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Mit Ultraschall prüfen Dr. Miriam Ungemach und Oberarzt Dr. Oliver Meier, ob es Engstellen in der Halsschlagader von Patient Helmut Gruber (72) gibt.

Jede Sekunde zählt

Schlaganfall: Schnell handeln rettet Leben

Nach einem Schlaganfall sind es wenige Stunden, die über das Leben entscheiden: Wird der Betroffene zum Pflegefall, stirbt er gar oder kann er weiter selbstständig leben?

Dass etwas nicht stimmt, ahnt Elfriede Gruber (Name geändert), noch ehe sie die Tür zum Schlafzimmer öffnet. Ihr Mann Helmut, 72, ist schon zu Bett gegangen. Jetzt will auch sie schlafen gehen. Doch im Flur bemerkt sie eine umgefallene Vase – und wundert sich. „Hat er nicht gemerkt, dass er die umgestoßen hat?“ Sie schiebt die Tür auf, ihr Mann steht am Fenster. „Helmut?“, spricht sie ihn an. Doch er reagiert nicht, macht noch ein paar Schritte. „Dann ist er einfach umgefallen“, erzählt Elfriede Gruber.

Allein die Erinnerung an diesen Abend vor knapp zwei Monaten lässt sie noch immer erschaudern. „Ich hab ihn geschüttelt“, sagt sie. „Ich hatte Angst, dass er tot ist.“ Ihr Mann bekam von all dem nichts mit. „Mir war kurz schwindlig“, erzählt Helmut Gruber – das Einzige, an das er sich noch erinnert. Erst im Krankenwagen kam er wieder zu sich. „Da habe ich alles wie durch einen Schleier wahrgenommen“, sagt er.

Heute weiß Helmut Gruber: Dem schnellen Handeln seiner Frau hat er wohl zu verdanken, dass er weiterhin ein selbstständiges Leben führen kann. Denn was ihm in jener Nacht das Bewusstsein geraubt hatte, war ein Schlaganfall – und nach einem solchen zählt jede Minute. Auslöser ist meist ein Blutgerinnsel im Gehirn, das ein Gefäß verstopft hat. Der von ihm versorgte Bereich wird nicht mehr ausreichend durchblutet und stirbt nach einiger Zeit ab.

Verhindern kann das eine frühzeitige Lysetherapie. Den Patienten werden starke Blutverdünner gespritzt, um das Gerinnsel aufzulösen und so die Durchblutung wiederherzustellen. Das rettet Gehirnzellen. Doch die Zeit, in der das funktioniert, ist knapp. Nur etwa viereinhalb Stunden dürfen seit den ersten Beschwerden vergangen sein.

„Nicht einmal 20 Prozent der Patienten in Deutschland kommen dafür rechtzeitig in die Klinik“, sagt Dr. Oliver Meier. Er ist Oberarzt in der Stroke Unit, der Schlaganfalleinheit des Klinikums Harlaching in München, wo Helmut Gruber eine Woche lang behandelt wurde. Doch viele rufen zu spät den Notarzt – in der Hoffnung, dass die Beschwerden von selbst wieder verschwinden. Andere gehen zum Hausarzt, holen gar Verwandte hinzu, um sich zu beraten. „Bloß nicht warten, sondern sofort die 112 wählen“, rät Meier. Lieber ein Fehlalarm, als zu spät reagiert.

Elfriede Huber hat alles richtig gemacht. Sie rief gleich den Notarzt – auch wenn sie in der Aufregung die Nummer des Polizeinotrufs wählte. Doch sie wurde sofort weiterverbunden. „Sie war mein Schutzengel“, sagt ihr Mann. Hätte seine Frau nicht so schnell gehandelt, wäre er heute vielleicht dauerhaft auf Pflege angewiesen. Als er in der Klinik ankam, konnte er seine rechte Körperseite nicht mehr bewegen, kaum sprechen. Doch bald nach der Lysethrapie bildete sich die Lähmung wieder zurück. Nur beim Sprechen hatte er noch Probleme.

Möglich war das nur, weil er früh in der Klinik war. Zumal auch dort bis zur Lyse noch etwas Zeit vergeht. Zuvor müssen die Ärzte eine Computertomografie (CT) vornehmen. Der Schlaganfall ist damit zwar so früh nicht zu sehen. Doch kann eine Hirnblutung ausgeschlossen werden. Das ist wichtig: Denn bei einer solchen würde die Lyse die Blutung noch verstärken.

Gibt es keine Hinweise auf eine Blutung, startet man die Lyse in Harlaching gleich im Raum neben dem CT. Im Schnitt vergehen nur 28 Minuten nach Ankunft des Patienten. Die Ärzte haben die Zeit mit der Stoppuhr gemessen – und dann so lange jeden Handgriff verbessert, bis es nicht mehr schneller ging.

Doch alle Perfektion hilft nicht, wenn Angehörige zu spät den Notarzt rufen. Auch ist der Notfall nicht immer so klar zu erkennen wie bei Helmut Gruber. Längst nicht jeder verliert das Bewusstsein. Viele haben Sehstörungen, nehmen eine Körperhälfte nicht mehr wahr. Mancher kann Arm, Bein und Gesicht auf einer Seite nicht mehr bewegen, der Mundwinkel hängt dann schlaff nach unten. Oft können Betroffene auch nicht mehr richtig sprechen, ringen nach Worten, erscheinen verwirrt. Manchmal kommen auch heftige Kopfschmerzen dazu oder Schwindel wie bei Helmut Gruber.

Der hatte trotz allem Glück. Wer es nicht weiß, ahnt nicht, dass er einen Schlaganfall hinter sich hat. Im Gehirn hat der dennoch Spuren hinterlassen: Eine kleine Narbe, im CT als schwarzer Fleck zu sehen. Er liegt nahe am Sprachzentrum. „Das hätte auch schlimmer ausgehen können“, sagt Meier. Ohne Lyse könnte Helmut Gruber heute wohl nicht mehr sprechen.

Dabei hat der 72-Jährige noch eine Menge vor – und er tut etwas dafür, damit ihm ein erneuter Schlaganfall erspart bleibt. Das Rauchen hat er sich schon vor Jahren abgewöhnt. Auch sportlich war er bereits vor dem Schlaganfall. „Ich bin kein Stubenhocker“, sagt er. Manchmal sei er den ganzen Tag mit dem Rad unterwegs. Doch auch auf gesündere Ernährung muss er künftig stärker achten – ein LDL-Cholesterin ist zu hoch. Cholesterinsenker, blutverdünnende Medikamente und ein Mittel gegen seinen zu hohen Blutdruck – Risikofaktor Nummer eins beim Schlaganfall – unterstützen ihn dabei.

Wie erkennen ich einen Schlaganfall?

Mit einem einfachen Test können auch Laien rasch einen Schlaganfall recht sicher erkennen können:

  • Bitten Sie den Betroffenen zu lächeln. Verzieht sich das Gesicht einseitig, deutet das auf eine halbseitige Lähmung hin – und damit auf einen Schlaganfall.
  • Bitten Sie den Betroffenen, einen einfachen Satz nachzusprechen – etwa: „Ich benötige keine Hilfe.“ Ist die Sprache verwaschen, kann das auf einen Schlaganfall hindeuten.
  • Bitten Sie den Betroffenen, gleichzeitig beide Arme nach vorne zu heben, Handflächen nach oben. Bei einer Lähmung durch eine Schlaganfall kann ein Arm nicht gehoben werden, beziehungsweise sinkt ab oder dreht sich, vor allem bei geschlossenen Augen.

Notruf 112 wählen

Hat der Patient Probleme mit einer dieser Aufgaben, sofort einen Notarzt rufen – und die Symptome bereits am Telefon schildern. Weitere typische Beschwerden können Sehstörungen, Schwindel und Desorientierung sein. Plötzliche starke Kopfschmerzen können auf eine Hirnblutung hinweisen.

Der Experte

Dr. Oliver Meier ist Oberarzt auf der Schlaganfall-Einheit (Stroke Unit) des Klinikums Harlaching in München. Die Station gehört zur Klinik für Neurologie und Neurologische Intensivmedizin, die von Prof. Roman Haberl geleitet wird.

Wie hoch ist ihr Risiko?

Diese Frage beantwortet Dr. Oliver Meier am 13. August bei der Aktion „Bayern gegen Schlaganfall“ in München. An der Neuhauser Str. 8 steht beim Richard-Strauss-Brunnen von 10 bis 16 Uhr ein roter Aufklärungsbus. Weitere Infos gibt’s am selben Tag um 18 Uhr bei einem Vortrag im Klinikum Harlaching zum Thema „Schlaganfall – High-Tech-Medizin und Ihre Grenzen – wer schnell handelt, rettet Nervenzellen“. Sie hören Dr. Meier dort im Hörsaal des Krankenhaus für Naturheilweise, Sanatoriumsplatz 2.

Schlaganfall: vier typische Symptome

So erkennen Sie einen Schlaganfall

Andrea Eppner

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