Das rät der Münchner Experte

Pflege im Ausland: Heime haben immer mehr Zulauf

München - Zum Abschluss der großen Gesundheitsserie fasst die tz zusammen, was Interessenten rund um die Pflege im Ausland wissen sollten.

Unsere Welt wird immer globaler – auch bei der Pflege. Die Zahl der Deutschen in ausländischen Heimen steigt zunehmend an. Beliebte Domizile liegen in Osteuropa, vor allem in Ungarn, Tschechien, in der Slowakei oder in Kroatien. Aber auch ferne Länder werden für viele deutsche Senioren zur neuen Heimat – unter anderem Thailand. In Sachen Qualität und Zuwendung können viele ausländische Heime mit deutschen Häusern mithalten. Dabei sind sie allerdings wesentlich günstiger – und genau dieser Aspekt ist für viele Senioren und ihre Angehörigen das wichtigste ­Argument. Aber lohnt sich der Umzug in die Fremde unterm Strich wirklich? Zum Abschluss der großen Gesundheitsserie fasst die tz zusammen, was Interessenten rund um die Pflege im Ausland wissen sollten.

Andreas Beez

Pflege im Ausland

Der erwachsene Sohn, der sich bei der Vermittlungsagentur Seniorpalace mit Sitz in der Slowakei meldete, war verzweifelt: Seine Mutter bekommt in Deutschland für ihre Pflegestufe 3 einen Zuschuss von 1750 Euro. Ihr Heimplatz kostet aber 4150 Euro. So muss die Familie 2400 Euro zuzahlen – jeden Monat. Aus finanzieller Not heraus suchte der Sohn nach einer günstigeren Alternative. Er fand sie in einem guten slowakischen Heim.

„Das ist kein Einzelfall“, berichtet Agentur-Chef Artur Frank. „Viele Interessenten können sich die Pflege in Deutschland einfach nicht mehr leisten.“ In den osteuropäischen Heimen, die Frank vermittelt, werden die Bewohner kostengünstiger betreut als in Deutschland (siehe Tabelle unten). Die Grundpreise sind immer gleich – unabhängig von der Pflegestufe. Nun kann der oben erwähnte Sohn darauf hoffen, dass die Familie künftig für die Unterbringung der Mutter nur noch etwa 600 Euro monatlich überweisen muss.

Aber es geht nicht nur ums Geld, sondern auch um die Qualität. In Baan Kamlangchay, einem kleinen, familiären thailändischen Heim speziell für Alzheimer-Patienten, kümmern sich drei Mitarbeiter um einen Bewohner – abwechselnd, rund um die Uhr. Dafür zahlen die Angehörigen umgerechnet etwa 2800 Euro pro Monat. „Die Pflege hat in Thailand einen hohen Stellenwert“, berichtet Heimgründer Martin Woodt­li, der vor Jahren aus der Schweiz eingewandert ist. „Wir Europäer können hier etwas Wichtiges lernen: echten Respekt vor dem Alter.“

Alle Fragen rund um Kosten, Krankenversicherung und Rente

Bezahlt die deutsche Pflegeversicherung auch für die Betreuung in einem ausländischen Heim? Ja, aber nur eingeschränkt. Sie überweist das sogenannte Pflegegeld nur, wenn sich das Heim in einem EU-Land befindet – oder aber in der Schweiz, in Liechtenstein, Island sowie in Norwegen. Der Grundbetrag des Pflegegelds beträgt je nach Pflegestufe zwischen 120 und 700 Euro. Dagegen wird die sogenannte Sachleistung im Ausland nicht gewährt. In Deutschland beteiligt sich die Pflegeversicherung mit der Sachleistung an den Kosten für professionelle Pflegedienste. Dieser Zuschuss bewegt sich je nach Pflegestufe zwischen 225 und 1550 Euro. Trotzdem kann die Zuzahlung der Heimbewohner beziehungsweise ihrer Angehörigen im Ausland viel geringer sein als in Deutschland (siehe Tabelle).

Kann man sich die Rente auch ins Ausland überweisen lassen? Prinzipiell ja. Wer in Deutschland gesetzlich rentenversichert war, der behält seine einmal erworbenen Leistungsansprüche auch im Ausland. Inzwischen werden bereits deutsche Renten in über 150 Länder überwiesen. Trotzdem sollten sich Interessenten rechtzeitig vor dem Umzug bei der Rentenversicherung informieren – auch, um die Formalitäten genau zu klären.

Gilt meine Krankenversicherung auch im Ausland? Da muss man unterscheiden: Innerhalb der EU steht einem deutschen Patienten genau dieselbe Behandlung zu wie einem Staatsanhörigen des betroffenen Landes. Dabei sollte man allerdings bedenken, dass der medizinische Standard in manchen osteuropäischen Gegenden nicht dem deutschen Niveau entspricht. Rein technisch läuft die Erstattung der Kosten so: Man muss sich bei der gesetzlichen Krankenversicherung des Gastlandes anmelden. Diese zahlt im Krankheitsfall und rechnet selbstständig mit dem deutschen Versicherungsträger ab. In Ländern außerhalb der EU hat man keinerlei Anspruch auf Kostenübernahme durch die Krankenversicherung. Ausnahmen: Tunesien und die Türkei haben Sozialversicherungsabkommen mit Deutschland.

Kann man sich nach dem Umzug ins Ausland trotzdem noch in Deutschland behandeln lassen? Ja, sofern der neue Wohnort innerhalb der Europäischen Union liegt. Das bestätigt auch ein Urteil des Bundessozialgerichts. Danach hat eine deutsche Krankenkasse kein Recht, einem im EU-Ausland lebenden Rentner die Ausstellung einer Versicherungskarte zu verweigern.

Das rät der Münchner Experte

Er gehört zu Deutschlands erfahrensten und kritischsten Pflegeexperten: Claus Fussek. Der Münchner nimmt auch beim Thema Pflege im Ausland kein Blatt vor den Mund: „Wenn jemand seine Eltern nur deshalb nach Polen oder Tschechien schafft, damit ihm am Ende möglichst viel vom Erbe übrig bleibt, dann finde ich das pervers“, sagt der 61-Jährige. Andererseits dürfe man die Pflege im Ausland nicht generell verteufeln.

Fussek zur tz: „Zum einen geraten in Deutschland viele Menschen durch die Pflegekosten an ihre finanziellen Grenzen. Und zum anderen kann es sein, dass sich ein Heimbewohner in einem osteuropäischen Haus wohler fühlt als in einem deutschen. Es gibt überall gute und schlechte Heime. Entscheidend ist immer der Einzelfall und die Frage: Welche Lösung ist für meine Mutter oder meinen Vater gut, und wo stimmt die Qualität der Pflege?“ In der tz gibt Fussek praktische Tipps, worauf man bei der Heimsuche imAusland achten sollte.

Hinfahren und genau hinschauen: Verlassen Sie sich nicht auf Hochglanzprospekte und die Versprechungen von Vermittlern. „Es ist unerlässlich, dass Sie sich jedes infrage kommende Heim selbst anschauen“, sagt Fussek. „Lassen Sie sich von den Verantwortlichen alles genau zeigen und auch die Details erklären.“ Wenn möglich, dann sprechen Sie zusätzlich mit Heimbewohnern.

Schätzen Sie die Entfernung von Ihrem Wohnort zum Heim richtig ein: „Das größte Problem in Pflegeheimen ist die Einsamkeit der Bewohner“, betont Fussek. Deshalb sei es entscheidend, dass man seine Angehörigen so oft wie möglich besucht. „Man muss sich kümmern – ganz egal ob in Deutschland oder im Ausland!“

Achten Sie darauf, dass im Heim Deutsch gesprochen wird. „Und zwar nicht nur von den Pflegekräften, sondern auch vom Arzt. Das sollte eine Grundvoraussetzung sein“, erläutert Fussek. Zur Überprüfung kann es hilfreich sein, wenn man mal ohne Voranmeldung vorbeischaut.

Besprechen Sie das Thema Pflege im Ausland rechtzeitig im Familienkreis. „Senioren können zum Beispiel schriftlich festhalten, dass sie damit einverstanden sind, später mal in ein ausländisches Heim zu ziehen – vorausgesetzt, es wird dort Deutsch gesprochen und die Qualität der Pflege ist nachweislich gut“, rät Fussek.

Denken Sie an die Biografie Ihres Angehörigen. „Für einen Menschen, der beispielsweise sein Leben lang um die Welt gereist ist, kann vielleicht auch ein Heim in Thailand infrage kommen. Aber nicht für jemanden, der meistens in seinem direkten Lebensumfeld und im selben Kulturkreis geblieben ist.“

Andreas Beez

Die bisherigen Teile der tz-Serie:

Er ließ sich in türkischer Klinik die Augen lasern

Das Mekka für Schönheits-OPs

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Rubriklistenbild: © dpa

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