Künstliches Heroin künftig für mehr Suchtkranke

Berlin - Künstliches Heroin könnte das Leben Tausender Suchtkranker erleichtern - doch wegen hoher Hürden bekommen viele nichts. Nun macht die Selbstverwaltung im Gesundheitswesen den Weg frei für neue Angebote.

Vier Jahre nach dem offiziellen Startschuss für den flächendeckenden Einsatz von künstlichem Heroin auf Kassenkosten sollen mehr Suchtkranke den Stoff bekommen. Der maßgebliche Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) von Krankenkassen, Ärzten und Kliniken hat mit einem Beschluss die bisher hohen Hürden für die Abgabe von Diamorphin gesenkt, wie der G-BA am Donnerstag in Berlin mitteilte. Die Bundesdrogenbeauftragte, SPD und Grüne hoffen nun auf die Gründung neuer Diamorphin-Ambulanzen.

Diese Einrichtungen müssen künftig nicht mehr zwingend drei Ärzte anstellen und über drei getrennte Räume verfügen. Länder, Experten und Opposition hatten kritisiert, dass durch diese Vorgaben die Gründung neuer Ambulanzen unnötig verteuert und quasi unmöglich gemacht werde. Der Bundestag hatte 2009 nach langem Streit und gegen den Willen der Union in freier Abstimmung beschlossen, dass Diamorphin an stark Abhängige dauerhaft abgegeben werden soll.

Die Drogenbeauftragte Mechthild Dyckmans (FDP) zeigte sich optimistisch, „dass sich weitere Einrichtungen der Behandlung von Schwerstopiatabhängigen mit Diamorphin annehmen und noch mehr Patienten, die diese Behandlung brauchen, versorgt werden können“.

Diamorphin-Ambulanzen gibt es heute in Bonn, Frankfurt/Main, Hamburg, Hannover, Karlsruhe, Köln und München. Sie alle waren schon bei dem Modellprojekt dabei, das Basis für den Parlamentsbeschluss war. Gut 400 Patienten sind derzeit bundesweit in der Behandlung - Experten gehen von einem Bedarf für 1500 bis 3000 Abhängige aus.

Die SPD-Suchtexpertin Angelika Graf sagte der Nachrichtenagentur dpa, sie begrüße den G-BA-Beschluss. „Weitere müssen aber folgen.“ So sei die Versorgung auf dem Land nicht immer gewährleistet. Auch in den Haftanstalten gebe es großen Handlungsbedarf.

Der Grünen-Drogenpolitiker Harald Terpe betonte, wenn die G-BA-Entscheidung die Diamorphin-Behandlung voranbringe, nütze dies nicht nur den Betroffenen, sondern der ganzen Gesellschaft. „In absehbarer Zeit sollten auch die gesetzlichen Regelungen noch mal überprüft werden, inwieweit sie im Einzelfall wirklich notwendig sind“, sagte er der dpa.

So sollen es auch künftig nach Möglichkeit drei Ärzte pro Ambulanz sein - aber es kann davon abgewichen werden. Außerdem kommen für das Programm nur Abhängige in Frage, die älter als 23 sind, seit mindestens fünf Jahren süchtig und die sich bereits zwei erfolglosen Suchtbehandlungen unterzogen haben.

Mit rund 80 000 Menschen bundesweit bekommen weit mehr Drogenabhängige den Ersatzstoff Methadon. Ihre Erfahrungen sind nach Angaben von Suchtforschern aber nicht immer gut. Wer die stärker geregelte Diamorphin-Behandlung mitmache, zeige meist einen besseren Gesundheitszustand und eine stabilere soziale Situation.

dpa

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