Selbsthilfe-Gruppe macht Mut, stärkt das Selbstwertgefühl

„Man sprach nicht darüber – man hat das eben“

ROTENBURG. Karlheinz Drogt leidet seit vielen Jahren unter Harninkontinenz. Lange Zeit konnte er darüber nicht sprechen. Dann hörte der 52-jährige Computerfachmann aus Syke von der Deutschen Kontinenz-Gesellschaft, die Menschen mit einem solchen Leiden unterstützt. Drogt schloss sich der Selbsthilfe-Gruppe in Bremen an. Und seit kurzem ist er deren Leiter.

Zehn bis 15 Leidensgenossen treffen sich regelmäßig in Bremen, tauschen Erfahrungen aus, stützen sich gegenseitig. Drogt ist verheiratet und hat zwei Kinder. Er war sofort bereit, sich auch öffentlich dem Thema und entsprechenden Fragen zu stellen.

Wir möchten das Tabu aufbrechen, das das Thema Inkontinenz umgibt. Das kann man am ehesten mit Gleichgesinnten. Darüber sprechen wir in der Gruppe. Wir nehmen uns selbst die Scheu, damit offen umzugehen und wollen dazu auch alle anderen ermuntern. Wir sprechen über unsere Probleme. Außerdem reden wir natürlich über neue Medikamente, über mögliche Ansprechpartner. Schließlich tauschen wir uns auch aus über sinnvolle Hilfsmittel.

Ja, ich hab´ leider selbst eine Harninkontinenz. Bin davon jetzt fünf bis sechs Jahre betroffen. Am Anfang fiel es mir sehr, sehr schwer, überhaupt darüber zu reden. Es war auch für mich, wie in der ganzen Gesellschaft, ein Tabu. Man sprach einfach nicht darüber. Man hat das eben. Das hat mir übrigens vor Jahren auch mal ein Arzt gesagt. „Machen Sie sich nichts draus, bei Ihnen kann man eben nichts machen, fertig aus.“ Mit dem war ich dann auch fertig.

Ich habe mich dann im Internet umgeschaut und habe dazu viel Material gefunden. Und ich habe gemerkt, darüber zu reden, ist besser – auch für die eigene Psyche. Reden ist das Beste, was man machen kann. Ich habe es erst nie gedacht. Aber selbst auf der Arbeit habe ich dann in einem Meeting gesagt, dass ich daran krank bin, und die haben geantwortet: Ja und? Du bist genauso ein Mensch wie vorher, und dieses „du bist ein Mensch genauso wie jeder andere“, das müsste immer wieder und jeden Tag auch in unserer Gesellschaft und in unserer Umgebung ankommen. Denn eine solche Krankheit greift sehr stark das Selbstwertgefühl an. Solche Menschen müssen gestärkt werden. Und genau das tun wir in unserer Selbsthilfegruppe.

Ja, wir werden auch von einem Bremer Urologen betreut, der uns hin und wieder aufsucht. Vor allem aber ist unsere Gruppe fest eingebunden in die Deutsche Kontinenz-Gesellschaft in Kassel. Von dort werden wir nachhaltig unterstützt mit Informationsmaterial, auch mit Zeitschriften.

Durch die Gruppen haben wir es geschafft, frei von der Leber darüber zu sprechen. Ganz ehrlich – ich hätte nie gedacht, dass ich es irgendwann mal schaffe, so wie hier jetzt mit Ihnen über meine Krankheit zu sprechen, mir fällt das jetzt viel leichter.

Sie arbeiten dort auch mit Medizinern zusammen?

Sie sind selbst von der Krankheit betroffen. Welche Erfahrungen haben Sie gemacht? Vor allem auch in Ihrem Umfeld? Wie gehen nicht Betroffene damit um?

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