Orthopäde Dr. Ludwig Seebauer zeigt seiner Patientin Erika K., wie stark ihr Schultergelenk geschädigt war.
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Orthopäde Dr. Ludwig Seebauer zeigt seiner Patientin Erika K., wie stark ihr Schultergelenk geschädigt war.

Arthrose

Ein Schultergelenk speziell für Ältere

Hat Verschleiß das Schultergelenk zerstört, werden selbst einfache Tätigkeiten wie Essen und Kämmen zum Problem. Eine spezielle Prothese ermöglicht heute dennoch oft wieder fast normale Beweglichkeit.

„Zeigen Sie doch mal, wie gut Sie sich wieder bewegen können!“, fordert Dr. Ludwig Seebauer seine Patientin auf. Erika K. (Name geändert) verschränkt ihre Hände hinterm Kopf, streckt die Arme zur Seite, dann in die Höhe. Der eleganten Dame sieht niemand ihre 80 Jahre an. Genauso wenig wie man bemerkt, dass in einer ihrer Schultern ein Kunstgelenk sitzt. Nur wer nach einem Unterschied sucht, erkennt, dass der rechte Arm nicht ganz kerzengerade nach oben weist. „Etwa 95 Prozent der Funktion hat sie zurück“, sagt Seebauer. „Es ist ein neues Leben“, sagt Erika K. lächelnd.

Fünf Jahre ist es her, da war die Seniorin völlig verzweifelt. Essen, Haare kämmen, Hausarbeit – all das war kaum mehr möglich. An Autofahren gar nicht mehr zu denken. Der Grund: Arthrose hatte in Erika K.s rechter Schulter zu starken Schäden geführt. Sehnen und Muskeln waren verschlissen, Zysten hatten sich gebildet, der einst glatte Gelenkkopf war zerfurcht. „Wie ein umgegrabenes Beet“, sagt Seebauer und deutet auf die Röntgenaufnahme von damals. Erika K. sieht erstaunt hin. „Oh Gott! So hat meine Schulter ausgesehen?“

Mit den Jahren verschleißen die Gelenke bei fast jedem Menschen, allerdings verschieden stark. Ursachen sind große Belastung – bei der Schulter etwa Arbeiten über dem Kopf –, aber auch einfach Veranlagung und das Alter. Erika K. litt auch in beiden Kniegelenken an starker Arthrose und hatte daher bereits Prothesen erhalten. Mit den Jahren schmerzte aber auch die Schulter immer stärker. Die Seniorin kam damit zurecht – bis zu jenem Tag im Linienbus. Der Fahrer musste stark bremsen, Erika K. hielt sich reflexartig an einer Stange fest. „Danach ging gar nichts mehr“, sagt sie. Schon acht Jahre zuvor hatte ein Sturz die Beschwerden schlagartig verschlimmert.

Ein kleiner Unfall lässt die verschlissenen Sehnen reißen

„Das ist typisch“, sagt Seebauer. Anders als etwa die Gelenke in Knie und Hüfte, wird die Schulter nicht zwangsläufig ständig stark belastet. Schmerzt sie, schonen die Betroffenen das Gelenk. Die fortschreitende Arthrose lässt sich so lange kompensieren. Eine plötzliche Belastung, etwa durch einen Sturz – und die porös gewordene Sehnenmanschette, die das Gelenk bislang noch notdürftig stabilisiert hat, reißt. „Das ist wie bei einem porösen Stück Stoff“, sagt Seebauer. Ein falscher Schritt – und er ist durchgerissen. Passiert das bei der Schulter, lässt sich der Arm danach oft kaum noch heben, wirkt fast gelähmt.

„Der Arm hing nur noch runter“, erzählt Erika K. Die Ärzte rieten zu einer gelenkerhaltenden Operation. Doch nichts besserte sich. Erika K. war tief deprimiert. Schließlich kam sie zu Dr. Ludwig Seebauer ins Städtische Klinikum Bogenhausen. Dort sind die Orthopäden unter anderem auf Schulterprothesen spezialisiert – und die Behandlung älterer Patienten. „Wir sind das Zentrum, das deutschlandweit die meisten Schulterprothesen einsetzt“, sagt Seebauer. Und das mit großem Erfolg.

Bei älteren Patienten ist meist nicht nur das Gelenk selbst verschlissen, auch die Bänder und Sehnen sind zerstört, die es stabilisieren – wie dies auch bei Erika K. der Fall war. Mit den Jahren wird der Abstand zwischen dem Schulterdach und dem Schulterblatt oft immer enger. Sehnen und Muskeln, die das Schultergelenk wie eine Manschette umhüllen, werden in der Engstelle regelrecht aufgerieben, bis sie schließlich ganz reißen. Bei älteren Patienten ist diese sogenannte Rotatorenmanschette aus Muskeln und Sehnen oft nicht mehr stabil genug. Ersetzt man das verschlissene Schultergelenk durch eine Prothese, die die natürliche Anatomie nachahmt, verringern sich zwar die Schmerzen. „Aber eine gute Funktion lässt sich so nicht erreichen“, sagt Seebauer.

Doch Medizintechniker hatten eine durchschlagende Idee: Sie drehten die natürlichen Verhältnisse im Gelenk einfach um – und entwickelten eine inverse Prothese. Der Gelenkkopf sitzt am Schulterblatt, die künstliche Gelenkpfanne am Oberarm. Der Vorteil: So kann der Delta-Muskel die Aufgabe übernehmen, den Arm zu heben. Dieser bedeckt das Schultergelenk und erstreckt sich bis zum Oberarm. „Er ist der Motor des Ganzen“, sagt Seebauer. Das Kunstgelenk heißt daher auch Deltaprothese.

Oft vergisst Erika K., dass sie eine Schulterprothese hat

Etwa seit dem Jahr 2000 hat sich diese auch in Deutschland durchgesetzt. „Man erzielt sehr gute Ergebnisse, selbst bei schwierigen Fällen“, sagt Seebauer. Und dazu gehören vor allem Ältere. Im Schnitt sind die Patienten, denen Seebauer eine inverse Prothese einsetzt, fast 76 Jahre alt – wie damals Erika K.

Die Knochen der Seniorin waren noch recht stabil. Der Schaft der Prothese konnte daher ohne Zement im Knochen verankert werden. Etwa eineinhalb Stunden dauerte die OP. Als Erika K. erwachte, hemmte ein Katheter die Schmerzen. Nach zwei Tagen konnte er entfernt werden. Damit Schulter und Arm wieder optimal beweglich werden, ist aber die Mitarbeit des Patienten unverzichtbar. Das heißt: regelmäßige Physiotherapie. Die beginnt bereits am Tag nach der OP am Krankenbett.

„In den ersten sechs Wochen dürfen die Patienten noch nicht Vollgas geben“, sagt Seebauer. Extreme Bewegungen, etwa hinter den Rücken, sind tabu. Doch durch gezielte Übungen wird die Schulter bald wieder beweglicher. „Ich war begeistert, wie gut die OP gelaufen war – und wollte das Bestmögliche rausholen“, sagt Erika K. Regelmäßig übte sie, zunächst mit dem Physiotherapeuten. „Ich mache aber noch immer meine Übungen“, sagt sie. Heute kann sie ihren Arm fast wieder so bewegen wie früher – und vergisst daher oft, dass ihr neues Schultergelenk nicht schon immer zu ihr gehörte.

Von Sonja Gibis

Der Experte

Dr. Ludwig Seebauer ist Chefarzt des Zentrums für Orthopädie, Unfallchirurgie und Sportmedizin des Klinikums Bogenhausen, Städtisches Klinikum München GmbH. Eines seiner Spezialgebiete ist die Behandlung älterer Patienten. Denn moderne Kunstgelenke ermöglichen oft auch eine gute Beweglichkeit, wenn Sehnen und Bänder erschlafft oder verschlissen sind. Zudem werden Gelenks-Operationen immer öfter in schonender lokaler Betäubung vorgenommen.

Sonja Gibis

E-Mail:sonja.gibis@merkur.de

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