Netzhautablösung führen in der Regel zum Erblinden.
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Mit Licht und einer Lupe untersucht Prof. Chris Lohmann das Auge von Christian Schultz – alles in Ordnung.

Netzhautablösung

Wann eine schnelle OP das Augenlicht rettet

Senkt sich plötzlich ein dunkler Schleier vor die Welt, ist das oft ein medizinischer Notfall: Bei einer Netzhautablösung ist das Augenlicht in höchster Gefahr.

Eine schnelle Operation kann es aber meist retten. Wie bei Christian Schultz, 38.

Ein klarer Blick – für den Filmemacher Christian Schultz gehört der zum Beruf. „Zum Glück habe ich den“, sagt der junge Mann in schwarzem Hemd und gestreiften Hosenträgern lachend. Dass er die Welt, deren Bilder er einfängt, heute in aller Schärfe sehen kann, ist für ihn aber nicht selbstverständlich. Gleich zwei Mal gab ihm die moderne Augenmedizin die ungetrübte Sicht zurück.

Das erste Mal schob sich langsam ein grauer Schleier vor Schultz’ Welt: Was bei vielen Menschen erst in fortgeschrittenem Alter passiert, traf ihn schon mit Mitte 30. Die Linse trübte sich – er litt an grauem Star. Die Augenheilkunde kann heute mit einem Standardeingriff helfen: In einer OP erhielt Schultz künstliche Linsen. Doch zwei Jahre später, im Mai 2012, tanzten plötzlich schwarze Punkte vor seinem rechten Auge. Sie sahen dabei nicht etwa aus wie „fliegende Mücken“, die bei vielen Menschen vor den Augen herumzufliegen scheinen. Ihre Ursache sind harmlose Trübungen im Glaskörper. „Bei mir waren es eher dunkle Pantoffeltierchen“, beschreibt Schultz.

Zunächst wartete er darauf, dass sie von selbst wieder verschwinden. Doch nach drei Tagen waren aus ihnen dunkle Würmer geworden. Sie schienen vor allem in der oberen Hälfte des Gesichtsfeldes herumzukriechen. Ein dunkler Schleier senkte sich.

Schultz ging zu seiner Augenärztin. Die erkannte sofort: Bei dem jungen Mann hatte sich ein Teil der Netzhaut gelöst. Darin sitzen spezialisierte Sinneszellen, die Stäbchen und Zapfen. Sie wandeln Licht in Nervenimpulse um. Diese werden an den Sehnerv und schließlich an das Gehirn weitergeleitet, wo aus ihnen Bilder werden. Löst sich die Netzhaut ab, klappt das nicht mehr. Der Patient droht auf dem betroffenen Auge zu erblinden.

Die Ärztin hatte für Schultz eine gute und eine schlechte Nachricht. Die Gute: Der Schatten kann wieder verschwinden. Die Schlechte: Das Auge muss sofort operiert werden. Mit dem Taxi fuhr Schultz direkt in das Klinikum rechts der Isar in München, wo ihn Prof. Chris Lohmann erneut untersuchte. Die Diagnose bestätigte sich: Netzhautablösung. „Die ist immer ein Notfall“, erklärt der Direktor der Augenklinik. In der Regel wird daher noch am selben Tag operiert. Auch Schultz lag wenige Stunden später im OP. Der Eingriff erfolgt, anders als oft beim grauen Star, unter Vollnarkose.

Vor Schultz’ Auge tanzten plötzlich schwarze Punkte

Löst sich die Netzhaut, kann das verschiedene Ursachen haben, etwa eine Prellung des Auges. Ein erhöhtes Risiko haben zudem Patienten nach einer grauen Star-OP – wie sie auch Schultz hinter sich hatte. Oft stecken aber einfach körperliche Veränderungen dahinter, zu denen es im Laufe des Lebens auch beim Gesunden kommt: Das Innere des Auges wird durch den so genannten Glaskörper ausgefüllt, eine gallertartige Masse. Bei jungen Menschen ist er vorne mit der Linse und hinten mit der Netzhaut verwachsen. „Doch mit den Jahren schrumpft er – bei jedem“, erklärt Lohmann. Dabei löst er sich hinten von der Netzhaut ab. Doch nicht immer geht das reibungslos. An manchen Stellen ist die Verbindung meist stärker. Schrumpft der Glaskörper, zieht er an der Netzhaut. Die Betroffenen nehmen das oft als Lichtblitze wahr. „Dann ist die Frage: Wer ist stärker?“, sagt Lohmann. Meist ist das die Netzhaut. Sie bleibt an der Rückwand des Auges haften, die Blitze verschwinden wieder. Doch in einigen Fällen bleibt die Netzhaut am Glaskörper hängen. Oft entsteht dann ein Riss. Wasser dringt ein und führt dazu, dass sie sich immer weiter löst. Ist davon auch die Makula, der Fleck des schärfsten Sehens, betroffen, sieht der Patient nur noch verschwommen.

Wird die Netzhaut vom Augenhintergrund gezogen, können dabei zudem winzige Gefäße reißen. Es kommt zu Blutungen, die als schwarze Punkte sichtbar werden – wie sie vor Schultz’ Augen tanzten. Dieser so genannte Rußregen ist das eindeutigste Zeichen einer Netzhautablösung. Doch auch, wenn sich plötzlich eine dunkler Vorhang vor das Auge zu schieben scheint, sollte man sofort einen Augenarzt aufsuchen. „Man muss in den ersten drei Tagen operieren“, sagt Lohmann.

Ziel des Eingriffs ist es, die abgelöste Netzhaut wieder anzulegen. Das kann von außen, aber auch von innen geschehen. Die herkömmliche Methode: Der Augenarzt näht auf die Lederhaut des Auges eine Plombe aus Schaumstoff oder Silikon – und zwar direkt über dem Loch in der Netzhaut. Der Augapfel wird so nach innen eingedellt, die Netzhaut liegt wieder an. Rund um die Stelle, an der sie sich gelöst hat, wird das feine Gewebe zudem mit einem Kältestift angeschweißt. Hat sich die Netzhaut großflächig oder an mehreren Stellen abgelöst, legt man zudem eine Art Band um den Augapfel, das diesen einschnürt.

Bei Schultz versuchte es Lohmann zunächst mit einer Plombe. Erst schien alles gut verlaufen zu sein. Doch nach etwa einer Woche wurde klar: Die Netzhaut lag noch immer nicht vollständig an. Ein erneuter Eingriff war nötig, eine Vitrektomie. „Dabei wird der Glaskörper aus dem Augeninneren entfernt“, erklärt Lohmann. Die gallertartige Masse wird durch feine Schnitte abgesaugt und durch Gas oder Silikonöl ersetzt. Das drückt die Netzhaut, die zunächst mit einem Laser oder Kälte festgeschweißt wird, von innen wieder auf ihren ursprünglichen Untergrund.

Durch winzige Schnitte wird der Glaskörper entfernt

Hat sich die Netzhaut im oberen Teil gelöst, greift man eher zu Gas, liegt das Problem weiter unten im Auge, benutzt man lieber Silikonöl, das schwerer ist als Wasser. Beides hat Vor- und Nachteile: Wählt man Gas, ist der Betroffene auf dem operierten Auge zunächst stark weitsichtig. Das ändert sich aber langsam, wenn der Körper den Innenraum mit Flüssigkeit auffüllt. „Die Halbwertszeit beträgt zwei Wochen“, sagt Lohmann. Entscheidet man sich für Silikonöl, verschafft das dem Patienten sofort eine relativ klare Sicht. Der Druck auf die Netzhaut ist zudem noch stärker. Doch muss es in einer zweiten Operation entfernt werden.

Bei Schultz hatte sich die Netzhaut im oberen Teil gelöst. Der Glaskörper wurde daher mit Gas gefüllt. Schultz hatte einen Tag Kopfschmerzen, Schmerzmittel halfen aber. „Echt fies“ sei auch die Kontaktlinse gewesen, die er zum Schutz eine Nacht lang tragen musste, erzählt er. Denn bei der zweiten OP musste die Hornhaut abgeschält werden. Doch der dunkle Schatten war weg. Zwei Wochen musste sich der Regisseur schonen, starke Erschütterungen meiden. Zunächst sah er die Welt rechts noch unscharf und wie hinter einer Wolke. Denn nach einer Netzhaut-OP müssen die Patienten etwas Geduld haben. Doch langsam kam der klare Blick zurück. „Nach etwa einem halben Jahr, war alles okay“, sagt er. Heute sieht Schultz wieder fast so gut wie zuvor, braucht nicht mal mehr eine Brille. Damit das so bleibt, geht er regelmäßig zur Kontrolle. Auch wenn die Netzhaut wieder gut angewachsen ist, bleibt aber eines zurück: ein erhöhtes Risiko für eine erneute Ablösung.

Von Sonja Gibis

Stichwort: Netzhaut

Die Netzhaut, medizinisch auch Retina genannt, kleidet den Augapfel von innen her aus. In der nur 0,1 bis 0,5 Millimeter dicken Gewebeschicht sitzen spezialisierte Nervenzellen, die Zapfen und Stäbchen. Sie wandeln das Licht, das von der Linse gebündelt auf den Augenhintergrund fällt, in elektrische Impulse um. Diese werden über den Sehnerv an das Gehirn weitergeleitet. Die Stäbchen sind dabei für das Sehen zuständig, wenn nur wenig Licht vorhanden ist, etwa in der Dämmerung. Sie übermitteln dabei nur Schwarz-weiß-Bilder.

Die Zapfen reagieren dagegen auf unterschiedliche Farben. Sie finden sich vor allem im zentralen Bereich der Netzhaut. Dort liegt auch die Makula, der Bereich des schärfsten Sehens. Wegen der dort eingelagerten gelben Farbkörnchen wird sie auch gelber Fleck genannt. Direkt hinter der Netzhaut liegt das so genannte Pigmentepithel. Diese Schicht enthält zahlreiche dunkle Farbkörnchen (Pigmente), die das verbliebene Licht in sich aufnehmen. Ihre Aufgabe ist es zudem, die Netzhaut mit Nährstoffen aus der dahinter liegenden Aderhaut zu versorgen. Bei einer Netzhautablösung wird diese Versorgung unterbrochen. Das kann relativ rasch dazu führen, dass die Sehsinneszellen irreversibel geschädigt werden.

Der Experte

Prof. Chris Lohmann ist Direktor der Augenklinik des Klinikums rechts der Isar in München. Er erklärt, wie eine Netzhautablösung entsteht und wie eine rasche Operation Patienten das Augenlicht retten kann.

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