„Immer weniger Tumore gelten heute als inoperabel.“ Prof. Jens Werner ist Experte für neue OP-Techniken.
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„Immer weniger Tumore gelten heute als inoperabel.“ Prof. Jens Werner ist Experte für neue OP-Techniken.

Tumorchirurgie

Krebs – ohne OP keine Heilung

Neue Antikörper, gezieltere Bestrahlungen, schonendere Chemos: Die Krebsmedizin macht ständig Fortschritte. Dabei geht auch die Chirurgie neue Wege...

...und kann so immer mehr Menschen heilen. Ihre Methoden sind schonender, aber auch radikaler.

Krebs im Enddarm, das Stadium bereits fortgeschritten. Für Helga L., 67, war die Diagnose ein Schock. Untersuchungen zeigten: Fünf Metastasen in der Leber, zwei in der Lunge. „Nicht mehr zu operieren“, sagten die Ärzte – und gaben ihr eine Chemo, um den Krebs wenigstens zurückzudrängen. Doch Helga L. wollte kämpfen, auch für ihre Kinder. In einem Krebszentrum holte sie sich eine zweite Meinung. Experten verschiedener Fachrichtungen diskutierten den Fall – und sahen eine Möglichkeit. In zwei Schritten entfernten Chirurgen und Radiologen zuerst die Lebermetastasen, in einem dritten Eingriff wurden die Tumore in Enddarm und Lunge operiert. Helga L. hat jetzt eine realistische Chance, dass der Krebs langfristig besiegt ist.

Moderne Krebschirurgie ist radikaler

Regelmäßig kommt sie seither zur Nachkontrolle in das Krebszentrum des Klinikums der Universität München. Seit Beginn des Jahres leitet dort Prof. Jens Werner die Chirurgischen Kliniken Großhadern und Innenstadt. Der erfahrene Chirurg arbeitete zuvor viele Jahre im Uniklinikum Heidelberg eng mit dem dortigen Krebsforschungszentrum zusammen und ist Experte auf dem Gebiet der Tumorchirurgie.

„Immer weniger Tumore gelten heute als inoperabel“, sagt Werner. Das heißt auch: Immer mehr Patienten haben eine Chance auf Heilung. Auch wenn die Krebsmedizin über viele neue Waffen verfügt, gilt eine schlichte Regel noch immer: ohne Operation keine Heilung. Zumindest bei den meisten soliden Tumoren ist das so. So nennen Experten Wucherungen, die örtlich begrenzt sind – im Gegensatz etwa zu Leukämien.

Neue Techniken ermöglichen es zudem in vielen Fällen, schonender zu operieren. So nützen auch Krebschirurgen das Laparoskop. Über kleine Schnitte werden die OP-Instrumente und eine Kamera eingeführt. Diese überträgt die Bilder aus dem Inneren vergrößert auf einen Bildschirm. Bei Darmkrebs ist das inzwischen Standard. Auch OP-Roboter, gesteuert von einem Chirurgen, kommen zum Einsatz. Der Patient hat nach der OP weniger Schmerzen, Wunden heilen schneller. „Das kann gerade bei Krebs wichtig sein“, sagt Werner. Oft folgen nach dem Eingriff weitere Therapien wie Bestrahlung oder Chemo. Dazu sollte der Kranke wieder möglichst fit sein.

Immer weniger Tumore gelten heute als inoperabel

Minimal-invasive Techniken werden zudem bei prophylaktischen, also vorbeugenden, Krebs-OPs eingesetzt. Denn manchmal werden heute auch gesunde Organe entfernt – wenn man anhand eines Gentests erkennt, dass es nahezu sicher ist, dass dort Krebs entstehen wird. Das gilt etwa für einige Formen des Darm- und Magenkrebs. Schonender macht die moderne Krebschirurgie auch eine Erkenntnis: Nicht immer müssen erkrankte Organe vollständig entfernt werden, um den Patienten zu heilen. So kann bei Krebsvorstufen oder manchen zystischen Tumoren der Bauchspeicheldrüse das Organ erhalten bleiben – und damit seine Funktion.

Doch moderne Krebschirurgie ist nicht nur schonender, sondern manchmal auch radikaler. Fortgeschrittene Tumore, an die früher kein Chirurg mehr das Skalpell gesetzt hätte, können heute teils noch entfernt werden. Große Fortschritte gibt es etwa bei Tumoren des Mast- und Enddarms, der Leber sowie der Bauchspeicheldrüse.

Gerade Krebs der Bauchspeicheldrüse wird oft erst entdeckt, wenn er schon in Blutgefäße eingewachsen ist oder andere Organe befallen hat. Hat der Tumor umgebende Organe befallen, kann man heute an spezialisierten Zentren aber oft dennoch operieren. Wenn nötig, entfernen Chirurgen dann mehrere Organe in einem Stück, etwa neben der Bauchspeicheldrüse auch Teile des Darms, des Magens oder eine Niere. Selbst Tumore, die in Gefäße eingewachsen sind, lassen sich meist operieren. Darunter auch Tumore, die früher generell nicht entfernt werden konnten, etwa weil sie an Arterien heranreichen. „Heute wird in so einem Fall das Tumorgebiet und das Gefäß vor der OP bestrahlt“, erklärt Werner. Auch hier hilft dem Chirurgen der Onkologe und der Radiologe.

Selbst Metastasen in der Leber lassen sich oft entfernen

Zudem erweitern technische Neuerungen die Möglichkeiten der Therapie: Finden sich Tumorherde verteilt in Bauchraum und -fell, galt der Krebs früher generell als unheilbar. Bei einigen Tumoren, etwa von Darm und Magen, kann eine neue Methode manchmal sogar noch langfristig heilen: die HIPEC (hypertherme intraperitoneale Chemotherapie). Hat der Chirurg den Tumor entfernt, wird während der OP über Schläuche eine auf gut 40 Grad erwärmte Chemotherapie-Lösung für einige Stunden in den Bauchraum geleitet. Das tötet die Tumorzellen ab.

Selbst wenn der Krebs wie bei Helga L. schon mehrere Absiedelungen gebildet hat, ist manchmal noch Heilung möglich. Das gelingt dem Chirurgen bei Lebermetastasen etwa in Zusammenarbeit mit dem Radiologen. Der nimmt zum Beispiel eine Embolisation der Pfortader vor: Der Venenast, der das kranke Leberstück versorgt, wird verstopft, das Gewebe nicht mehr mit Blut versorgt. Der kranke Teil schrumpft, der gesunde wächst. Nach einigen Wochen ist er groß genug, um nach dem Entfernen des kranken Leberlappens die Funktion komplett zu übernehmen. „Selbst wenn sich in diesem Teil zusätzlich einige Metastasen befinden, kann man diese oft entfernen“, erklärt Werner. Liegen sie weiter innen, kommt auch eine Bestrahlung oder die Radiofrequenzablation zum Einsatz. Dabei werden Sonden bis in den Tumor eingeführt und dieser mit elektrischem Strom verkocht.

Entscheidend bei großen OPs ist auch die Erfahrung des Chirurgen. Vor allem bei radikalen Eingriffen ist das Risiko relativ hoch. Untersuchungen haben gezeigt, dass die OP-Ergebnisse und auch die Heilungschancen in spezialisierten Zentren deutlich besser sind.

Entscheidend für den Patienten ist nicht nur, ob sein Tumor entfernt werden kann. Ebenso wichtig: Wie sieht sein Leben nach der OP aus? Auch hier kommt es auf die OP-Technik an. Etwa bei Eingriffen am Darmausgang. Früher entfernten Chirurgen in der Regel auch den Schließmuskel. Die Patienten lebten dann mit künstlichem Darm-ausgang. Heute kann der Schließmuskel in über 90 Prozent der Fälle erhalten werden – und damit die Kontinenz.

Um Nerven, die für die Funktion von Blase und Potenz wichtig sind, zu schonen, muss der Chirurg genau wissen, wo er Skalpell, Laser oder das Elektromesser ansetzt. Denn auch die OP-Instrumente haben sich weiterentwickelt, wie auch das Wissen um die Anatomie. „Man muss die Feinheiten in den Gewebestrukturen kennen“, sagt Werner. Selbst erfahrene Chirurgen können hier immer noch dazulernen.

Von Sonja Gibis

Der Experte

Prof. Jens Werner ist seit Anfang des Jahres neuer Direktor der Klinik für Allgemein-, Viszeral-, Transplantations-, Gefäß- und Thoraxchirurgie am Klinikum der Ludwig-Maximilians- Universität in München. Zu seinen Schwerpunkten gehören Krebschirurgie sowie Transplantationen von Leber, Niere und Bauchspeicheldrüse.

Die bestmögliche Behandlung

Die Krebstherapie hat heute viele wirksame Waffen. Besonders schlagkräftig sind diese oft in Kombination. Wie man sie richtig einsetzt, das weiß allerdings nur der Experte. Selbst für den informierten Laien ist es kaum zu durchschauen, ob er wirklich die nach dem derzeitigen Wissen bestmögliche Therapie erhält. Diese ist in den so genannten medizinischen Leitlinien festgehalten. Untersuchungen, etwa bei Brustkrebs, haben gezeigt: Halten sich die Ärzte daran, haben die Patienten eine deutlich größere Chance, geheilt zu werden oder zumindest länger zu leben. Doch nicht immer befolgen Mediziner die Leitlinien.

Doch kann jeder Patient sicher sein, dass er eine Therapie nach den Leitlinien erhält – indem er auf ein bestimmtes Gütesiegel achtet: In zertifizierten Zentren wird eine optimale Therapie garantiert. Um eine Zertifizierung zu erhalten, müssen Kliniken strenge Vorgaben erfüllen. So muss eine Mindestzahl von Patienten behandelt werden. Denn auch die Erfahrung hat Einfluss auf den Erfolg. Eine umfangreiche interdisziplinäre Arbeit ist hier Standard. In Zentren findet sich zudem stets auch ein Sozialdienst sowie eine psychoonkologische Betreuung. Alle zwei Jahre wird erneut begutachtet.

Die Zentren sind dabei in der Regel nicht nur auf die Erkrankung Krebs allgemein spezialisiert, sondern auf Tumore in bestimmten Organen. Denn Krebs ist nicht gleich Krebs. So erfordert Darmkrebs eine völlig andere Behandlung als etwa ein Tumor der Bauchspeicheldrüse oder der Prostata. Um ein so genanntes onkologisches Zentrum zu gründen, müssen sich dann mindestens drei Organkrebszentren zusammenschließen. Zudem gibt es in Deutschland zwölf onkologische Spitzenzentren. Sie werden streng begutachtet, durch die Deutsche Krebshilfe ernannt und dann besonders gefördert. Da hier viel geforscht wird, gibt es diese Spitzenzentren nur an Unikliniken. Zertifizierte Zentren finden Sie im Internet unter www.onkozert.de, Informationen zu den Spitzenzentren gibt es zudem auf der Seite www.ccc-netzwerk. de.

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