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Beim Strecken der Finger bleibt einer gebeugt: Patientin Cornelia Orsini zeigt, wie sich ein „schnellender Finger“ auswirkt. Heute hat sie damit kein Problem mehr – Handchirurg PD Dr. Kai Megerle hat sie operiert.

Handprobleme

Mit einem Schnitt gegen den Schnappfinger

Was auch immer man anpackt – dazu sind oft Hände wichtig. Ein sogenannter "schnellenden Finger" macht das oft unmöglich und ist im Alltag sehr lästig.

Nicht mehr richtig zupacken können: Was das bedeutet, wurde Cornelia Orsini erst bewusst, als ihre Hände Probleme machten. „Da merkt man erst, wie sehr man auf sie angewiesen ist“, sagt sie. Dabei hat es sie gleich doppelt erwischt: Erst bereitete ihr die rechte Hand Beschwerden, es folgte eine Operation. Die Nachbehandlung war noch nicht abgeschlossen, da wollte auch die andere Hand nicht mehr richtig. „Vielleicht, weil ich die Linke mehr belastet habe“, vermutet sie.

Zeigefinger macht was er will

Was sie im Alltag zunehmend störte: Wenn sie die linke Hand öffnete, ließen sich nicht mehr alle Finger problemlos ausstrecken. Der Ringfinger – später kam auch noch der Zeigefinger hinzu – blieb gebeugt. Strecken ließ er sich nur, wenn sie mehr Kraft aufwandte. Doch statt sich in einer fließenden Bewegung zu strecken, schnellte der Finger plötzlich zurück.

Das erzählte Cornelia Orsini auch ihrer Physiotherapeutin, einer Expertin für die Behandlung von Handproblemen. Mit ihr übte sie immer noch regelmäßig, ihre andere, operierte Hand wieder richtig bewegen zu können. Bei einer ihrer Therapiestunden zeigte sie ihr dann auch das Problem mit der anderen Hand – und erhielt eine Einschätzung, mit der die erfahrene Physiotherapeutin richtig liegen sollte. „Bestimmt ein schnellender Finger“, erklärte sie ihrer Patientin. Auch, dass man das wohl ebenfalls werde operieren müssen.

Eine Aussicht, von der Cornelia Orsini wenig begeistert war. Schließlich hatte sie bereits erfahren, wie langwierig die Rehabilitation nach einen Eingriff an der Hand sein kann. Auch wenn es eine andere Erkrankung, Morbus Dupuytren, war, welche die Operation an der rechten Hand nötig gemacht hatte. Bei Betroffenen verdickt sich das Bindegewebe der Handinnenfläche immer mehr. Das kann dazu führen, dass sie einzelne Finger nicht mehr richtig bewegen können. Bei Cornelia Orsini war es der kleine Finger. Drei Tage war sie für den Eingriff im Krankenhaus. „Und es hat fast ein halbes Jahr gedauert, bis ich meine Hand wieder normal bewegen konnte“, sagt sie. „Vielleicht auch deshalb, weil ich die Operation so lange hinausgezögert habe.“

Diesmal wollte sie nicht so lange warten – und kümmerte sich daher zügig um einen Termin bei den Handchirurgen des Klinikums rechts der Isar in München, wo sie auch schon an der anderen Hand operiert worden war. „Ich habe mich damals sehr gut betreut gefühlt“, sagt sie. Aus diesem Grund kam sie diesmal gleich hierher – in die Sprechstunde von Handchirurg PD Dr. Kai Megerle.

Der Schnappfinger ist eine der häufigsten Handbeschwerden

Für den Spezialisten war schnell klar: Die Physiotherapeutin lag mit ihrem Verdacht richtig, ihre Patientin litt tatsächlich an einem schnellenden Finger. Die Diagnose zu sichern, war bei ihr dabei recht einfach. „Manche Patienten können das Schnellen des Fingers auf Kommando demonstrieren“, sagt Megerle. Cornelia Orsini gehörte dazu. Bei anderen könne man es mit Tricks provozieren. Doch gelingt das längst nicht immer. Dann ist viel Erfahrung gefragt. Denn die Diagnose zu sichern, ist bei dieser Erkrankung Handarbeit, medizinisches Gerät kommt nur selten zum Einsatz. Megerle verlässt sich lieber auf sein Gespür. Vorsichtig ertastet er die Sehne und versucht verdächtige Veränderungen zu erspüren. Nicht immer ist die Sache dabei so eindeutig. „Manchmal haben Patienten einfach nur Schmerzen in der Hand“, sagt der Experte. Das Schnellen des Fingers fehlt bei ihnen.

Dabei steckt dieselbe Ursache dahinter. Die Sehne im Finger bleibt an verdickten Ringbändern hängen. Zur Erklärung: Die Sehne liegt nicht lose unter der Haut. „Die Ringbänder fesseln sie wie Kabelbinder an die Knochen“, sagt Megerle. Doch bleibt ihr genug Platz, um bei jeder Bewegung einfach locker hindurchzugleiten. Verdicken sich die Ringbänder, wird das zunehmend zum Problem. Erst kann sie zwar noch durch den Tunnel der Ringbänder gleiten. Doch reibt dabei die Synovia, die hauchdünne Gleitschicht zwischen Sehne und Ringband, bei jeder Bewegung daran – und entzündet sich. Der Patient bekommt Schmerzen. Später bleibt die Sehne auch immer öfter einfach hängen und löst sich erst, wenn man kraftvoller zieht. Bei manchen Patienten hilft irgendwann auch das nicht mehr: Sie können den betroffenen Finger überhaupt nicht mehr strecken.

Dabei lässt sich das Problem mit einem vergleichsweise kleinen Eingriff schnell beheben – „und das auch dauerhaft“, sagt Megerle. Spritzen mit Kortison seien allenfalls eine kurzfristige Lösung. Sie wirken zwar der Entzündung entgegen und können die Beschwerden so etwas mindern. Doch hat das auch Risiken. „Bei der Operation sieht man dann oft Gewebeveränderungen an den Sehnen“, sagt Megerle. Er rät darum zur OP.

Patienten müssen die Hand gleich nach der OP wieder bewegen

Cornelia Orsini ist seinem Rat gefolgt – und froh darüber. Sie öffnet ihre linke Hand: Heute kann sie alle Finger ausstrecken, weder der Ring- noch der Zeigefinger bleiben zurück. Denn seit der Operation hat die Sehne wieder genug Raum und bleibt nirgendwo mehr hängen. Der Trick: Der Handchirurg zerschneidet einen Teil des Ringbandsystems – vom Fingergrund aus auf einer Länge von etwas mehr als zwei Zentimetern. Das genügt, damit die Sehne nicht mehr hängen bleibt. Zugleich bleibt sie ausreichend fest am Knochen fixiert, so dass der Patient dadurch nicht eingeschränkt ist.

Der Eingriff selbst dauert kaum zehn Minuten. Durchgeführt wird er unter Lokalanästhesie: Der Patient spürt also keine Schmerzen, bleibt aber wach. Das ist nicht nur weniger belastend als eine Vollnarkose. „Es hat auch den Vorteil, dass man ihn bitten kann, die Hand zu bewegen“, sagt Megerle. So kann man noch während des Eingriffs prüfen, ob das Problem vollständig behoben ist.

Den Schnitt setzt der Handchirurg dabei geschickt in einer Hautfurche. So ist die Narbe später kaum mehr zu sehen – wie auch bei Cornelia Orsini. Ihr blieb zudem erspart, was viele Patienten fürchten: die Blutsperre. Damit der Chirurg bei der Operation gut sehen kann, muss die Hand weitgehend blutleer sein. Bislang hat man dazu die Gefäße am Oberarm abgeklemmt. Das sei unangenehm, bei einem sehr kurzen Eingriff aber noch zu ertragen, sagt Megerle. Dauert es doch einmal länger, werde es sehr schmerzhaft. Im Klinikum rechts der Isar hat man eine Alternative gefunden. „Dem Lokalanästhetikum ist ein Adrenalin-Zusatz beigefügt“, sagt Megerle. Er führt dazu, dass sich die Gefäße verengen.

Diesmal erholte sich Cornelia Orsini deutlich schneller. Etwas Geduld brauchte sie aber doch. „Ich konnte erst weder ein Kopfkissen aufschütteln, noch ein Betttuch straff ziehen“, erinnert sie sich an die ersten beiden Wochen nach der Operation. Dabei sollte sie ihre Hand auf keinen Fall zu stark schonen. Gleich nach dem Eingriff die Hand wieder bewegen – das schärft Megerle seinen Patienten ein. Sonst passiert es schnell, dass die Sehne mit dem umliegenden Gleitgewebe vernarbt. Betroffenen droht dann eine langwierige Physiotherapie. Cornelia Orsini hat sich lieber an Megerles Rat gehalten – und die Probleme mit den Händen sind Vergangenheit.

Andrea Eppner

Das passiert bei einem Schnappfinger

Zunächst entzündet sich die Scheide der Beugesehne, was erst Schmerzen bereitet, später zu einer Blockade führen kann. Denn die Beugesehnen verlaufen ab dem Ende des Mittelhandknochens durch die Ringbänder. Diese Sehne wird bei einer kräftigen Streckung gespannt. Dabei sitzt der geschwollene Bereich zunächst am Ringband fest, zwängt sich dann aber durch die Engstelle – der Finger schnellt plötzlich nach vorne. Oft müssen Betroffene auch mit der gesunden Hand nachhelfen, um den blockierten Finger zu strecken.

Experte

Handchirurg Privatdozent Dr. Kai Megerle ist Oberarzt und Leiter des Bereichs Handchirurgie an der Klinik und Poliklinik für Plastische Chirurgie und Handchirurgie am Klinikum rechts der Isar in München.

Experten-Tipp zu Handverletzungen

Der eine hat sich die Hand übel an einer Maschine verletzt. Ein anderer ist mit dem Messer abgerutscht und hat sich eine Sehne im Finger durchtrennt: Nach einer Verletzung an der Hand sind Betroffene meist einfach nur froh, schnelle Hilfe zu bekommen. Doch kommen Patienten in die Notaufnahme, übernimmt die Behandlung nicht immer ein Handspezialist.

Medizinern ohne eine entsprechende Weiterbildung fehlt es aber oft an Erfahrung und Spezialwissen. „Verlangen Sie einen Handchirurgen“, rät darum Dr. Kai Megerle. „Da haben Sie als Patient ein Recht darauf!“

Ist gerade kein Spezialist in der Klinik, etwa weil der Unfall nachts passiert ist, ließen sich viele Verletzungen zunächst auch provisorisch versorgen. Die eigentliche Behandlung könne dann am nächsten Tag ein Handchirurg übernehmen. Um sich so nennen zu dürfen, muss ein Mediziner nicht nur einen Facharzt in plastischer Chirurgie, Unfallchirurgie, Chirurgie oder Orthopädie erworben haben. Er muss zudem eine zwei- bis dreijährige Weiterbildung absolvieren.

ae

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