Pillen oder Rohkost? Für die Komplementär-Mediziner Prof. Dieter Melchart und Dr. Axel Eustachi ist die Antwort klar: Nur wenn ein Mangel auch nachgewiesen wurde, raten sie zu Mitteln zur Nahrungsergänzung.
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Pillen oder Rohkost? Für die Komplementär-Mediziner Prof. Dieter Melchart und Dr. Axel Eustachi ist die Antwort klar: Nur wenn ein Mangel auch nachgewiesen wurde, raten sie zu Mitteln zur Nahrungsergänzung.

Nahrungsergänzungsmittel

Gesünder durch Pillen und Pulver?

Viele Menschen schlucken Pillen und Pülverchen um gesund zu bleiben. Doch was können Vitamine aus der Dose und Fischöl in Kapseln wirklich? Zwei Experten aus München geben Antwort.

Brausetabletten mit Vitamin C für ein schlagkräftiges Immunsystem, Kieselerde-Pillen für schöne Nägel und Kalzium für kräftige Knochen. Oder vielleicht doch besser die Tabletten, die den Körper von A bis Zink mit allen wichtigen Vitaminen, Mineralstoffen und Spurenelementen versorgen? Das Angebot an Mitteln zur Nahrungsergänzung ist riesig – und immer mehr Kunden greifen kraftvoll zu.

„Viele denken: Was in Nahrungsmitteln gesund ist, muss in konzentrierter Form als Pille umso gesünder sein“, sagt Dr. Axel Eustachi, Arzt am Zentrum für Komplementärmedizin und Naturheilkunde (KoKoNat) der Technischen Universität München. Andere fürchten, dass sie sich nicht ausgewogen genug ernähren, um alle wichtigen Stoffe allein mit dem Essen aufzunehmen.

Keine Extrapillen nötig

Die zentrale Botschaft am Zentrum für Naturheilweisen lautet dagegen: Wer sich vernünftig ernährt, der braucht keine Extrapillen. Das Rezept für gesunde Kost sei dabei recht einfach, erklärt Zentrums-Leiter Prof. Dieter Melchart: viel Obst und Gemüse, zudem vollwertige Kohlenhydrate, pflanzliche Öle und ein bis zwei Mal pro Woche Fisch. Sparsam sein sollte man bei Fleisch. Mehr als ein halbes Kilo pro Woche sollte nicht auf den Teller kommen. Auch zu viel Salz ist ungesund. Zu empfehlen sind fünf Gramm pro Tag. Darüber hinaus ist die richtige Ernährung sehr individuell. „Nicht jeder verträgt viel Rohkost“, sagt Eustachi. Hier sollte jeder auf seinen Bauch hören.

Bei der Ernährung sollte jeder auch auf seinen Bauch hören

Dennoch schlucken viele lieber Pillen, als Karotten zu schnippeln. Für viele gehören Nahrungsergänzungsmittel heute zum täglich Brot – und es werden immer mehr. Der große Boom begann in den 1990er-Jahren. Inzwischen nehme hierzulande etwa jeder Dritte täglich mindestens ein Mittel zur Nahrungsergänzung ein, sagt Eustachi. Die Hälfte davon schluckt noch ein zweites. Und: Die Deutschen stehen den US-Amerikanern in nichts nach.

Doch was treibt immer mehr Menschen dazu, ihr Heil in der Pillendose zu suchen? Einen Anteil hat wohl die Arbeitswelt: Viele fühlen sich gestresst. Immer mehr klagen darüber, sich den ständig wachsenden Anforderungen nicht mehr gewachsen zu fühlen. Sie spüren, dass der Druck ihrer Gesundheit schadet – und haben das Bedürfnis, dem etwas entgegenzusetzen. Und ein paar Pillen zu schlucken, das ist einfach und beruhigt.

Auf die Wirkung warten die meisten vergebens. Schon allein deshalb, weil Mittel zur Nahrungsergänzung laut Gesetz gar keinen therapeutischen Nutzen verfolgen dürfen. Wird ein solcher angegeben, muss ein Präparat als Arzneimittel zugelassen werden. Dafür sind aufwendige Prüfungen und Wirknachweise nötig – und die sind teuer. Bei Mitteln, die der Nahrungsergänzung dienen, ist das nicht nötig. Der Hersteller müsse nur eine Erklärung abgeben, dass sein Produkt unbedenklich ist, sagt Eustachi. „Geprüft wird das aber nicht.“

Dennoch sind diese Mittel nicht immer unbedenklich. Ein Problem: Nicht wenige schlucken gleich einige Präparate, eins zur Leberstärkung, eins für die Niere, eins fürs Immunsystem. Zusammen kann die Dosis durchaus in einen Bereich liegen, wo sie schädlich wird. Etwa bei Selen. „Zu hohe Dosen täglich können toxisch werden“, sagt Melchart. Dann droht eine Selenose. Die Betroffenen sind müde, die Haare fallen aus – genau das, was viele durch die Pillen vermeiden wollen. Auch gesunde Vitamine können in hoher Dosis ungesund sein. Das gilt vor allem für Fettlösliche, die der Körper speichert. Hier kann es zu einer Überversorgung, einer Hypervitaminose kommen.

Andererseits weiß man heute: Vitamine und Spurenelemente werden vom Körper in der Regel viel besser mit den Nahrungsmitteln aufgenommen. „Er kann sie so besser aufschließen“, erklärt Melchart. Bei manchen Vitaminen bringen Pillen so gut wie nichts, etwa bei Vitamin E.

Der Körper ist auf wiederkehrenden Mangel eingestellt

Die Produzenten geben sich dennoch alle Mühe, ihre Mittel als großes Plus für die Gesundheit zu verkaufen. Rechtlich ist an solchen Anzeigen meist nichts zu beanstanden. Doch seien sie oft so geschickt formuliert, dass sie dem Leser suggerierten: „Ich werde es nicht schaffen, gesund alt zu werden, wenn ich das Mittel nicht nehme.“

Dabei gibt es nur wenige, die von dem Extra aus der Pillendose profitieren. Schwangere zum Beispiel, die vorübergehend mehr Nährstoffe brauchen. Ambitionierten Ausdauersportlern fehlt es manchmal an Zink, weil sie viel davon mit dem Schweiß verlieren. Auch alleinstehende Menschen, die sich vorwiegend von Fertigprodukten ernähren, haben manchmal einen Mangel an Nährstoffen, ebenso Menschen in Altersheimen. Zudem könnten auch manche Erkrankungen dazu führen.

Die meisten Menschen brauchen hierzulande aber keine Angst vor einer Mangelernährung zu haben. Zumal die Versorgung mit Lebensmitteln wohl nie besser war als heute: Selbst im Winter ist die Auswahl an Obst und Gemüse riesig. „Dafür enthält es auch nur noch einen Bruchteil der Nährstoffe wie früher“, wendet mancher ein. Schuld seien etwa die Böden, die durch die intensive landwirtschaftliche Nutzung verarmt seien. „Eine Tendenz zur Abnahme ist nicht feststellbar“, sagt indes Eustachi. Das bestätigt auch das bayerische Ministerium für Umwelt und Verbraucherschutz: Wissenschaftlich zu begründen seien solche Aussagen nicht, heißt es dort (www.vis.bayern.de).

Richtig ist allerdings, dass der Gehalt an Vitaminen und Mineralstoffen in Obst und Gemüse oft stark schwankt, auch innerhalb einer Sorte. Schuld daran ist aber eher das Wetter im Erntejahr oder auch Transport und Lagerung. Die meisten Nährstoffe gehen ohnehin erst daheim verloren, etwa durch das Kochen.

Dennoch denken viele: „Sicher ist sicher“ – und schlucken ein paar Pillen extra. Laut Eustachi greifen gerade diejenigen oft zu Nahrungsergänzungsmitteln, die ohnehin eher gesund leben. Schaden richten sie damit meist nicht an. Gesünder machen die Extras aber wohl auch nicht. Zumal der Mensch gar nicht darauf ausgerichtet ist, stets optimal mit allen Stoffen versorgt zu sein. „Wenn wir so sensibel wären, dürfte es die Menschheit gar nicht mehr geben“, sagt Eustachi. Nahrung im Überfluss und ständig verfügbar – das gab es nie zuvor. Der Körper ist daher auf wiederkehrenden Mangel eingestellt und kommt damit meist erstaunlich gut klar.

Bei einigen Stoffen macht Eustachi eine Ausnahme, etwa Jod, Folsäure und Vitamin D. Diese nur mit dem Essen aufzunehmen, sei schwierig. Experten empfehlen daher, mit Jod-Salz zu verwenden. Folsäure ist wichtig für werdende Mütter. Ein Vitamin D-Mangel besteht vor allem nach der dunklen Jahreszeit. Denn um es zu produzieren, braucht der Körper die Sonne.

Von Sonja Gibis und Andrea Eppner

Experten zum Thema Nahrungsergänzungsmittel

Prof. Dieter Melchart, Leiter des Zentrums für Komplementärmedizin und Naturheilkunde (KoKoNat) der Technischen Universität München und Dr. Axel Eustachi.

Vitamine Lebensmittel wichtig für Tagesbedarf von Erwachsenen

Vitamin A

(Retinol)

Vorstufen (Carotinoide)

Leber, Eigelb, Butter, Margarine, grünes Gemüse, gelb-, orange- und rotgefärbtes z.B. Tomaten, Karotten  

Wachstum, Immunsystem, Sehen, Aufbau von Haut und Schleimhäuten

0,8 – 1 mg (Vit. A), max. 3 mg (Vit. A)

max. 10 mg (B-Carotin)

Vitamin D Leber, Hering, Makrele, Eigelb

Kalzium- und Phosphat-stoffwechsel

Knochenbildung 

0,005 mg, max. 0,1 mg
Vitamin E Weizenkeimöl, Sonnenblumenöl, Rapsöl, Leinsamen, Nüsse, Mandeln

antioxidative Wirkung

Membranschutz

12-15 mg, max. 300 mg

Vitamin K

(Phyllochinone)

Kohl, grünes Gemüse, Milch, Ei, Fleisch Blutgerinnung, Aufbau von Proteinen (Eiweißen)  0,06-0,08 mg, max. 10 mg

Vitamin C

(Ascorbinsäure)

Obst und Gemüse z.B. Kohlgemüse, Zitrusfrüchte, Sanddorn, Hagebutten

Wundheilung, antioxidative Wirkung, Immunsystem, Bindegewebe

100 mg
Vitamin B1 Schweinefleisch, Vollkornprodukte, Kartoffeln, Hülsenfrüchte Coenzym für den Kohlenhydrat Stoffwechsel 1-1,3 mg
Vitamin B2 Milch, Milchprodukte, Fleisch, Vollkornprodukte, Fisch, Eier

Bestandteil vieler Verdauungsenzyme

1,2-1,5 mg
Vitamin B6 Hühner- und Schweinefleisch, Fisch, Kartoffeln, Bananen, Vollkornprodukte Blutbildung, Funktion des Nervensystems, Aminosäure-Stoffwechsel 1,2-1,5 mg, max. 25 mg
Vitamin B12 Fleisch, Fisch, Eier, Milch, Käse, Sauerkraut Blutbildung, Fett- und Kohlenhydrat-Stoffwechsel 0,003 mg, max. 5 mg
Folsäure Leber, Milchprodukte, Keimlinge, Vollkornprodukte, Erbsen, Kohlgemüse, Spinat, Salate, Orangen, Kirschen, Erdbeeren Bildung neuer Zellen, Entwicklung des Nervensystems beim Ungeborenen 0,4 mg, max. 1 mg

Niacin

(früher: Vitamin B3)

Fleisch, Fisch, Innereien, Eier, Milch, Getreide, Kartoffeln Zellatmung, Energiegewinnung

13-17 mg

max. 900 mg Nicotinamid

max. 10 mg Nicotinsäure

Pantothensäure

(Vitamin B5)  

 Leber, Fleisch, Fisch, Vollkornprodukte, Milch, Hülsenfrüchte Bildung von Fettsäuren, Cholesterin 6 mg
Biotin Eigelb, Nüsse, Leber, Vollkornprodukte

Fett- und Eiweiß-Stoffwechsel

Haut, Haare, Nägel

0,03-0,06 mg

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