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Mammographie löst bei Frauen ein mulmiges Gefühl aus.

Brustkrebs-Screening

Ist eine Mammografie sinnvoll?

Über den Sinn des Mammografie-Screenings wird in Deutschland wieder gestritten. Kritiker würden es am liebsten abschaffen - zu teuer, zu ineffektiv. Wohin führt die Debatte?

Wenn mit 50 zum ersten Mal die Einladung zum Mammografie-Screening im Briefkasten liegt, löst das bei Frauen häufig ein mulmiges Gefühl aus. Denn Brustkrebs fordert unter ihnen mit Abstand die meisten Tumor-Toten. Im größten Risiko-Alter zwischen 50 und 69 Jahren heißt das rein statistisch: Eine von 80 Frauen stirbt daran. Wenn dann, wie in den vergangenen Wochen, einzelne Fachleute, Ärzte und Politiker Zweifel am Nutzen der Früherkennung durch das Screening äußern, ist das für Millionen Frauen ein hochemotionales Thema. Hingehen oder nicht? Wem glauben?

Diskussion über Früherkennung verunsichert Frauen

Bei der Deutschen Krebshilfe klingeln die Telefone jetzt häufiger als sonst. Nicht so pausenlos wie in der Zeit, als Schauspielerin Angelina Jolie von ihrer vorsorglichen Brustamputation wegen erblicher Risiken berichtete. Aber spürbar. „Viele Frauen sind auch nun wieder verunsichert“, berichtet Beraterin Gabriele Plettner. Was sagt sie bei Fragen nach dem Mammografie-Screening? „Es ist nach den derzeitigen Daten eine sinnvolle Maßnahme zur Früherkennung“, antwortet Plettner. Doch die Entscheidung für oder gegen das Screening müsse jede Frau selbst treffen.

Wenig sachliche Infos über Vor- und Nachteile von Screenings

Dafür sind vor allem sachlich-neutrale Informationen über die Vor- und Nachteile des Screenings nötig. Der Gemeinsame Bundesausschuss will die Merkblätter, die mit der Einladung verschickt werden, nun überarbeiten lassen. Es gibt Forderungen, weniger für die Mammografie zu werben, sondern jeder Frau die Abwägung nach dem aktuellen medizinischen Stand selbst zu überlassen.

Das Grundwissen über das Screening gilt in Deutschland bisher allerdings als wenig berauschend. Es gibt Frauen, die ihr Brustkrebsrisiko überschätzen und ahnungslos aus purer Angst zum Röntgen eilen. Und es gibt Frauen, die glauben, dass die Untersuchung Tumore verhindern kann - ein Ammenmärchen.

Angst vor Brustkrebs

Als Vorteil belegt ist bisher, dass Brustkrebs durch die regelmäßigen Röntgenuntersuchungen in einem früheren Stadium entdeckt wird als durch das zuvor übliche Abtasten der Brust oder durch Mammografien ohne Qualitätskontrolle. Das Operieren kleinerer Tumore führt nach den vergangenen Jahresberichten oft dazu, dass Ärzte Frauen nicht mehr die komplette Brust abnehmen müssen und sich Heilungschancen erhöhen. Das bedeutet häufig auch mehr Lebensqualität. Durch das Screening ist aber nicht ausgeschlossen, dass ein schnell wachsender Tumor trotz Früherkennung zum baldigen Tod führen kann - oder Tumore zwischen den zweijährigen Checks entstehen.

Info-Broschüre muss überarbeitet werden

Die angekündigte Überarbeitung der Info-Broschüre ist wohl der einzig brandneue Fakt in der laufenden Für-und-Wider-Debatte. Dass die Reihenuntersuchung der Brust auch Nachteile hat, war schon vor dem Start in Deutschland bekannt: Die Möglichkeit falsch-positiver Befunde zum Beispiel, die Frauen zwei bis drei Wochen in Angst versetzen kann. Lange bekannt sind auch Überdiagnosen und Übertherapien, wenn der Krebs im Frühstadium bekämpft wird, obwohl gar nicht sicher ist, dass er eine Frau töten würde.

Die Reihenuntersuchung ist auch eine Frage von Wirtschaftlichkeit und Konsens in der Gesellschaft. Welche Summen sind für Früherkennung gerechtfertigt, um Leben zu retten? Das deutsche Screening kostet 220 Millionen Euro im Jahr. Runtergerechnet auf eine untersuchte Frau sind das 80 Euro alle zwei Jahre.

„Für mich ist nicht mehr die Frage, ob wir die Brustkrebs-Sterblichkeit durch das Screening senken, sondern um wie viel“, sagt Tatjana Heinen-Kammerer, Geschäftsführerin der Kooperationsgemeinschaft Mammografie, die für das Screening verantwortlich ist. Die Meinungen über diese Quoten gehen bei internationalen Studien allerdings weit auseinander. Nur eine von 2000 Frauen wird gerettet, errechnete 2013 ein Bericht für das Cochrane-Netzwerk, das sich systematischen Übersichtsarbeiten in der Medizin verschrieben hat. Eine Arbeitsgruppe des Europäischen Screening Netzwerks kam mit Daten von 12 Millionen Frauen aus 18 Ländern 2012 darauf, dass 16 von 2000 Frauen gerettet werden.

Und in Deutschland? Das Screeningprogramm, das es seit 2009 flächendeckend für gesetzlich Versicherte gibt, hat einen großen Haken. Zwar schätzt das Robert Koch-Institut, dass damit 2000 Frauen im Jahr das Leben gerettet werden könnte. Belege dafür gibt es aber nicht, weil das Programm noch nicht lange genug läuft. Frühestens 2018 wird man wissen, ob mehr Frauen Brustkrebs langfristig überleben als vor dem Start des Programms.

Genau dieser statistisch luftleere Raum ist das Problem der laufenden Debatte. Bisher ist unklar, welche Rückschlüsse aus Reihenuntersuchungen im Ausland auf Deutschland übertragbar sind. Viele Länder screenen anders, nicht flächendeckend zum Beispiel oder nicht qualitätskontrolliert bis zum Therapiebeginn. Internationale Studien reichen manchmal lange zurück - als es weder die moderne digitale Röntgentechnik noch genau festgeschriebene Anforderungen an Ärzte für die Auswertung der Aufnahmen gab wie nun in Deutschland. Zur Verwirrung trägt bei, dass Forscher dieselben Zahlenkonvolute aus dem Ausland unterschiedlich interpretieren, weil sie jeweils andere Parameter anlegen.

Langezeiteffekt messbar?

Befürworter des Screenings schauen gern auf die Niederlande, die schon seit 25 Jahren streng nach EU-Empfehlungen ähnlich screenen wie die Deutschen. Hier ist der Langzeiteffekt messbar. Das Programm rettet nach Angaben des niederländischen Gesundheitsrats jährlich rund 775 Frauen das Leben. Die dortigen Experten schätzen, dass dies zur einen Hälfte dem Screening zu verdanken ist - und zur anderen Hälfte besseren Therapien.

Eine Diskussion über eine Neubewertung gebe es im Nachbarland nicht, sagt Tatjana Heinen-Kammerer. Sie vermutet, dass das Aufkochen der Argumente gegen das Screening in Deutschland zur Zeit weniger mit Brustkrebs zu tun hat, sondern vielmehr mit anderen Plänen im Gesundheitswesen. In Deutschland sei eine Reihenuntersuchung zur Früherkennung von Darmkrebs und Gebärmutterhalskrebs im Gespräch, berichtet sie.

Am Deutschen Krebsforschungszentrum rät Susanne Weg-Remers als Leiterin des Krebsinformationsdienstes dazu, sich durch die jüngsten Studien-Interpretationen aus dem Ausland nicht verwirren zu lassen. „Es ist sinnvoll abzuwarten, was in rund fünf Jahren beim deutschem Mammografieprogramm rauskommt“, sagt sie.

Alternativen zum Screening sehen viele Experten in Deutschland ohnehin nicht. Was die Methode verändern könnte, sind eher weitere Fortschritte in der Molekulargenetik. Wenn sich das individuelle Brustkrebsrisiko einer Frau besser einschätzen ließe, könnten irgendwann vielleicht auch nur die Risiko-Fälle regelmäßig gescreent werden. „Auf längere Sicht wäre das sicher ein guter Weg“, sagt Susanne Weg-Remers.

Von Ulrike von Leszczynski, dpa

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