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Selbsttest im Schlaflabor - die nächtliche Totalüberwachung

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Von: Andrea Eppner

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Verkabelt: Redakteurin Andrea Eppner wird von Bärbel Schmid, einer Mitarbeiterin des Schlaflabors, für die Nacht vorbereitet. Die Elektroden messen Hirnströme und Bewegungen, ein Mikrofon am Hals entlarvt Schnarcher.
Verkabelt: Redakteurin Andrea Eppner wird von Bärbel Schmid, einer Mitarbeiterin des Schlaflabors, für die Nacht vorbereitet. Die Elektroden messen Hirnströme und Bewegungen, ein Mikrofon am Hals entlarvt Schnarcher. © Klaus Haag

Augen zu, einschlafen – und am Morgen darauf erfrischt aufstehen: Für Menschen mit Schlafproblemen bleibt das ein Traum. Sie wälzen sich stundenlang im Bett herum, wachen oft auf. Woran das liegt? Das lässt sich manchmal durch eine Nacht im Schlaflabor klären. Ein Selbstversuch.

Endlich sind wir allein, die Infrarotkamera und ich. Ich kann sie zwar nicht sehen, dafür ist es zu dunkel in meinem Zimmer. Aber ich weiß, dass sie mich genau beobachtet. Hier, im Schlaflabor der Asklepios-Lungenfachklinik in Gauting bei München, wird jede Sekunde meines Schlafes überwacht. Doch im Moment sieht man nur eines: Ich bekomme kein Auge zu.

Ob ich zu den rund 20 Millionen Menschen in Deutschland gehöre, die Schlafprobleme haben? Das will ich heute Nacht herausfinden. Aber dafür müsste ich einschlafen! Eigentlich befolge ich ja die „Basisregeln“ für einen gesunden Schlaf: nicht zu spät essen, jeden Tag ungefähr zur gleichen Zeit ins Bett gehen, Finger weg vom Smartphone und Tablet im Schlafzimmer – das Displaylicht hält einen künstlich wach. Um 22.30 Uhr haben sie mir hier das Licht ausgeknipst – seither träume ich vom Schlaf.

Nachbesprechung: Am Morgen danach erklärt Dr. Bauer das „Schlafprofil“ – Andrea Eppner ist 32 Mal aufgewacht.
Nachbesprechung: Am Morgen danach erklärt Dr. Bauer das „Schlafprofil“ – Andrea Eppner ist 32 Mal aufgewacht. © Klaus Haag

Schuld daran sind die vielen Kabel, die an mir herunterhängen. Sie sind alle mit Elektroden verbunden, die wiederum an meinem Kopf, Oberkörper und den Beinen kleben. Jede Elektrode hat ihre Aufgabe: Die einen messen Herz- und Gehirnströme, andere die Bewegungen von Mund und Augen, die nächsten reagieren auf jedes Beinzucken. Bärbel Schmid, eine Mitarbeiterin des Schlaflabors, hatte mich am Abend „verkabelt“ – so nennen sie das hier. Über meiner Brust ist jetzt ein türkisfarbenes Kästchen geschnallt; zwei breite Gurte schnüren meinen gesamten Brustkorb ein. In dem Kästchen steckt eine Art „Minicomputer“, der soll in den kommenden Stunden unzählige Daten über meinen Schlaf sammeln. „Polysomnografie“ nennt man das – hat mir Dr. Maximilian Bauer, der Leiter des Schlaflabors, erklärt.

Was das bedeutet, bekomme ich pro Atemzug deutlich zu spüren. Die Gurte schnüren mich beim Luftholen noch stärker ein als ohnehin. Denn nur wenn sie sich dehnen, können die darin enthaltenen Sensoren messen, wie schnell und wie tief ich atme. Die Kabel geben diese Info als elektrisches Signal an den „Schlafcomputer“ weiter – an das türkisfarbene Kästchen. Dr. Bauer wird mir später sagen können, dass ich beim Aufwachen ungewöhnlich schnell atme.

Unter Beobachtung: Eine Infrarot-Kamera nimmt auf, wie sich Patienten im Bett verhalten – hier: Andrea Eppner.
Unter Beobachtung: Eine Infrarot-Kamera nimmt auf, wie sich Patienten im Bett verhalten – hier: Andrea Eppner. © Klaus Haag

Aber bevor ich aufwache, müsste ich erst mal einschlafen. Vielleicht klappt es ja, wenn ich mich auf die rechte Seite drehe. Gedacht, getan. Bequemer wird es leider nicht. Jetzt kneift es in meiner Nase; vorher, auf dem Rücken, drückte es am Hinterkopf. Den Schlaf erzwingen kann ich nicht – sollte ich gar nicht erst versuchen, hatte mir Dr. Bauer geraten: An Schlaf zu denken, sei das sicherste Mittel, ihn zu vertreiben. Sein Tipp: sich das Gegenteil vornehmen. „Ich darf nicht schlafen“, sage ich mir immer wieder vor. Der Selbstbetrug funktioniert nicht. Sehr ärgerlich. Irgendwann ist mir der Schlaf dann doch gnädig – nach gut 40 Minuten, wie ich am Morgen erfahren werde. Ich würde es eher eine gefühlte Ewigkeit nennen. Kurz darauf passiert jedenfalls etwas „eher Untypisches“, sagen sie mir später: Ich wache auf – mitten aus dem Tiefschlaf. Vielleicht ist die Blase schuld, ich muss nämlich zur Toilette. Ein Glück, dass die Apparatur so fest an meinem Körper fixiert ist, dass ich mitsamt Kabeln und Gurten aufstehen kann.

Zurück im Bett beginnt der Kampf von vorn. Diesmal werden zwei Stunden vergehen, ehe mein Bewusstsein wieder Feierabend macht. Als ich die Augen erneut aufschlage, ist es sechs Uhr morgens. Ich habe knapp fünf Stunden geschlafen, ohne Unterbrechung! Denke ich zumindest. Doch das kleine türkisfarbene Kästchen und die Infrarotkamera in meinem Zimmer wissen es besser: Ich bin 32 Mal aufgewacht! Mitbekommen habe ich davon exakt einmal – als ich aufs Klo musste.

Geträumt habe ich übrigens auch, allerdings nur zweimal, und beide Male ganz kurz, insgesamt 23 Minuten. Typisch sind vier bis fünf Mal, werde ich später erfahren. Was ich in meinen Träumen erlebt habe? Keine Ahnung, ich erinnere mich nicht. Und: Das wird auch für immer ein Geheimnis bleiben. Träume lassen sich nicht mal mittels dieser Totalüberwachung entschlüsseln.

Ich stehe nun also auf – und will das Zeug an meinem Körper endlich loswerden. Dabei hilft mir eine Mitarbeiterin des Schlaflabors. Die Elektroden auf meinem Kopf sind besonders hartnäckig: Sie kleben fest in meinen Haaren, lassen sich nur mit Wasser und viel Shampoo lösen. Nach rund einer Stunde bin ich fertig. Frisch geduscht will ich nur noch eines wissen: Wie ist mein Schlaf?

Dr. Bauer kennt die Antwort. Er führt mich in einen Raum, in dem mehrere Monitore stehen. Auf einem wurde ein Video von meinem Schlaf aufgezeichnet, nun ist dort ein Gewirr aus farbigen Linien, Kurven und Zacken zu erkennen. Sie zeigen, was Elektroden und Messfühler über mich herausgefunden haben: mein Schlafprofil. Dr. Bauer spricht fachmännisch von einem „Hypnogramm“.

Vorweg: Ein „Bilderbuchschlaf“ sieht anders aus. Ich schlucke. Nur zwei Drittel der Nacht habe ich geschlafen, genauer: 287 Minuten, davon 90 im Tiefschlaf. Zudem bin ich zu spät eingeschlafen, dafür umso öfter aufgewacht: wie erwähnt 32 Mal. Ich kann es nicht glauben! Schwacher Trost: 20 Mal aufzuwachen sei normal, erklärt mir Dr. Bauer. Dummerweise ist aber mein Blutdruck im Schlaf kaum gesunken. Das sollte ich abklären lassen, rät Dr. Bauer. Ich nehme mir vor, einen Termin beim Hausarzt auszumachen. Und ich frage mich: Habe ich etwa doch ernsthafte Schlafprobleme? Von denen ich nicht mal was ahnte? So wild sei es nicht, beruhigt mich Dr. Bauer. Die Nacht im Schlaflabor sei ja zunächst eine Momentaufnahme. Und: Er hat noch eine gute Nachricht! Ich habe nicht geschnarcht. Das täten nämlich die meisten hier.

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