Brustkrebs
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Verdächtiger Knoten? Die Mammografie hilft dabei, Brustkrebs und sogar Vorstufen davon früh zu erkennen.

Diagnose

Ein neues Leben nach dem Brustkrebs

Die Diagnose Krebs kam früher einem Todesurteil gleich. Heute können Ärzte immer mehr Patienten heilen. Wie Claudia Engel (35), die vor sieben Jahren an Brustkrebs erkrankte – und jetzt im Beruf voll durchstartet.

In ihrem neuen Leben hat Claudia Engel nicht viel Zeit sich zu schonen. Die 35-Jährige sieht müde aus. „Ich arbeite zu viel“, sagt sie und streicht sich die langen blonden Haare zurück. Darunter kommt ein kunstvolles Ornament zum Vorschein, seitlich am Hals windet er sich hinauf. Es ist ein kunstvolles Tattoo, ausnahmsweise mal nicht von ihr gestochen. Sonst macht sie das lieber selbst, im „EngelsStich“, ihrem Tattoo- und Piercing-Studio in Gröbenzell. Es gehört zu ihrem zweiten Leben – dem Leben nach dem Brustkrebs.

Claudia Engel wusste, dass sie die Krankheit treffen könnte. Ihre Großmutter und auch ihre Mutter waren daran gestorben. Die Wahrscheinlichkeit, dass sie an einer familiären Form des Brustkrebs gelitten haben, ist hoch. Damit stieg aber auch Claudia Engels Risiko zu erkranken. Sie ließ sich daher beraten, wie sie dieses senken könnte. Die Ärzte rieten ihr daher, trotz ihres jungen Alters zur Mammografie zu gehen.

Diese Untersuchung wird sonst erst Frauen ab 50 Jahren empfohlen. Sind jedoch nahe Angehörige betroffen, rät man schon früher zur Mammografie. „In der Regel fünf Jahre vor dem frühesten Erkrankungsalter der Angehörigen“, sagt Dr. Veronika Piger, Oberärztin an der Frauenklinik des Klinikums Harlaching in München.

Sind nahe Verwandte erkrankt, rät man früh zur Mammografie

Claudia Engel nutzte die Chance der Früherkennung. Zunächst schien alles in Ordnung, die Ärztin erkannte nichts Auffälliges auf den Röntgenaufnahmen. Doch die lassen sich bei jungen Frauen weniger zuverlässig beurteilen. „Bei ihnen ist das Brustgewebe sehr dicht“, sagt Piger. Auch die untersuchende Ärztin war offenbar unsicher, prüfte die Aufnahmen später ein zweites Mal – und entdeckte eine Kalkablagerung in der linken Brust. Das war 2006, Claudia Engel war gerade mal 28 Jahre alt.

Hat den Brustkrebs besiegt: Claudia E. (35) mit Oberärztin Dr. Veronika Piger (re.) im Klinikum Harlaching.

Dieser Mikrokalk kann auf eine gutartige Veränderung hindeuten, aber auch Anzeichen einer Krebsvorstufe sein, einem duktalen Carcinoma in situ (DCIS). Dabei ist der Tumor noch auf den betroffenen Milchgang beschränkt. Wird er entfernt, ist die Patientin geheilt – ohne weitere Therapien. Bleibt er jedoch unentdeckt, ist das Risiko hoch, dass sich in den Folgejahren ein invasives Karzinom daraus entwickelt. Das bedeutet, dass der Tumor in das umliegende Gewebe einwächst.

Eine Biopsie sollte klären, ob die Geschwulst in Claudia Engels Brust gutartig ist. Doch die entnommenen Gewebeproben zeigten: Die Zellen waren bösartig. Vieles deutete aber auf eine Krebsvorstufe hin. Dass der Tumor bereits ins umliegende Gewebe eingewachsen war, ließ sich erst bei der Operation feststellen. Die Ärzte entfernten den Tumor – und auch etwas angrenzendes, gesundes Gewebe. „Das ist ein Grundprinzip“, sagt Prof. Dieter Grab, Leiter der Frauenklinik. Es soll das Risiko mindern, dass bösartige Zellen zurückbleiben. Denn optisch unterscheidet sich Tumorgewebe kaum von dem gesunden Gewebe.

Für Claudia Engel war es ein Schock, als sie nach dem Eingriff erfuhr, dass es doch keine Krebsvorstufe mehr war. Bei einem invasiven Tumor reicht es nicht, diesen zu entfernen. Aufgrund des Ausbreitungsmusters rieten ihr die Ärzte, sich die Brust abnehmen zu lassen. „Der Befall des Drüsengewebes war recht ausgedehnt“, sagt Grab.

Antikörper und eine Antihormontherapie erhöhten die Chancen

Dennoch hatte man zunächst brusterhaltend operiert: Claudia Engel sollte selbst entscheiden können. Auch eine genetische Untersuchung wurde vorgenommen: Zwar wurde bei der jungen Frau keines der drei bekannten Risikogene für Brustkrebs (BRCA 1, 2 und 3) nachgewiesen. Doch es gibt wohl weitere. Claudia Engel folgte daher dem Rat der Ärzte. Im März 2007 wurden beide Brüste abgenommen, auch die gesunde: Claudia Engel wollte alles tun, um einen Rückfall zu verhindern. Auch wusste sie, dass sie mit einem Brustaufbau trotzdem wieder ganz Frau sein kann. Selbst wenn die Brustwarzen entfernt werden müssen, lassen sie sich wieder rekonstruieren – auch mit Hilfe von Tätowierungen. Claudia Engels bietet das in ihrem Studio heute selbst an.

Die Amputation kann ein Lokalrezidiv sehr zuverlässig verhindern, einem Tumor also, der aus in der Brust verbliebenen Krebszellen entsteht. Doch bleibt die Gefahr, dass bereits zuvor Tumorzellen in andere Organe des Körpers verschleppt wurden. Daraus können sich Metastasen, Absiedlungen des Tumors, bilden. Dieses Risiko kann nur eine Behandlung senken, die im ganzen Körper wirkt. Dazu gehört die Chemotherapie. Drei Monate dauerte die belastende Behandlung bei Claudia Engel. Die Medikamente wirken sehr effektiv, aber unspezifisch: Sie töten alle schnell wachsenden Zellen ab – auch gesunde.

Für manche Frauen kommen ergänzend auch Arzneimittel infrage, die zielgerichteter gegen Tumorzellen wirken. Denn diese haben bei jeder Patientin unterschiedliche Eigenschaften. Bei Claudia Engel waren sie „Her2-positiv“. Die Tumorzellen hatten also besonders viele Andockstellen für einen Wachstumsfaktor, der die Vermehrung der Zellen fördert. Der Antikörper Trastuzumab (Herceptin) verhindert dies, indem er den Rezeptor blockiert.

Ein Jahr lang bekam Claudia Engel jede Woche eine Infusion mit dem Antikörper. Hinzu kam eine Antihormontherapie. Denn die Tumorzellen waren auch „Hormonrezeptor-positiv“, hatten also auch besonders viele Bindungsstellen für Sexualhormone wie Östrogen. Tamoxifen sollte deren Wirkung blockieren, das Mittel Goserelinacetat (Zoladex) ihre Bildung verhindern. Die Antihormontherapie erhöht die Heilungschancen, versetzt den Körper aber vorübergehend künstlich in die Wechseljahre, die bei vielen Frauen mit Beschwerden einhergehen. Mindestens fünf Jahre, besser sogar zehn, sollten Patientinnen Tamoxifen einnehmen, Zoladex zwei Jahre. Claudia Engel setzte beide wegen der Nebenwirkungen nach zwei Jahren ab.

Dennoch stehen ihre Chancen gut, dass sie den Krebs besiegt hat. Dass er zurückkehren könnte – „die Angst davor wird wohl immer bleiben“, sagt sie. Doch längst kreisen ihre Gedanken nicht mehr ständig um die Krankheit. Dafür hat Claudia Engel auch gar keine Zeit. Nach dem Ende der Therapie wagte sie den Schritt in die Selbstständigkeit – und erfand sich neu: Die Sozialpädagogin eröffnete ein Tattoo-Studio. Sie arbeitet hart, muss mit ihrer Energie aber haushalten. Denn sie wird rascher müde – vermutlich eine Folge der Chemotherapie. Doch ein geringer Preis für das neu geschenkte Leben.

Von Andrea Eppner

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