Ein Zungenschrittmacher – das klingt nach einer Therapie bei Sprachstörungen. Doch das kleine Gerät, das unter dem Schlüsselbein eingesetzt wird, soll Atemaussetzer im Schlaf verhindern.
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Ein Zungenschrittmacher – das klingt nach einer Therapie bei Sprachstörungen. Doch das kleine Gerät, das unter dem Schlüsselbein eingesetzt wird, soll Atemaussetzer im Schlaf verhindern.

Schlafapnoe

Ein Schrittmacher für einen ruhigen Schlaf

Sie röcheln, sägen, zischen – und das jede Nacht: Etwa die Hälfte der Männer und ein Viertel der Frauen schnarchen. Doch das kann gefährlich sein.

Wie bei Tobi B., 47. Er litt an Atemaussetzern im Schlaf. Dank eines neuen Geräts kann er jetzt nachts wieder frei durchatmen.

„Papa, manchmal haben wir Angst, du erstickstbeim Schnarchen.“ Das bekam Tobi B., 47, öfter von seinen Töchtern zu hören. Und es war nicht der einzige Kommentar. Kollegen lachten, wenn er bei einer Pause einnickte – und sofort laut lossägte. In der Berghütte beschwerten sich die Freunde. Die Ehefrau zog wegen des Lärms aus dem gemeinsamen Schlafzimmer. „Mir war das alles furchtbar peinlich“, erzählt Tobi B.

Doch diese Zeiten sind vorbei: Wenn Tobi B. heute ins Bett geht, greift er zur Fernbedienung. Damit schaltet er ein kleines Gerät an, das rechts unterhalb seines Schlüsselbeins unter der Haut sitzt. Die ganze Nacht lang wird der Schrittmacher feine elektrische Impulse an den Unterzungennerv senden – und ihm eine ruhige Nacht garantieren.

Dass er stark schnarchte, empfand Tobi B. schon lange als „furchtbar“. Vor fünf Jahren ging er deswegen zum ersten Mal zum Arzt. Er bekam ein Gerät, das zu Hause seinen Schlaf überwachen sollte. Es liefert Daten über Schnarchgeräusche, Atmung, Herzschlag und die Sauerstoffsättigung im Blut. „Das hat offenbar nichts ergeben.“

Schlafapnoe ist ein Hauptrisikofaktor für Herz-Kreislauf-Erkrankungen

Anders im vergangenen Jahr: Tobi B. will seinem Schnarchproblem endgültig den Kampf ansagen. Er wendet sich an die HNO-Klinik im Klinikum rechts der Isar in München. Eine Untersuchung in Kurznarkose soll zunächst zeigen, wo die Schnarchgeräusche und damit verbundenen Atemaussetzer entstehen. Per Endoskop kann der Arzt erkennen, ob etwa große Mandeln schuld sind. In so einem Fall kann eine Operation helfen. Bei Tobi B. sitzt das Problem aber anderswo, vor allem am schlaffen Gaumen und im Zungengrund.

Genauere Daten kann eine Nacht im Schlaflabor liefern. Das Ergebnis ist für Tobi B. erschreckend: „Sie haben eine Sauerstoffsättigung wie ein Apnoetaucher“, erklärt ihm Schlaflaborleiter Dr. Clemens Heiser. So nennt man Sportler, die ohne Sauerstoffgerät tauchen. Manche halten mehrere Minuten die Luft an.

HNO-Arzt Dr. Clemens Heiser ist Experte für die neue Technologie. Auf dem Röntgenbild zeigt er seinem Patienten Tobi B., wo der Pulsgenerator sitzt. Über ein Kabel stimuliert dieser den Zungennerv. Ein Sensor in der Brust überwacht die Atmung.

Auch Tobi B. macht das jede Nacht, doch ohne es zu wollen. Im Schlaf fällt seine Zunge zurück, da die Muskeln in Hals und Rachen erschlaffen. Das erzeugt nicht nur laute Schnarchgeräusche. Immer wieder verschließen sich die Atemwege komplett. Er bekommt keine Luft. Oft mehr als eine Minute lang gelangt keine Luft in seine Lungen, bis ein Notsignal aus seinem Gehirn ihn kurz hochschrecken lässt. Mediziner sprechen von obstruktiver Schlafapnoe. Hatten das seine Töchter gehört, wenn sie meinten, ihr Vater könnte ersticken?
„Ziemlich sicher“, sagt Heiser. Die Schlafenden bemerken ihre Atemaussetzer selbst meist nicht. Aufmerksam machen sie dann Menschen, die sie ihm Schlaf beobachten. Das ständige Ringen um Luft raubt den Betroffenen aber die erholsame Ruhe. Oft sind sie tagsüber müde und unkonzentriert.

Und nicht nur das: Für den Körper sind die Atemaussetzer sehr belastend. „Schlafapnoe ist ein Hauptrisikofaktor für Herz-Kreislauf-Erkrankungen“, sagt Heiser. Schon deswegen rät er Tobi B. dringend zu einer Therapie.

Standard ist in solchen Fällen die CPAP-Beatmung. Die Patienten schlafen mit einer Atemmaske. Einen leichter Überdruck hält die Atemwege offen. Auch Tobi B. testet die Maske im Schlaflabor. Nach einer Nacht ist ihm klar: „Das kommt nicht infrage, auf keinen Fall.“ Er geht gerne auf Reisen, muss auch beruflich flexibel sein. Den Rest seines Lebens ein Atemgerät mit sich rumzuschleppen – nein! Als er erfährt, dass eine Operation, keinen Erfolg verspricht, ist er zunächst deprimiert.

Doch es gibt eine Alternative: den Zungenschrittmacher, in der Fachsprache Hypoglossus-Stimulator genannt. Die Methode ist recht neu und nicht für alle Betroffenen geeignet. So dürfen die Patienten nicht an schweren Herz-Kreislauf- oder neurologischen Erkrankungen leiden. Auch sollten sie kein zu starkes Übergewicht haben.

Das Gerät ähnelt einem Herzschrittmacher, nur dass der Stimulator die elektrischen Impulse nicht ans Herz, sondern an den Unterzungennerv sendet – bei jedem Einatmen. Zugelassen ist es seit etwa sechs Jahren. Heiser ist einer der wenigen Experten für den Eingriff. 20 Patienten hat er bereits operiert, keiner wollte bisher, dass das Gerät wieder entfernt wird. „Theoretisch ist das möglich“, sagt er.

Der Schrittmacher besteht aus einem gut streichholzschachtel-großem Gerät, das rechts unterhalb des Schlüsselbeins eingesetzt wird: der Pulsgenerator. Von einem Sensor, im Brustkorb erhält er Informationen über die Atmung. Ein zweites Kabel wird unter der Haut bis zum Unterzungennerv hochgezogen und mit einem weichen Clip mit diesem verbunden. Insgesamt sind drei kleine Schnitte nötig. Der Eingriff dauert etwa zwei Stunden und wird in Vollnarkose vorgenommen.

Kurz darauf folgte die OP. „Die Schmerzen danach waren sehr erträglich“, erzählt Tobi B. Vier Tage nach dem Eingriff darf er nach Hause. Die Nächte verlaufen zunächst noch wie gewohnt. Denn der Schrittmacher muss vier Wochen lang einheilen. Dann wird er in der Klinik zum ersten Mal eingeschaltet, läuft zuerst auf einer Standardeinstellung. „Ich habe den Strom kaum gespürt“, sagt Tobi B. Manche bemerken beim Einschalten ein leichtes Bitzeln. „Die meisten Patienten spüren aber schon nach der ersten Nacht nichts mehr davon“, sagt Heiser. Manchmal kann allerdings am Morgen mal ein kleiner Muskelkater in der Zunge sein.

Weitere vier Wochen später wird das Gerät dann im Schlaflabor optimal eingestellt. Bei Tobi B. musste es hochgeregelt werden. „Meine Zunge ist dann fast gelähmt“, sagt Tobi B. Sprechen sei kaum möglich. Unangenehm sei das aber nicht. „Außerdem schlafe ich ja“, sagt er. Und das Wichtigste: Atemaussetzer und Schnarchen – beides ist weg.

Der 47-Jährige kann zudem per Fernbedienung bestimmen, wann die Stimulation eingeschaltet wird. Im Augenblick steht der Timer auf einer halben Stunde. So kann Tobi B. sicher sein, dass er ungestört einschlafen kann. Muss er nachts mal raus, gibt es eine Pausetaste für zehn Minuten.

Mit dem Ergebnis ist Tobi B. zufrieden. Auch wenn er tagsüber gelegentlich noch müde ist. „Das liegt wohl an meinem Beruf“, sagt der Fluggerätmechaniker. Der bedeutet Schichtarbeit. Und die bringt den Schlafrhythmus durcheinander. Seine Nächte verlaufen aber wieder ruhig. Und auch von seinen Töchtern gibt es keine Klagen mehr.

Von Sonja Gibis

Der Experte

Dr. Clemens Heiser ist Oberarzt in der HNO-Klinik im Klinikum rechts der Isar, Technische Universität München, Somnologe und Leiter des Schlaflabors. Kontakt: 089/4140 26 92, schlaflabor.hno@mri.tum.de

Sonja Gibis

E-Mail:sonja.gibis@merkur.de

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