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Auch in der zweiten Klasse purzeln bei Legasthenikern noch die Buchstaben durcheinander.

Legasthenie

„Lesen, das war echt der Horror“

Beim Lesen stockt die Stimme, beim Schreiben purzeln die Buchstaben durcheinander. Etwa sechs Prozent der Deutschen leiden an Legasthenie. Auch Sophia, 17. Trotz Leseschwäche geht sie jetzt aufs Gymnasium.

Dietlinde Leopold schnappt nach Luft, so nervös ist sie. Ihre neunjährige Tochter Sophia hat eine Geschichte geschrieben – und soll sie heute vorlesen. Vor Publikum. Als Sophia beginnt, passiert, was die Mutter erwartet hat. Ihre Tochter setzt an. Stockt. Die Sätze kommen nur holprig. Worte fehlen, andere werden zu Rätseln. Doch Sophia lässt sich nicht drausbringen. Es ist ihre Geschichte. Und sie liest sie zu Ende. Alle hören zu, keiner kichert. Als Sophia fertig ist, geht es Dietlinde Leopold wie den anderen Eltern: Sie ist einfach stolz.

„Sophia ist sehr selbstbewusst“, sagt sie. Ihre Tochter, heute 17, sitzt neben ihr und lächelt. Auch sie erinnert sich noch an die Lesung – und wie ihr die eigene Geschichte nicht über die Lippen wollte. Doch sei das nicht so schlimm gewesen. Eigentlich hat sie aber ganz anderes im Kopf. Sie hat gerade am Gymnasium eine Übergangsklasse für Realschüler besucht. Nach der Mittleren Reife wollte sie das Abi machen. Es ist ihre Entscheidung. Trotzdem hatte sie auch etwas Angst. Denn alle sagten: Im Gymnasium, da musst du viel lesen. Und das ist noch heute ihr Problem. Sophia hat Legasthenie, wie auch ihr jüngerer Bruder Konstantin.

Als Sophia in die Schule kam, war schnell klar: Das verträumte Mädchen tut sich mit Buchstaben schwer. Ihre Mutter versuchte ihr zu helfen, ganz spielerisch. Sie bastelte mit ihr bunte As und Bs. Im Urlaub schrieben sie mit den Füßen Buchstaben in den Sand. Doch während andere schon flüssig Sätze lasen, entzifferte Sophia noch immer Buchstaben für Buchstaben.

Die Lehrer sahen zunächst keinen Handlungsbedarf. „Mal abwarten. Vielleicht gibt sich das noch“, meinten sie. Doch nichts gab sich. Sophia kam in die zweite Klasse. Und immer noch konnten alle besser lesen als sie. „Das war die Zeit, als Sophia traurig wurde“, erzählt die Mutter. Sie weinte öfter, schlief schwer ein. „Sophia begann, den Misserfolg zu erwarten.“

Wer Legasthenie hat, muss früh lernen, sich zu behaupten

Als Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie der Universität München kennt Prof. Gerd Schulte-Körne solche Probleme. Den meisten Kinder mit einer Lernstörung macht es arg zu schaffen, immer wieder dieselben Fehler zu machen. Manche bekommen Ängste, auch schwere Schlafstörungen. „Einige haben richtig Panik vor der Schule“, sagt er. Statt zu trainieren, was ihnen schwer fällt, verweigern sie sich irgendwann total. Schließlich bedeutet Lesen und Schreiben nur Frust, Misserfolg, Versagen. Vor allem Jungs suchten sich schon mal eine Gruppe, wo anderes zählt, etwa Wagemut. Manche würden aggressiv, andere eher niedergeschlagen. „Auch dissoziales Verhalten ist nicht selten“, sagt Schulte-Körne. Damit das nicht passiert, sei eines wichtig: „Man muss Entlastung schaffen – und das Selbstbewusstsein des Kindes stärken“, sagt er.

„Wir waren immer stolz auf unsere Kinder“, sagt Dietlinde Leopold. Sophia hatte immer Freunde, denen es egal war, wie sie liest. Doch auch sie fand es dumm, dass alle besser darin waren. „Das begann schon bei einer Schnitzeljagd“, erzählt die Mutter. Ein versteckter Zettel zeigte, wie es weitergeht. Einer musste ihn vorlesen – aber sicher nicht Sophia. „Lesen, das war echt Horror“, sagt sie.

Der Mutter war klar: Es war Zeit, etwas zu unternehmen. Doch dauerte es, bis Sophia an der richtigen Adresse war. Zuerst ging es zum Schulpsychologen, dann zum Kinderarzt, zum Kinderpsychologen. Doch auch der war kein Fachmann für ihr Problem: Legasthenie. Betroffene haben Probleme beim Lesen und Schreiben, oft ist dabei eine Fähigkeit stärker beeinträchtigt. Sophia fällt vor allem das Lesen schwer. Ihr Bruder Konstantin hat dagegen mehr Probleme, wenn er schreibt. „Dabei kann er so toll erzählen, hat einen Riesenwortschatz“, erzählt Sophia.

Ein Kinder- und Jugendpsychiater machte mit dem Mädchen einen speziellen Test und stellte die Diagnose. Endlich. Denn die hatte für Sophia positive Folgen. In Bayern erhalten Kinder mit Legasthenie in der Schule Entlastung. Die Rechtschreibung wird nicht bewertet. Bei schriftlichen Prüfungen gibt es mehr Zeit. Für die Zeugnisnote wird der mündliche Beitrag in vielen Fächern stärker gewichtet. Mag sein, dass manche Mitschüler über die „Extrawurst“ meckern. „Aber die Vorteile überwiegen eindeutig“, sagt Schulte-Körne.

Beim der Jugendhilfe der Stadt München beantragte die Mutter Unterstützung für eine Legasthenie-Therapie. Die steht allen betroffenen Kindern zu. Ein Platz war rasch gefunden. Doch die Behörden gaben kein grünes Licht. Für die Bearbeitung der Akte müsse man schon mit einem halben Jahr rechnen. Sophia wäre dann in der dritten Klasse gewesen. Die Eltern machten Druck. Sophia sollte endlich Hilfe bekommen.

„Die Förderung sollte früh beginnen“, bestätigt Schulte-Körne. Ist Lesen und Schreiben erst mal mit Versagensängsten besetzt und hat sich falsches Lernverhalten eingeschliffen, ist Umlernen schwierig. Die Förderung sollte dabei durch einen Experten erfolgen, erkennbar etwa an einem Zertifikat des Bundesverbandes für Legasthenie und Dyskalkulie (BVLD). Denn leider gibt es auf dem Markt viele unseriöse Angebote. „Irgendwann ist man maximal verzweifelt“, sagt Dietlinde Leopold. Sie versteht, wenn Eltern zu allem greifen, was Erfolg verspricht.

Denn der Kampf gegen die Legasthenie kann zermürben – die ganze Familie. Die Eltern wollen ihre Kinder unterstützen. „Doch das kann zum Tauziehen werden“, sagt Dietlinde Leopold. Aber: Wann muss man anziehen, wann locker lassen? Zermürbend war für die Mutter oft auch das Gespräch mit den Lehrern. „Wir kennen uns mit Legasthenie aus“ – das hört sie immer wieder. Doch im Schulalltag wundern sich die Lehrer dann doch, warum Sophia so lange braucht, um den Inhalt von ein paar Seiten im Lehrbuch zu erfassen. Auch hapert es an der Umsetzung der Entlastung. Sophia darf zwar länger an ihrem Test arbeiten. Doch während sie noch schreibt, dürfen die anderen schon gehen: Stühle rücken, Stifte klappern. Da ist die Konzentration weg. „Viel liegt an der Kreativität der Schule“, sagt Dietlinde Leopold.

Dennoch. Sophia hat die Realschule geschafft. Sie ist eine fleißige, wissbegierige Schülerin. Die Mittlere Reife hat sie mit einer Eins vor dem Komma bestanden. Selbst im Gymnasium hat sie nur gute Noten. Auch wenn sie zum Lesen eben länger braucht. Oder auch mal was missversteht. Wie erst heute wieder: In Religion musste sie schnell zwei Seiten lesen, dann den Inhalt wiedergeben. Alle diskutierten über einen Kameraden, von dem im Text die Rede war. Sophia wusste aber nur etwas von einer Kamera. Den Rest des Wortes hatte sie übersehen – und daher ganz andere Bilder im Kopf. Ein Buch zu lesen und sich darin verlieren – das kann sie sich gar nicht vorstellen. Das Entziffern der Wörter kostet zu viel Kraft, noch immer.

Im Alltag hat Sophia Strategien entwickelt, damit andere ihr Problem nicht bemerken. Etwa, wenn sie in der Kirche eine Fürbitte vortragen muss. Dann liest sie die Zeilen so oft, bis sie sie fast auswendig kann. Muss sie in der Schule einen Test über ein Buch schreiben, besorgt sie sich das Hörbuch – oder bittet ihre Mutter vorzulesen. „Viele lernen, ihr Problem zu kompensieren“, sagt Schulte-Körne. Das könne auch ein Vorteil sein. „Kinder mit Legasthenie haben schon früh gelernt, sich zu behaupten.“ Sie seien oft sehr stark und gut organisiert.

Auch Sophia hat sich behauptet. Nächstes Jahr will sie Abi machen. Legasthenie hin oder her.

Von Sonja Gibis

Der Experte

Prof. Gerd Schulte-Körne ist Direktor der Klinik für Kinderund Jugendpsychiatrie, Klinikum der Ludwig-Maximilians- Universität München.

Legasthenie und Dyskalkulie

Das Wort Legasthenie bedeutet übersetzt Leseschwäche. Menschen, die unter dieser Lernstörung leiden, haben aber oft auch Probleme beim Schreiben. Doch kann eine Lese- oder Schreibstörung auch nahezu isoliert auftreten. Wer unter Legasthenie leidet, hat zudem ein hohes Risko für eine weitere Lernstörung: die Dyskalkulie oder Rechenschwäche. Betroffene haben Probleme mit den Grundrechenarten, können sich Größen und Mengen nur schwer vorstellen. Insgesamt leiden etwa 378.000 Grundschulkinder an einer Lese- und Rechtschreibstörung oder an einer Rechenschwäche. Kinder mit Legasthenie haben am Schulbeginn oft bereits Probleme, das Alphabet aufzusagen oder Buchstaben rasch zu benennen. Die Buchstaben werden oft verdreht geschrieben. Innerhalb des Wortes werden Buchstaben vertauscht oder ausgelassen. Auch ganze Wörter werden oft ausgelassen oder Wortruinen geschrieben, Rechtschreibregeln nicht angewandt. Menschen mit einer Leseschwäche, lesen oft sehr langsam, lassen Wörter aus oder verlieren die Zeile.

Auch Buchstaben, Silben oder ganze Wörter werden vertauscht, verschluckt oder hinzugefügt. Zudem haben sie oft große Probleme, den Inhalt von Gelesenem zu erfassen und wiederzugeben, nicht nur in Deutsch, sondern auch in den Fremdsprachen.

sog

 

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