Experte für die Organe im Bauch: Dr. Jochen M. Dresel, Gastroenterologe in der Schönklinik am Starnberg See, zeigt an einem Modell, wo die Leber im Körper sitzt.
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Experte für die Organe im Bauch: Dr. Jochen M. Dresel, Gastroenterologe in der Schönklinik am Starnberg See, zeigt an einem Modell, wo die Leber im Körper sitzt.

Leberzirrhose

Wenn die Chemiefabrik des Körpers streikt

Die Leber leidet stumm: Kommt es zu Problemen, ist die Erkrankung oft schon weit fortgeschritten – etwa bei einer Leberzirrhose, einer schleichenden Vernarbung des Entgiftungsorgans.

Wolfgang S. ist schlank, fast mager. Nur der Bauch des 75-Jährigen war in letzter Zeit deutlich dicker geworden. Auch die Waage zeigte immer mehr Kilos – dabei hatte Wolfgang S. kaum Appetit. Er fühlte sich schlapp, hatte Atemnot, war kaum mehr belastbar. „Wahrscheinlich das Herz“, dachte er. Denn damit hatte der Rentner schon länger Probleme. Doch sein Hausarzt vermutete eine andere Ursache – und schickte ihn zum Spezialisten. Zumal das Weiß in Wolfgang S. Augen auffällig gelblich war.

Wolfgang S. kam zu Dr. Jochen M. Dresel, leitender Arzt für Gastroenterologie und Innere Medizin in der Schönklinik am Starnberger See. Er untersuchte den Patienten und stellte einen Nabelbruch fest. Zudem entnahm er Blut und machte einen Ultraschall des Bauchs. Rasch zeigte sich die Ursache der Gewichtszunahme: Wasser in der Bauchhöhle. Doch konnte Dresel noch mehr erkennen. So war die Oberfläche der Leber nicht glatt wie bei einem gesunden Organ. Ihre Struktur wirkte auffällig fleckig. Sie war zudem vergrößert, wie auch die Milz. Durch einige Blutgefäße im Bauchraum floss mehr Blut als gewöhnlich. Die Leber war dagegen schlecht durchblutet. Auch das Blut selbst zeigte Veränderungen: Die Zahl der Blutplättchen war stark verringert, die Blutgerinnung deutlich reduziert. Das Bilirubin und die Leberwerte waren dagegen erhöht.

Schleichend über Jahre

„Die Beschwerden sind typisch für eine fortgeschrittene Lebererkrankung“, sagt Dresel. In dem Entgiftungsorgan sterben immer mehr Zellen ab. Es vernarbt, wird knotig und verliert schleichend seine Funktion – es kommt zu einer Leberzirrhose. Der Körper wirdschlechter entgiftet, was zu einem Bündel von Problemen führt. So kann Bilirubin, das beim Abbau der roten Blutkörperchen anfällt, nicht mehr über die Leber abtransportiert werden. Das führt zu Gelbsucht. Haut und Augapfel verfärben sich gelblich.

Eine Leberzirrhose bildet sich dabei meist schleichend über Jahre bis Jahrzehnte. Da das Organ große Reserven besitzt, hat der Patient lange keine Probleme. Zu Schmerzen im Oberbauch kommt es meist erst im Endstadium.

Infektion mit Hepatitis-Viren oder Herzprobleme

Hinter einer Leberzirrhose steckt in etwa einem Drittel der Fälle eine chronische Infektion mit Hepatitis-Viren. Auch Herzprobleme, seltener bestimmte Autoimmun- und Speicherkrankheiten, können die Leber schädigen. Die häufigste Ursache ist in Deutschland aber zu viel Alkohol. Immer mehr Leberzellen sterben ab, werden durch Bindegewebe ersetzt. Zunächst kann sich die Leber dabei vergrößern. „Dann überwiegen noch die entzündeten Bereiche“, sagt Dresel. Ist viel narbiges Bindegewebe vorhanden, ist sie verkleinert – eine Schrumpfleber entsteht.

Im Gespräch stellte sich heraus, dass auch Wolfgang S. über lange Zeit viel Alkohol getrunken hatte, vor allem Wein. Denn nicht nur Hochprozentiges schadet der Leber. „Wein enthält eben auch Alkohol“, sagt Dresel. Trinkt man lange und regelmäßig viel davon, kann auch das zu einer Zirrhose führen.

Dresel untersuchte den Patienten genauer – und fand weitere Hinweise auf eine Zirrhose. So waren die Lippen dunkelrot, glatt und trocken. Mediziner sprechen auch von Lacklippen. Vor allem im Gesicht und am Oberkörper fanden sich winzige Veränderungen der Blutgefäße, die in der Haut sternförmige, netzartige Strukturen bildeten. Auch diese so genannten Spider-Naevi sind typisch.

Doch kommt es oft noch zu weitaus gefährlicheren Veränderungen der Gefäße: Da das Blut die verhärtete Leber nicht mehr gut durchfließen kann, sucht es sich andere Wege. Vor allem in der Speiseröhre bilden sich Krampfadern. Diese können platzen – und zu lebensbedrohlichen Blutungen führen. Zudem kommt es zu Bluthochdruck in der Pfortader, der großen Vene, die von den Verdauungsorganen in die Leber führt. Dies führt zu einem Blutstau. Wasser wird aus dem Gefäß in die Bauchhöhle gepresst. Der Bauch schwillt an, oft fällt das Atmen schwer. Auch die Milz vergrößert sich durch den Blutstau.

Dies war auch bei Wolfgang S. der Fall. Im Bauch hatte sich so viel Wasser angesammelt, dass es mit einer kleinen Kanüle in einer Punktion abgelassen werden musste. Er litt zudem unter Eiweißmangel, da die Leber dieses nicht mehr ausreichend bildete. Zum Glück funktionierte die Niere noch gut. „Auch hier kommt es oft zu Problemen“, sagt Dresel. Die Nieren werden immer schlechter durchblutet, es kann zu Nierenversagen kommen. Der Patient ist in akuter Lebensgefahr.

Um die Blutgerinnung zu verbessern, erhielt der Patient Vitamin K in höheren Dosen. Immer wieder wurde Bauchwasser über eine Kanüle abgelassen. Wolfgang S. bekam Wassertabletten, so genannte Diuretika, um zu verhindern, dass sich rasch erneut Wasser im Bauch ansammelt, zudem Eiweißinfusionen.

Strikte Alkoholabstinenz

Labortests zeigten, dass keine weitere Erkrankung hinter den Leberproblemen steckte. Allerdings war ein für Lebertumore typischer Tumormarker, das Alpha-Fetoprotein, erhöht. Eine geringfügige Erhöhung ist für eine Zirrhose durchaus typisch. Doch kann es auch auf Leberkrebs hindeuten. Geschädigte Leberzellen haben ein weitaus höheres Risiko, zu Krebszellen zu entarten. Eine Zirrhose erhöht daher die Gefahr, an einem Lebertumor zu erkranken, deutlich. Am größten ist das Risiko bei einer chronischen Virushepatitis. Wolfgang S. hatte Glück. Noch fand sich kein Krebs.

Durch die Therapie mit Wassertabletten blieb das Gewicht des Patienten stabil, neues Bauchwasser bildete sich nur noch minimal. Eine Magenspiegelung zeigte keine größeren Krampfadern in der Speiseröhre. Nach Ablassen des Bauchwassers fühlte sich der Patient viel besser, er bekam wieder besser Luft und der Bauchumfang hatte sich deutlich verringert.

Wolfgang S. hält sich an die Empfehlungen des Arztes. Das heißt: strikte Alkoholabstinenz. Er nimmt weiter entwässernde Medikamente und soll zudem nicht mehr als 1,5 Liter Flüssigkeit trinken. Seine Leber wird sich zwar nicht mehr erholen. Doch schreitet die Erkrankung so wenigstens nicht rasch voran. „So kann er durchaus noch 80 werden“, sagt Dresel.

Von Sonja Gibis

Experte

Dr. Jochen M. Dresel, leitender Arzt für Gastroenterologie und Innere Medizin in der Schönklinik am Starnberger See.

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