+
Plastik-Aorta nach Maß: Gefäßspezialist Dr. Rolf Weidenhagen zeigt Patient Ludwig Seisenberger ein Modell einer stark erweiterten Bauchschlagader – gefertigt von einem 3D-Drucker nach den CT-Aufnahmen eines Patienten.

Aneurysma

Eine Prothese für die Hauptschlagader

Schon beim Gesunden ist die Aorta dick wie ein Gartenschlauch. Doch die Hauptschlagader kann sich auf mehr als das Doppelte erweitern. Unbehandelt bedeutet so ein Aneurysma Lebensgefahr: Reißt es, kann der Patient verbluten.

Mal macht der Rücken Probleme, auch das Herz ist nicht mehr so kräftig und gesund wie früher: Ludwig Seisenberger plagt sich mit mancherlei Beschwerden, die das Alter mit sich gebracht hat. Von der wachsenden Gefahr in seinem Bauch ahnte der 80-jährige Münchner indes lange nichts. „Ich habe nichts gespürt, hatte keine Beschwerden“, erzählt er. Dabei hatte sich die Hauptschlagader, die Aorta, krankhaft erweitert.

Zu viel Spannung auf der Gefäßwand

Dass dies vor einigen Jahren entdeckt wurde, war reiner Zufall: Seisenberger war damals wegen anderer Beschwerden beim Arzt. Der hatte eine Ultraschall-Untersuchung durchgeführt – und dabei auch das Aneurysma entdeckt, eine Aussackung der Hauptschlagader: Der Durchmesser der Aorta lag an dieser Stelle bei etwa viereinhalb Zentimetern. Normal sind höchstens noch dreieinhalb. Liegt der Wert darüber, wächst die Spannung, die der Blutdruck in der Gefäßwand erzeugt. „Ähnlich wie bei einem aufgeblasenen Luftballon“, erklärt Privatdozent Dr. Rolf Weidenhagen, Chefarzt der Gefäßchirurgie des Klinikums Neuperlach in München. „Je größer das Aneurysma wird, umso mehr steigt die Wandspannung.“ Und damit das Risiko, dass es platzt.

Wie Ludwig Seisenberger bemerken die meisten Patienten ein Aneurysma nicht. Allenfalls der wachsende Platzbedarf des Gefäßes kann Beschwerden bereiten, etwa wenn es auf das umliegende Gewebe drückt. So kann es zu Rücken- oder auch Bauchschmerzen kommen. Manchmal ertasten Patienten auch eine Schwellung. Bei den meisten Betroffenen wird das Aneurysma aber durch Zufall bei einer anderen Untersuchung entdeckt – oder gar erst, wenn es platzt (Ruptur). Dann hat der Patient nicht nur heftige Schmerzen. Er ist in Lebensgefahr, kann in kürzester Zeit verbluten. Oft sterben Betroffene noch auf dem Weg in die Klinik. Wer es bis dorthin schafft, muss sich einer riskanten Not-OP unterziehen, die ebenfalls viele nicht überleben „30 bis 50 Prozent der Patienten mit einer Ruptur sterben“, sagt Weidenhagen.

Das Aneurysma kann weiter wachsen

Umso wichtiger ist es, ein Aneurysma rechtzeitig zu behandeln – mit einem chirurgischen Eingriff. Ob der Arzt dazu rät, hängt von der Größe der Aussackung ab. „Man muss Nutzen und Risiken abwägen“, erklärt Weidenhagen. „In der Regel rät man bei einem Durchmesser von etwa fünf bis fünfeinhalb Zentimetern zu einer Behandlung.“

Bei Ludwig Seisenberger war daher zunächst noch kein Eingriff nötig. Doch sollte er die Aorta regelmäßig kontrollieren lassen. „Alle drei bis sechs Monate“, rät Weidenhagen. Denn das Aneurysma kann weiter wachsen. Patienten müssen dabei nicht fürchten, dass ihnen die häufigen Untersuchungen schaden. Denn die werden mit Ultraschall durchgeführt. „Der Patient ist keiner Strahlenbelastung ausgesetzt, wie etwa bei der Computertomografie“, sagt Weidenhagen.

Platzt ein Aortenaneurysma, überleben das 30 bis 50 Prozent der Patienten nicht.

Zusätzlich zu den Untersuchungen sollten Patienten mit einem Aneurysma auch versuchen, ihre Risiken zu senken. So sollten sie nicht zu schwer heben und sich auch nicht übermäßig körperlich belasten, sagt Weidenhagen. Patienten mit Bluthochdruck sollten zudem konsequent versuchen, diesen durch einen gesünderen Lebensstil und Medikamente in den Griff zu bekommen. Das gilt auch für den Blutzuckerspiegel bei Patienten mit Diabetes. Ist der schlecht eingestellt, schadet das den Gefäßen zusätzlich. Denn ein Aneurysma ist häufig eine Folge einer Arteriosklerose, einer Verkalkung der Gefäßwände. Diese betrifft den ganzen Körper und hat viele Ursachen. Dazu gehören außer zu hohen Blutfettwerten, wenig Bewegung und dem Rauchen auch Bluthochdruck und Diabetes. Seltener ist ein Aneurysma Folge einer angeborenen Schwäche der Gefäßwände.

Auch Ludwig Seisenberger leidet an Arteriosklerose. Er habe vierzig Jahre lang geraucht, gibt er zu. „Aber vor zwanzig Jahren aufgehört.“ Er leidet auch an Diabetes und Bluthochdruck, bemüht sich aber sehr, beides gut zu kontrollieren. Er habe auch etwas abgenommen, erzählt er.

Das Aneurysma in seinem Bauch wuchs dennoch. Von Oktober verangenen bis Februar diesen Jahres hatte der Durchmesser um einen halben Zentimeter auf 5,3 zugenommen. Damit hatte es die kritische Größe erreicht, ab der Mediziner dringend zu einem Eingriff raten.

Ludwig Seisenberger entschied sich dafür. Wegen seines Alters aber auch, weil er bereits Voroperationen im Bauchbereich hatte, rieten die Ärzte in Neuperlach zu einem gering invasiven Verfahren, der Endovaskulären Aneurysma-Reparatur (EVAR). Bei dieser Methode setzt der Arzt einen kleinen Schnitt in der Leiste. Durch die Öffnung schiebt er einen Einführkatheter, eine biegsamen Plastikschlauch, in die Leistenarterie und von dort durch das Gefäßsystem bis zur Hauptschlagader. Zudem bekommt der Patient Kontrastmittel und wird mit einem Röntgengerät durchleuchtet. Im Einführkatheter steckt eine zusammengefaltete Stentprothese. Sie besteht aus einem Schlauch aus synthetischem Gewebe (Prothese), der mit einem Metallgerüst (Stent) verbunden ist. Am Zielort wird sie vom Einführkatheter gelöst und entfaltet sich dann von selbst. Das Blut fließt dann an dieser Stelle nicht mehr durch die Aorta, sondern durch die Stentprothese. „Das Aneurysma wird so von innen ausgeschaltet“, erklärt Weidenhagen.

Der Eingriff dauerte etwas mehr als eine Stunde und erfolgte in Vollnarkose. Die Gefäßchirurgen setzten bei dem 80-Jährigen zwei Stentprothesen ein, die über Schnitte in beiden Leisten eingeführt wurden. Innerhalb der Aorta werden diese zusammengesetzt und bilden eine Y-förmige Prothese, die bis in beide Beckengefäße reicht. So lassen sich auch Aneurysmen in einem Bereich behandeln, in dem sich die Aorta verzweigt. Damit die Stentprothesen gut sitzen, werden sie nach der Anatomie des Patienten ausgewählt. Eine Computertomografie vor dem Eingriff verrät dem Arzt, welche Größe die richtige ist. Seltener wird eine Prothese auch maßgefertigt.

Bei Ludwig Seisenberger war das nicht nötig. Auch hätte er nach dem Eingriff allenfalls in der Leiste einen „leichten Wundschmerz“ gespürt. Nach insgesamt sieben Tagen konnte er aus der Klinik entlassen werden. Ein paar Wochen später hatte er sich völlig von der Operation erholt. Doch wird er bald wieder zur Ultraschall-Kontrolle müssen. Denn im Gegensatz zur offenen Operation, die zwar deutlich belastender für den Körper ist, lassen sich Stentprothesen bei diesem Verfahren nicht einnähen. Sie werden in einem gesunden Abschnitt des Gefäßes verankert. Weitet sich dieses ausgerechnet dort, kann es passieren, dass die Stentprothese verrutscht oder undicht wird. Um das früh zu erkennen, müssen Patienten daher alle drei, später alle sechs Monate zur Kontrolle. Das aber nimmt Ludwig Seisenberger gerne in Kauf. Denn er weiß: Durch den Eingriff ist die Gefahr in seinem Bauch gebannt.

Experte

Priv.-Doz. Dr. Rolf Weidenhagen ist Chefarzt der Klinik für Gefäßchirurgie, vaskuläre und endovaskuläre Chirurgie am Städtischen Klinikum München in Neuperlach.

Andrea Eppner

Sichtwort: die Aorta

Die Hauptschlagader, Aorta, ist die größte Arterie des Körpers. Sie entspringt an der linken Herzkammer, verläuft bogenförmig im oberen Brustkorb nach oben und senkt sich dann entlang der Wirbelsäule durch den Brust- und Bauchraum.

In ihr fließt sauerstoffreiches Blut in den großen Köperkreislauf. Die Aorta ist ständig großen Druckunterschieden ausgesetzt. Ihre Wände sind daher besonders elastisch. Beim gesunden Menschen hat sie einen Durchmesser von 2,5 bis 3,5 Zentimetern. In ihrem Verlauf durch den Körper zweigen immer wieder Gefäße ab. Vom Aortenbogen aus versorgen Gefäße Kopf und Arme. Im Brustkorb verlaufen Arterien zum Beispiel zur Speiseröhre, zum Lungengewebe und zum Rückenmark. Die Aorta führt dann durch das Zwerchfell. Ab hier heißt sie Bauchaorta. Unterhalb der Nierengefäße zweigen Gefäße ab, die Beckenorgane und den Darm versorgen. In der Höhe des Nabels teilt sie sich in die beiden großen Beckengefäße auf.

sog

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Verbrennungen: So leisten Sie Erste Hilfe

München - Heißes Kerzenwachs oder brühender Tee: Im Winter kann man sich leicht verbrennen. Wir zeigen Ihnen, wie Sie erste Hilfe leisten und Ihre Kinder schützen können.
Verbrennungen: So leisten Sie Erste Hilfe

Dem inneren Schweinehund ruhig mal nachgeben

Gerade im Winter, wenn es draußen dunkel und kalt ist, können sich viele nach Feierabend nicht mehr zum Sport durchringen. Sie sollten deshalb aber nicht mit sich …
Dem inneren Schweinehund ruhig mal nachgeben

Fetten Haare durch häufiges Waschen schneller?

Viele Shampoos werben mit dem Zusatz: "Für die tägliche Haarwäsche geeignet". Doch ist ein derart häufiges Reinigen der Kopfhaut überhaupt gut? Es kommt auf die Art des …
Fetten Haare durch häufiges Waschen schneller?

Wenn Schmerzen Alltag sind: Leben mit Morbus Sudeck

Morbus Sudeck: Die Krankheit - die auch Komplexes Regionales Schmerzsyndrom genannt wird - bedeutet vor allem heftige Schmerzen. Sie ist aber nicht leicht zu erkennen. …
Wenn Schmerzen Alltag sind: Leben mit Morbus Sudeck

Kommentare