagen, wie viele Menschen unter Inkontinenz leiden?

Zunächst einmal sind Männer und Frauen betroffen. Mit zunehmendem Lebensalter steigt die Häufigkeit an. So sind 10 bis 20 Prozent der Frauen über 65 Jahren betroffen, bei Männern über 65 sind es 7 bis 10 Prozent. Bei jüngeren Menschen ist der Prozentsatz entsprechend niedriger. Aber es kann in jedem Alter beginnen.

Lässt sich aus diesen Zahlen auch ableiten, wie stark diese Menschen leiden?

Nein. Von Inkontinenz spricht man, sobald ein Mensch den Zeitpunkt seiner Entleerung nicht mehr selbst bestimmen kann. Das kann von ein paar Spritzern Urin gehen, die jemand nicht mehr halten kann, bis zu einer Intensität, bei der die betroffene Person Binden tragen und sie mehrmals täglich wechseln muss.

Welche Formen von Inkontinenz gibt es?

Erstmal unterscheidet man zwischen Stuhl- und Harninkontinenz. Bei Urin sind die Patienten in den häufigsten Fällen von Belastungs- und die Dranginkontinenz betroffen. Belastungsinkontinenz bedeutet: Wenn ich mich anstrenge, verliere ich Urin - sei es beim Husten, Niesen, Lachen oder dem Heben schwerer Gegenstände. Im zweiten Fall wird der Harndrang in kürzester Zeit so stark, dass der Betroffene den Urin nicht mehr halten kann. Bei der Stuhlinkontinenz kann es flüssige und feste Formen geben. Und natürlich gibt es Mischformen aller Art. Das sind aber nur die Symptome.

Und was sind die Ursachen?

Die sind noch vielfältiger. Sehr oft handelt es sich um Lockerungen des Bindegewebes im Beckenboden, so dass eine Beckenbodenschwäche entstehen kann. Beispielsweise kommt es bei Frauen häufig nach Schwangerschaften und Geburten von Kindern zu Problemen. Auch Fettleibigkeit ist da ein Problem, weil das Gewicht nach unten auf den Beckenboden drückt. Ist das Bindegewebe zu stark gelockert, dann entfalten die Muskeln, die fürs Wasserhalten und Wasserlassen zuständig sind, nicht mehr ihre optimale Kraft. Auch können Operationen, bei denen Nerven in Mitleidenschaft gezogen werden, Probleme mit der Kontinenz mit sich bringen. Bei Männern tritt Inkontinenz oft nach einer Prostata-OP auf, weil beispielsweise der Schließmuskel oder Nerven, die für den Schließmuskel wichtig sind, beeinträchtigt wurden. Es gibt aber auch neurologische Ursachen, etwa Multiple Sklerose, eine Krankheit die die Nerven verändert. Traumata können ebenfalls dafür verantwortlich sein: etwa eine Beckenbruch, den sich jemand bei einem Unfall zuzieht.

Wie beginnt das Leiden?

Das erste Symptom ist meist, dass jemand merkt, dass die Hose nass ist.

Gibt es Fälle, in denen der Betroffene den Moment selbst gar nicht mitbekommt?

Das kommt vor.

Und wann ist der Punkt gekommen, dass es wirklich schlimm ist?

Wenn der Leidensdruck zu stark ist. Wenn jemand fünf dicke Inkontinenzeinlagen pro Tag braucht. Oder wenn der Harndrang so groß ist, dass jemand unzählige Male am Tag aufs Klo rennen muss. Viele Patienten, die zu mir kommen, sagen: „Ich kenne in München jede Toilette, weil ich alle fünf Minuten muss.“

Wie kann der Arzt helfen?

Zunächst einmal ist das Wasserlassen ein sehr komplexer körperlicher Prozess. Lange ist man davon ausgegangen, dass Wasserlassen bedeutet: Schließmuskel auf, Blase zusammenziehen. Heute weiß man, dass dabei Nerven, Muskeln und Bindegewebe zusammenspielen. Daher ist die Behandlung auch ein interdisziplinäres Thema, an denen je nach Lage Urologen, Gynäkologen, Physiotherapeuten, Neurologen und Chirurgen mitwirken.

Welche Behandlungsmethoden gibt es?

Es kommt immer auf die Art und Ausprägung der Inkontinenz an. Grundsätzlich gibt es drei Möglichkeiten: eine konservative Therapie, Medikamente oder eine Operation.

Was passiert bei der konservativen Therapie?

Bei der konservativen Therapie geht es darum, die Muskeln durch Übungen wieder zu stärken und zu „erziehen“. In diesen Bereich fällt die Beckenbodengymnastik, aber auch Elektro-Stimulation. Damit lassen sich bei leichteren Formen der Inkontinenz schon beträchtliche Erfolge erzielen.

Und wenn es schlimmer wird?

Dann kann eine medikamentöse Therapie in Betracht kommen. Mit Medikamenten kann beispielsweise die Blasenkontraktibilität, also das Zusammenziehen der Blase, gedämpft werden.

Haben diese Medikamente Nebenwirkungen?

Ja. Dazu gehören Mundtrockenheit, trockene Augen, Seh- oder Gedächtnisstörungen. Ein anderer Nachteil ist, dass Medikamente nicht bei jeder Art von Inkontinenz helfen. Und: Es funktioniert meist nur eine Zeit lang. Denn mit den Medikamenten werden nur die Symptome gedämpft. Die Ursache dafür ist nicht weg.

Da kommt die Operation ins Spiel.

Es gibt Fälle, da ist eine OP von Anfang an notwendig, aber meistens dann, wenn die Inkontinenz so stark ist, dass die anderen Möglichkeiten nicht mehr helfen.

Wie verläuft eine solche OP?

Früher wurde über meist über einen Bauchschnitt operiert. Seit zirka 20 Jahren sind jedoch sehr häufig minimalinvasive OPs möglich. Das heißt: Es reicht ein kleiner Schnitt. Bei der OP wird dann Fremdmaterial eingesetzt – Netze oder Bändchen aus Kunststoff beispielsweise, die das System wieder stärken.

Kann das Problem mit einer OP vollständig behoben werden?

Wie immer im Leben kann man keine 100 Prozent garantieren. Aber auf jeden Fall lassen sich mit medizinischer Hilfe deutliche Besserungen erzielen. Wenn man das Problem vielleicht auch nicht vollständig beheben kann, so lässt es sich jedoch zumindest sehr stark lindern. Inkontinenz ist ja nicht nur ein gesundheitliches Problem, sondern vor allem auch eine soziale Einschränkung. Wer stark darunter leidet, kann keinen Sport mehr ausüben oder ins Kino gehen. Ärzte können diesen Menschen wieder neue Lebensqualität geben.

Was waren die schönsten Reaktionen, die Sie bekommen haben?

Viele sagen: „Herr Doktor, ich bin Ihnen so dankbar. Es ist praktisch wie früher. Ich kann wieder alles machen. Ich kann wieder ganz normal leben.“

Interview: Manuel Eser

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