Baby Hand
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Mutterschaft bedeutet nicht immer reines Glück. Mehr als jede zehnte Frau fällt nach der Geburt in eine Depression. Ist das Kind unruhig und schreit viel, verstärkt das oft die Probleme.

Kindbettdepression: Tränen statt Mutterglück

Einem Kind das Leben zu schenken, ist das größte Glück für eine Frau – so das gängige Klischee. Doch nicht für jede Mutter trifft das zu. Manche fallen nach der Geburt in eine schwere Depression.

Amira K. (Name geändert) erinnert sich noch gut, wie sie die Klinik als junge Mutter verließ. Sie saß im Taxi. Das fremde Wesen in ihren Armen quengelte und schrie, den ganzen Weg nach Hause. „Ich dachte nur: Und das ist es jetzt? Das ist das Mutterglück?“ Statt Freude fühlte die damals 26-Jährige nur Leere. „Alles war schwarz, nur schwarz“, erzählt sie.

Dabei hatte sich Amira K. sehr auf ihr erstes Kind gefreut. „Die Schwangerschaft war wunderbar“, erzählt sie. In ihrer Jugend hatte sie Gedichte gehört, die die innige Liebe zwischen Mutter und Kind besingen. Doch auch in ihrer neuen Münchner Heimat waren die Bilder von „Babyglück“ und „Mutterfreuden“ überall, auf den Titelseiten der Magazine, in der Werbung. Auch wenn Freunde erzählten, dann nur, wie wunderbar die erste Zeit mit ihrem Kind war. „Ich glaube, dass viele die Wahrheit nicht zugeben“, sagt sie heute.

Baby-Blues oder Depression?

„Der gesellschaftliche Druck ist stark“, sagt Prof. Ernst Rainer Weissenbacher. Als Leiter der Frauenpoliklinik in Großhadern hat er früher zahllosen Kindern auf die Welt geholfen. Oft hatte er die Frauen bereits über Jahre betreut, kannte die ganze Familie. „Die beste Vorbeugung“, findet der Gynäkologe, der heute die „Premium-Medizin“ in der Münchner Innenstadt leitet. Denn eine echte Vorbeugung gegen Kindbettdepressionen gibt es nicht. Sie können jeden treffen. Besteht eine vertrauliche Beziehung zwischen der jungen Mutter und dem Arzt, könne der wenigstens rasch erkennen, ob hinter der Traurigkeit mehr steckt als ein normaler Baby-Blues.

Dieser trifft bis zu 80 Prozent der jungen Mütter. Die körperlichen Strapazen, aber auch der plötzliche Abfall der Hormone sorgen dafür, dass bei vielen die Nerven erst mal blank liegen. „Das ist völlig normal“, sagt Weissenbacher, der in der Klinik oft erlebt hat, wie sensibel und reizbar viele Frauen nach der Entbindung sind. „Ich habe für eine Patientin sogar mal Spinnweben von der Decke geholt“, erzählt er lachend. Nach der Geburt fand die Mutter diese einfach zum Heulen. Bekommt die Frau genügend Unterstützung, sind die Heultage aber spätestens nach eineinhalb Wochen vorbei.

Ein fremdes Wesen im Arm

Doch nicht immer verschwindet die Traurigkeit. Schätzungen zufolge fällt jede zehnte oder sogar jede fünfte Frau nach der Geburt in ein dunkles Loch – und das für längere Zeit. Hatte sie bereits zuvor schon einmal eine Depression, gab es Probleme in der Schwangerschaft oder mit dem Partner, erhöht das das Risiko. Doch auch wenn alles gut verläuft und sich die werdenden Eltern gemeinsam auf das Leben zu dritt freuen, schützt das nicht vor einem Absturz. „Es kann jede Frau treffen“, sagt die Psychologin Suzana Mesaric-Andric. Die einen Mütter halten ihr Kind zum ersten Mal im Arm – und fühlen sich sofort tief verbunden. Für andere ist es ein fremdes Wesen, das sie auch mit seinem Schreien tyrannisiert.

Amira K. suchte in ihrem Herzen nach einem Gefühl für das kleine, quengelnde Wesen in ihren Armen. Doch sie fand keines. Nur Leere, nur Dunkelheit. „Ich sah einfach keinen Grund, sie zu lieben“, erzählt sie. Dabei sei die Kleine „total pflegeleicht“ gewesen. Schon nach ein paar Wochen schlief sie durch – für viele junge Eltern ein Traum.

Amira K. funktionierte äußerlich als Mutter. Sie stillte, ihr Kind, wickelte es. Als die Kleine schlimmen Durchfall bekam, wechselte sie nachts die Bettwäsche, wohl ein Dutzend Mal. Dennoch fühlte sie sich mit ihrem Kind nicht verbunden. „Selbst das ganze Schlafzimmer roch fremd“, erzählt sie. Passte jemand auf das Baby auf, konnte es passieren, dass Amira K. nach Hause kam – und vergaß, nach ihrem Kind zu fragen.

Schießlich versuchte sie, mit ihrem Mann zu sprechen. „Ich glaube, ich liebe unser Kind nicht“, gestand sie ihm verzweifelt. Doch der reagierte nur verständnislos. Die Geburt war gut verlaufen, das Kind gesund. Was hatte sie also zu klagen?

„Ich dachte, dass mit mir etwas nicht stimmt“, sagt Amira K.

Das schlechte Gewissen fraß immer mehr an Amira K. „Ich dachte, dass mit mir etwas nicht stimmt“, erzählt sie. „Ich fühlte mich als Versagerin. Als ein böser Mensch.“

Was Amira K. damals nicht wusste: „Die Gefühle sind typisch für Frauen, die unter Kindbettdepressionen leiden“, sagt Suzana Mesaric-Andric.

Monate vergingen. Doch Amira K. fühlte sich noch immer leer. Irgendwann wurde ihr klar: So will ich nicht weiterleben. Sie sprach mit ihrer Mutter. Die empfahl ihr, einen Psychologen aufzusuchen – ein guter Rat, wie Amira K. heute findet. Bei ihrem ersten Gespräch konnte sie gar nicht mehr aufhören zu weinen. Dem Psychologen war rasch klar: Amira K. litt an einer so genannten Kindbettdepression. Um den Gemütszustand zu stabilisieren, verordnete er ihr Medikamente und empfahl eine Gesprächstherapie.

Prof. Ernst Rainer Weissenbacher hat oft erlebt, dass viele Mütter nach der Geburt erstmal in ein Loch fallen.

„Leider suchen sich nur wenige Hilfe“, sagt Suzana Mesaric-Andric. Oft ist die Scham, als Mutter versagt zu haben, zu groß. „Dabei wird sie kein Frauenarzt verurteilen“, sagt auch Gynäkologe Weissenbacher. Dass die Geburt eines Kindes oft der Auslöser für eine Depression ist, ist in der Medizin lange bekannt. Je rascher sich die betroffenen Frauen Hilfe holen, desto eher kann sich ihre emotionale Lage stabilisieren – und damit ihre Bindung zum Kind.

Für Amira K. brachte die Gesprächstherapie eine Wende. Der Therapeut versuchte zunächst, der jungen Mutter die Schuldgefühle zu nehmen. Er machte ihr klar, dass es dauern kann, bis zwischen Mutter und Kind eine innige Bindung entsteht. Amira K. fühlte sich verstanden und erleichtert. Mit Hilfe des Therapeuten gelang es ihr, auch ihre Tochter kennen zu lernen – und immer mehr zu lieben.

„Ich liebe sie heute“, sagt Amira K. „Das Gefühl ist einfach da. Immer.“ Als ihre zweite Tochter zur Welt kam, war alles leichter. „Ich habe mir keinen Druck gemacht“, erzählt sie. Die Kleine war da – und es war gut so. Amira K. erwartete nicht, sofort vom Glück überrollt zu werden. Diesmal wusste sie: Mit der Zeit würde sie ihr Kind kennen lernen – und lieben.

Von Sonja Gibis

Der Experte

Frauenarzt Prof. Ernst Rainer Weissenbacher ist Leiter der Praxis Premium-Medizin in München, und Suzana Mesaric-Andric von der psychiatrischen Klinik Fünfseenland in Gauting.

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