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Das Tückische: Ein Tumor verrät sich dabei meist erst spät – zum Beispiel durch Beschwerden wie anhaltendem Husten. Auf comutertomografischen Aufnahmen zeigen Dr. Martin Schütz (re.) und Prof. Joachim Meyer (li.) ihrem Patienten, wo der Tumor in seiner Lunge wuchs.

Tückischer Tumor

Neue Waffen im Kampf gegen den Lungenkrebs

Lungenkrebs bekommen nur Raucher? Stimmt nicht! Auch wer nie zur Zigarette gegriffen hat, kann erkranken. Oft wird der Tumor erst spät entdeckt. Doch gibt es neue Arzneien, mit denen sich der Krebs länger unter Kontrolle halten lässt.

Ein hartnäckiger Reizhusten, das ist alles, was Thorsten H. bemerkt. Der 51-Jährige ahnt nicht, dass ein Tumor in seiner Lunge wuchert. Ein Alarmsignal ist der Husten für ihn nicht. Warum auch? H. hat nie geraucht. Als die lästigen Beschwerden nicht aufhören wollen, geht zu seiner Hausärztin. Die verschreibt ihm erst mal ein Asthmaspray. Der Husten aber bleibt. „Das hörte einfach nicht auf“, sagt H..

Weil die Ärztin nicht weiterkommt, entschließt er sich nach einigen Wochen, zu einem Lungenfacharzt, einem Pneumologen, zu gehen. In der Praxis wird H. genauer untersucht. Lungenfunktionstests gehörten dazu, zudem Röntgenaufnahmen. Die Bilder bleiben zunächst liegen, erst am nächsten Tag schaut sie sich der Arzt an – und bestellt H. erneut in die Praxis: Es sei noch eine Computertomografie nötig.

Diesmal wird H. gleich nach der Untersuchung ins Sprechzimmer gebeten. „Dort hingen schon die Bilder“, erinnert er sich – und erzählt von dem unguten Gefühl, das er bereits beim Betreten des Raums hatte.

Es sollte sich bestätigen: Der Arzt sagte sofort: „Es besteht der Verdacht auf Lungenkrebs“, erklärte er H. – und zeigte auf einen auffälligen großen Fleck auf dem CT-Bild: „Da hab ich zum ersten Mal gedacht: ,Das könnte eng werden.‘“, sagt er.

Der Pneumologe schickte ihn ins Klinikum Bogenhausen. Dort folgten weitere Untersuchungen. Dazu gehörte eine Bronchoskopie, eine Lungenspiegelung also. Dabei wird ein dünner, biegsamer Schlauch, ein Endoskop, durch die Nase erst in die Luftröhre, dann weiter in die Bronchien geschoben. Das tut nicht weh. „Der Rachen und die Atemwege werden vorher durch Inhalieren eines Betäubungsmittels unempfindlich gemacht“, erklärt Prof. Joachim Meyer, Leiter des Lungenzentrums München (LZM Bogenhausen-Harlaching) und Chefarzt der Klinik für Pneumologie im Klinikum Bogenhausen. Während der Patient schläft, kann der Arzt mit dem Bronchoskop die Atemwege von innen untersuchen. An der Spitze des Schlauchs befindet sich dazu eine Art Kamera mit Lupe und Beleuchtung.

Hartnäckige Husten

Die Lungenspiegelung lässt sich zudem mit anderen Untersuchungen verbinden. Damit sei heute sogar ein Ultraschall von innen möglich, erklärt Meyer. Ein großer Fortschritt: „Heutzutage können wir millimetergenau unter Ultraschall-Kontrolle Proben aus den wichtigen Lymphknoten neben den Atemwegen entnehmen. Früher war dafür noch eine Operation erforderlich“, sagt Meyer.

Mit dem Endoskop kann man zudem Gewebeproben aus dem Tumor entnehmen (Biopsie). „Davon bekommt man nichts mit“, beruhigt H.: Medikamente versetzten ihn während des Eingriffs in eine Art Dämmerschlaf. Die Proben wurden später im Labor untersucht. Das Ergebnis war eindeutig: H. hatte Krebs.

Der Tumor in seinem rechten Lungenflügel hatte bereits einen Durchmesser von etwa sechs Zentimetern. Zwar ergaben weitere Untersuchungen, dass er außerhalb der Lunge keine Metastasen gebildet hatte. Doch im Organ selbst hatte er bereits gestreut. Im rechten Lungenflügel fanden sich mehrere Absiedlungen. Auch der linke sei schon befallen gewesen, sagt Dr. Martin Schütz, Oberarzt im Klinikum Bogenhausen. Damit war klar: Eine OP, bei der einzelne Lungenlappen mitsamt Tumor entfernt werden, kam nicht infrage. Aber eine solche hätte er ohnehin abgelehnt, sagt H..

Denn Hoffnung auf Heilung, das wusste er, gab es für ihn nicht. Zu weit war die Erkrankung schon fortgeschritten – ein häufiges Problem bei Patienten mit Lungenkrebs: Wenn sie erste Symptome bemerken, lasse sich der Krebs häufig schon nicht mehr heilen, also für immer aus dem Körper beseitigen, sagt Meyer. Zu den Anzeichen gehört vor allem hartnäckiger Husten. Hält der länger als sechs bis höchstens acht Wochen an oder kommt gar blutiger Auswurf dazu, sollte man die Ursache unbedingt von einem Arzt abklären lassen, rät Meyer – und das gilt nicht nur für Raucher. Zwar haben sie ein besonders hohes Lungenkrebs-Risiko. Doch: „Bis zu 15 Prozent der Patienten mit Lungenkrebs haben nie geraucht“, sagt Schütz.

Auch H. ist Nichtraucher. Warum es dennoch gerade ihn getroffen hat? Er hält es für sinnlos, darüber zu sinnieren oder gar mit seinem Schicksal zu hadern. Er geht die Dinge lieber pragmatisch an, so wie er es als Bauingenieur und Geschäftsführer einer Firma gewohnt ist. Von den Ärzten lässt er sich genau erklären, was in seiner Situation möglich ist. Im Klinikum fühlt er sich gut betreut, hat Vertrauen in das Urteil der Mediziner. Nur mit dem Rat, alles zu regeln, was noch zu regeln sei, kann er wenig anfangen. Er will vielmehr wissen: Was geht noch? „Eine ganze Menge“, erfährt er von den Ärzten.

Ihre Strategie: Da eine OP für ihn nicht infrage kommt, soll eine Chemotherapie den Tumor verkleinern. H. bekommt sechs Infusionen im Abstand von je drei Wochen – und verträgt das Mittel gut: Er macht weiter Sport, geht arbeiten. Und: Die Therapie wirkt. „Der Tumor hat sehr gut auf die Chemotherapie angesprochen“, sagt Schütz. Das CT-Bild zeigt, dass er viel kleiner geworden ist.

Geheilt ist H. aber nicht. Doch ist die Chemotherapie nicht die einzige Waffe der Ärzte. Ist eine OP nicht möglich, kommt manchmal eine Strahlentherapie infrage. Diese kann auch gleichzeitig zu einer Chemotherapie erfolgen (Radiochemotherapie). Die Wahl der Therapie richtet sich dabei auch nach den Eigenschaften der Tumorzellen. So unterscheidet man etwa kleinzelligen von nicht-kleinzelligen Lungenkrebs, bei dem es wiederum Untergruppen gibt. Besonders häufig sind darunter Plattenepithel- und Adenokarzinome.

Medikamente nutzen gezielt genetische Veränderungen aus

Auch das Erbgut der Tumorzellen wird genau untersucht – und nach Schwachstellen darin gefahndet, die sich für die Therapie nutzen lassen. Bei Thorsten H. fand sich dabei eine sogenannte EGFR-Mutation. Das ist eine genetische Veränderung, die, wie auch die seltenere Alk-Translokation, bei Nichtrauchern deutlich öfter vorkommt als bei Rauchern. Und: Es gibt bereits einige Medikamente, die diese genetischen Veränderungen der Krebszellen gezielt ausnutzen. Sie gehören zur Gruppe der Tyrosinkinase-Inhibitoren. Diese blockieren die Weiterleitung von Signalen, welche die Krebszellen dazu anregen, sich zu vermehren.

Bei H. klappt das gut. Seit mehr als zwei Jahren nimmt er die Tabletten, die allerdings auch Nebenwirkungen haben. Bei ihm greifen sie vor allem Haut und Nägel an. Doch: „Der Tumor ist stabil geblieben“, sagt Schütz. H. hat den Krebs im Griff und kann ein normales Leben führen.

Wie lange das klappt, lässt sich nicht vorhersagen. Denn bei jeder Zellteilung entstehen neue genetische Veränderungen. Darunter können auch solche sein, die das Mittel unwirksam machen. Doch H. ist zuversichtlich: „Wenn das passiert, finden wir was anderes für Sie!“ Das hätten ihm die Ärzte gesagt. Tatsächlich gibt es schon drei Wirkstoffe, welche die EGFR-Mutationen nutzen. Weitere Medikamente werden bereits erprobt. Und: Einige Studien hätten gezeigt, dass Menschen, die nie geraucht haben, aber an Lungenkrebs erkrankt sind, im Schnitt länger leben, sagt Schütz.

Von Andrea Eppner

Die Experten

Prof. Joachim Meyer ist Leiter des Lungenzentrums München (LZM Bogenhausen- Harlaching) und Chefarzt der Klinik für Pneumologie und Pneumologische Onkologie am Städtischen Klinikum Bogenhausen und sein Kollege Dr. Martin Schütz, Oberarzt am Klinikum Bogenhausen.

Rauchen, Radon und Asbest: Was Tumore in der Lunge auslöst

Sie liegt geschützt im Brustkorb – und ist dennoch vielen Gefahren ausgesetzt: Mit jedem Atemzug können auch Gase und feinste Teilchen in die Lunge gelangen. Diese fördern Entzündungen, können aber auch Krebs auslösen. Allein in Deutschland trifft die Diagnose Lungenkrebs etwa 50 000 Menschen pro Jahr. Größter Feind der Lunge: das Rauchen. Tabakqualm enthält etwa 50 Stoffe mit nachgewiesen krebsauslösender Wirkung, viele weitere stehen im Verdacht. Er ist mit Abstand der größte Risikofaktor für Lungenkrebs. Laut Deutschem Krebsforschungszentrum in Heidelberg erkrankt etwa jeder zehnte Raucher im Laufe des Lebens an Lungenkrebs. Der Anteil der Raucher unter den Patienten liegt bei etwa 85 Prozent.

Asbestfasern sind gefährlich

Doch trifft die Diagnose auch Menschen, die selbst nie zur Zigarette gegriffen haben. Aber auch Passivrauchen erhöht das Risiko. Zudem gibt es einige andere Faktoren, welche die Gefahr zu erkranken erhöhen. Dazu gehören bestimmte Substanzen, mit denen mancher im Arbeitsleben in Kontakt gekommen ist oder kommt, wie etwa Asbestfasern, deren Gefährlichkeit früher nicht bekannt war. Es steckt daher manchmal noch in alten Dach- oder Wandabdeckungen. Auch wer Quarzstaub ausgesetzt war, hat ein höheres Risiko zu erkranken.

Das gilt auch für Arsen-, Chrom- und Nickel-Verbindungen sowie einige andere. Wer solchen Stoffen im Beruf ausgesetzt ist, muss sich inzwischen in regelmäßigen Abständen einer Röntgenuntersuchung unterziehen. Da eine solche aber selbst mit einer Strahlenbelastung verbunden ist, eignet sich diese Untersuchung nur für besonders gefährdete Gruppen. Über eine Reihenuntersuchung zur Früherkennung von Lungenkrebs, wie es sie etwa zur Darmkrebs-Vorsorge gibt, wird derzeit diskutiert. Umso wichtiger ist es, Risikofaktoren gezielt auszuschalten.

Das farb- und geruchlose Edelgas Radon

Die Gefahr zu erkranken ist auch erhöht, wenn man Radon ausgesetzt ist. Dabei handelt es sich um ein farb- und geruchloses Edelgas, das in vielen Regionen Deutschlands aus dem Boden aufsteigt und sich, je nach Bauweise, in den Räumen im Haus sammelt. Wer sich darin aufhält, hat ein erhöhtes Risiko für Lungenkrebs. Schätzungen zufolge sterben in Deutschland etwa 2000 Menschen pro Jahr an Lungenkrebs, der durch Radon oder Stoffe ausgelöst wurde, in die es zerfällt. Eine grobe Abschätzung die Radongefahr besonders hoch ist, zeigt eine Karte des Bundesamts für Strahlenschutz (www.bfs.de). Da die Belastung selbst in Nachbargebäuden unterschiedlich ist, gibt es Messgeräte, die man gegen geringe Gebühr ausleihen und die Messung auswerten lassen kann. Informationen dazu sowie zu Umbauten, die vor dem Gas schützen, findet man ebenfalls auf der Internetseite des BfS.

Risiko Feinstaub

Auch wer lange Zeit an einer vielbefahrenen Straße gewohnt hat, hat ein erhöhtes Lungenkrebs-Risiko. Denn Feinstaub, vor allem in Dieselabgasen, erhöht ebenfalls die Gefahr einer Erkrankung. Eine Rolle spielt zudem die genetische Veranlagung. Noch wird in der Therapie von Lungenkrebs nicht unterschieden, ob der Patient starker Raucher war oder nicht. Das könnte sich künftig ändern. Denn Forscher finden immer mehr Unterschiede, die von der Ursache der Erkrankung abhängen. Sie könnten künftig für die Wahl der Therapie wichtig werden. Was bereits bekannt ist: Nichtraucher erkranken häufig an sogenannten Adenokarzinomen. Das ist ein Lungenkrebs- Typ, der besonders spät zu Beschwerden führt und daher lange unbemerkt bleibt. Wird die Erkrankung jedoch früh erkannt, sind die Aussichten für Nichtraucher allerdings wohl etwas besser. Darauf deuten einige Studien hin. Auch Frauen, die nie geraucht haben, haben eine bessere Prognose.

Andrea Eppner  

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