Ein schreckliches Erlebnis hinterlässt auch seelische Wunden. Viele Betroffene werden von Ängsten verfolgt.
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Ein schreckliches Erlebnis hinterlässt auch seelische Wunden. Viele Betroffene werden von Ängsten verfolgt.

Traumatische Erlebnisse

Wenn die verletzte Seele nicht heilt

Ein Unfall, eine Vergewaltigung, ein Großfeuer: Selbst wenn der Körper danach rasch wieder heilt, bleibt die Seele oft tief verwundet.

Ist das Erlebnis zu erschütternd, droht eine Posttraumatische Belastungsstörung. Eine spezielle Psychotherapie kann Betroffenen helfen.

Wenn Erik H. in ein Auto stieg, waren die Bilder wieder da: Es hatte geregnet, als er mit dem Lieferwagen um die Ecke bog. Plötzlich lief ein Kind auf die Straße. Das gelbe Fahrrad, die weit aufgerissenen Augen – Erik H. sah sie wieder vor sich, hörte den dumpfen Aufprall. Dabei lag der Unfall bereits Monate zurück. Doch für ihn wurde er immer wieder Gegenwart. Er träumte jede Nacht davon, konnte kaum noch schlafen. Wenn er ins Auto stieg, begann sein Herz zu rasen, seine Hände wurden schweißnass.

„Normalerweise hat das Gehirn belastende Erlebnisse nach einigen Tagen verarbeitet“, sagt Prof. Martin Sack von der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie des Klinikums rechts der Isar. Der Facharzt für Psychosomatik ist auf die Behandlung von Patienten mit Traumastörungen spezialisiert. Ein Überfall, eine Vergewaltigung, ein Unfall oder der Anblick einer Katastrophe hat das Leben vieler seiner Patienten mit einem Schlag verändert. Nach dem schrecklichen Erlebnis hörten bei ihnen Träume und Ängste auch nach einiger Zeit nicht auf.

„Jeder Mensch muss stark belastende Erlebnisse erst mal verarbeiten“, sagt Sack. Einige Tage lang mag es sich anfühlen, als ob der Boden unter den Füßen wankt. Das Geschehene steht immer wieder vor Augen. Doch nach einer solchen akuten Belastungsreaktion kehrt das Gefühl des Gleichgewichts meist bald zurück. Allerdings nicht immer. Sind die Bilder und Träume auch nach Wochen noch da oder treten erst einige Zeit danach auf, ist die Gefahr groß, dass ein chronisches Leiden entsteht. Experten sprechen von einer Posttraumatischen Belastungsstörung, wenn ein Mensch ein schreckliches Erlebnis nicht verarbeiten kann.

Schreckensbilder kommen immer wieder hoch

Überfordert das Erlebte die Psyche, zerbricht die Erinnerung in Stücke. Das Gehirn kann sie nicht zu einer Geschichte verweben. Dann drängen plötzlich einzelne Schreckensbilder, verwirrende Gefühle hoch, werden wieder Gegenwart. Oft können Betroffene sie nicht in Worte fassen. „Man spricht von einer Fragmentierung“, sagt Sack. Im Gedächtnis liegen die Erinnerungen wie auf unterschiedlichen Sinnesebenen zerstreut. Mal taucht ein Gefühl auf oder ein Geräusch, mal ein Bild oder Geruch – ohne Zusammenhang. Experten sprechen auch von Dissoziation. „Die Verarbeitung der Information ist quasi stecken geblieben“, sagt Sack.

Ob eine Erfahrung traumatisierend wirkt, hängt dabei nicht allein von der Stärke der Belastung ab. Hat der Betroffene bereits zuvor traumatische Erfahrungen gemacht, ist psychisch bereits labil oder ihm fehlt nach dem Erlebnis die Unterstützung durch das Umfeld, steigt das Risiko für eine langanhaltende Störung.

In alltäglichen Situationen erwacht die Erinnerung dann plötzlich und ungewollt. Die Betroffenen leiden unter sogenannten Flashbacks – und das oft noch nach Jahren. Manche haben das Gefühl, verrückt zu werden. Viele versuchen dann, den Auslösern aus dem Weg zu gehen, meiden bestimmte Orte oder Situationen. Das führt zu Problemen im Alltag, erzeugt zudem Dauerstress, eine innere Alarmbereitschaft, die nicht selten auch körperliche Krankheiten nach sich zieht, etwa Herzprobleme oder Diabetes.

Auch Erik H. fand nach dem Unfall wenig Verständnis. Das Kind überlebte schwer verletzt. Doch würde es lebenslang behindert bleiben. Die Eltern gaben ihm die Schuld. Er sei zu schnell um die Kurve gebogen. Die Polizei entlastete ihn. Dennoch machte sich Erik H. Vorwürfe. Warum war er genau in diesem Moment an jenem Ort? Hätte er nicht einfach die Umgehungsstraße nehmen können? Freunde und Familie konnten seine Gedanken nicht verstehen. „Aber du hast es doch schwarz auf weiß: Du bist nicht schuld!“, sagten sie. Schließlich konnte Erik H. nicht mehr in den Lieferwagen steigen. Wenn sich am Straßenrand etwas bewegte, zuckte er zusammen. Er verlor seine Arbeit. Zu Hause fühlte er sich unnütz, war gereizt, depressiv. Sein Hausarzt stellte schließlich Bluthochdruck fest. Nach einem Gespräch riet er ihm dazu, einen Therapeuten aufzusuchen.

Rasch war klar: Hinter den Problemen steckt das traumatische Erlebnis des Unfalls. Geholfen hat ihm eine spezielle Traumatherapie. Dabei wird gezielt an der belastenden Erfahrung gearbeitet. Bei der Anamnese versucht der Therapeut zunächst sicherzustellen, dass es nicht weitere traumatische Erlebnisse gibt. „So weiß man, was in der Therapie passieren könnte“, sagt Sack. Etwa ob das Risiko besteht, ein anderes, altes Trauma wachzurufen.

In manchen Fällen können auch Medikamente helfen, den Patienten vor der Konfrontation mit dem traumatisierenden Erlebnissen zu stabilisieren. Zum Einsatz kommen etwa Antidepressiva und Betablocker. „Aber ein Therapeut kann das besser als jedes Medikament“, sagt Sack.

Im geschützten Umfeld der Therapie erlebte Erik H. den Unfall nochmals. Das bedeutet nicht nur, sich an die Geschehnisse genau zu erinnern. Wichtig sind vor allem die damit verbundenen Gefühle und Bewertungen wie Hilflosigkeit, Angst und Schuld. Sie lassen sich beim erneuten Durchleben verändern.

Erst wollten sich Erik H.s Erinnerungen zu keiner Geschichte fügen. Der Stress war für ihn enorm. Doch der Therapeut spürt, wann der Patient überfordert ist und emotionale Entlastung braucht.

Anfangs vermied Erik H. im Gespräch die schmerzlichsten Bilder. Doch bald konnte er darüber sprechen, etwa über seine Gefühle, als er die vor Schreck geweiteten Augen des Kindes sah. Er sprach über seine Angst als Vater, dass seinen Kindern Ähnliches zustoßen könnte. Auch über die Traurigkeit seiner Kinder, dass ihr Vater einem anderen Kind geschadet hat. Langsam ergänzten sich die Fragmente seiner Erinnerung zu einer Geschichte. Das Gefühl von Angst und Hilflosigkeit ließ nach. Mit Hilfe des Therapeuten versuchte er das Geschehene neu zu bewerten, die Erinnerung in sein Leben zu integrieren.

Mit Erfolg: Bereits nach einigen Sitzungen schmerzten die Erinnerungen kaum noch. Auch Albträume, der ständige Stress verschwanden. „Bei einem Einzeltrauma kann das sehr rasch gehen“, sagt Sack. Erik H. wird den schrecklichen Unfall nie vergessen. Doch er ist jetzt Vergangenheit. Die Erinnerung daran wird ihn nicht mehr krank machen.

Von Sonja Gibis

Leserfragen an den Experten: wissenschaft@merkur.de

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