Medikamente gegen den Schmerz: Palliativmediziner Dr. Hans Pohlmann hantiert vor dem Krankenbett einer Krebspatienten an einer Infusionsflasche. Die Arzneien werden heute aber meist per Schmerzpumpe verabreicht.
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Medikamente gegen den Schmerz: Palliativmediziner Dr. Hans Pohlmann hantiert vor dem Krankenbett einer Krebspatienten an einer Infusionsflasche. Die Arzneien werden heute aber meist per Schmerzpumpe verabreicht.

Hilfe für Krebskranke

„Noch ein Weilchen schmerzfrei leben“

Für manche Krebskranke sind sie ein ständiger Begleiter: Starke Schmerzen, ausgelöst vom Tumor, von Metastasen oder auch als Nebenwirkung von Therapien.

Dann sollten Betroffene Hilfe suchen, statt sich in falscher Tapferkeit zu üben, raten Experten.

Es ist noch nicht lange her, da hatte Maria Reinhart (Name geändert) alles im Griff: Die heute 80-Jährige kümmerte sich selbst um ihren Haushalt, war voller Energie und auch so etwas wie das Oberhaupt der Familie, wie ihre Tochter erzählt. Bis zum Sommer vergangenen Jahres, als sie heftige Rückenschmerzen bekam. Sie ging zum Arzt, schluckte Medikamente, probierte es mit Massagen. So, wie man ihr das geraten hatte.

Doch der Schmerz ließ sich nicht vertreiben. Vier lange Monate kämpfte Maria Reinhart vergeblich dagegen. Eine Muskelentzündung sei die Ursache, hieß es einmal. Woher die Schmerzen wirklich kamen, konnte sie nicht ahnen. Auch nicht, dass sie erst der Anfang eines langen Leidens sein würden.

Zwei Tabletten mit dem Wirkstoff Diclofenac täglich habe ihre Mutter zuletzt geschluckt, erzählt ihre Tochter. Das ist ein Medikament, das oft bei Schmerzen an Knochen und Gelenken eingesetzt wird, bei längerer Anwendung aber Magen und Nieren angreift. Bei Maria Reinhart führte die hohe Dosis zu Herzflattern. Da wurde ihr klar: So konnte das nicht weitergehen. Sie drängte auf eine Kernspintomografie, um der Ursache auf den Grund zu gehen.

„Bis zu 90 Prozent der Krebspatienten bekommen wir schmerzfrei“, sagt Dr. Hans Pohlmann

Und tatsächlich, damit wurde der Auslöser der heftigen Schmerzen entdeckt: Ein Lendenwirbel war stark angegriffen. Dass Metastasen, also Absiedlungen eines Tumors, die Ursache waren, erfuhr Maria Reinhart erst nach einer Operation im Klinikum Harlaching. Dabei wurde die Wirbelsäule stabilisiert, die Schmerzen ließen nach. „Das haben die Ärzte richtig gut gemacht“, lobt Maria Reinhart. Auch ihre Tochter erzählt, dass ihre Mutter nach der Operation wieder ganz zuversichtlich gewesen sei – obwohl diese eine bittere Erkenntnis gebracht hatte. In der Gewebeprobe, die dabei genommen wurde, fanden sich Krebszellen. Sie stammten von einem Tumor in der Lunge, der bereits im Körper gestreut hatte. Es war also eine Knochenmetastase, die den Wirbel fast zerstört hatte. Maria Reinhart litt an Krebs, die Erkrankung war bereits fortgeschritten. Später würden die Ärzte auch in der Brustwirbelsäule und im Gehirn Metastasen finden.

Zunächst aber war sie froh, weniger Schmerzen zu haben. Bald folgte eine Strahlentherapie, insgesamt 36 Einheiten. Maria Reinhart wusste, dass diese den Krebs nicht mehr würden heilen können. Doch könnte sie ihr vielleicht noch etwas mehr Lebenszeit schenken. Sie wollte es auf jeden Fall versuchen. Auch eine Chemotherapie, die danach folgen sollte. Die aber musste sie schon kurz nach Therapiebeginn abbrechen. „Sie hat die Chemo sehr schlecht vertragen, ist sogar zuhause umgekippt“, erzählt ihre Tochter. Seit sie am Kopf bestrahlt wurde, hört Maria Reinhart zudem nicht mehr gut.

Auch ihr Kampf gegen den Schmerz ging weiter – so wie bei vielen Krebspatienten, deren Erkrankung weit fortgeschritten ist. Bei den meisten lassen sich die Beschwerden gut in den Griff bekommen. „80 bis 90 Prozent der Patienten bekommen wir schmerzfrei“, sagt Dr. Hans Pohlmann. Er ist Oberarzt für Onkologie und Palliativmedizin am Klinikum Harlaching.

Die Schmerztherapie ist eine zentrale Aufgabe der Palliativmedizin. Letztere nimmt sich der Patienten an, für die es keine Heilung mehr gibt. Doch sind ihnen oft noch Monate oder sogar ein paar Jahre vergönnt. Diese Zeit sollen sie noch so gut wie möglich leben dürfen. Dazu versuchen Palliativmediziner nicht nur, Schmerzen, sondern auch andere Symptome zu lindern und stehen den Patienten auch bei seelischen Krisen zur Seite. In Palliativstationen versuchen Ärzte, Pflegende und andere Therapeuten dann, sie so weit zu stabilisieren, dass sie möglichst wieder nach Hause können, wo sie oft von ambulanten Palliativteams betreut werden.

Auch Maria Reinhart wurde zwei Wochen lang in der Palliativstation des Harlachinger Klinikums betreut – um die Schmerzen besser einzustellen. Denn sie gehört zu den wenigen Krebspatienten, bei denen sich diese nur äußerst schwer kontrollieren lassen. „Frau Reinhart leidet an Bewegungs- und Nervenschmerzen“, erklärt Pohlmann. Die Kombination mache die Therapie schwierig.

Dabei hatte sich ihre Tochter zuhause alle Mühe gegeben, die Mutter zu unterstützen. So hatte sie sich etwa an die Bayerische Krebsgesellschaft gewandt (www.bayerische-krebsgesellschaft.de) – und dort den Rat bekommen, ein Schmerztagebuch zu führen. Darin sollte sie die Intensität des Schmerzes auf einer Skala von null bis zehn eintragen und wie sich diese im Laufe des Tages verändert. „Wenn ich in der Früh anrief und danach fragte, antwortete meine Mutter meist ,acht‘“, erzählt die Tochter. Dann schluckte Maria Reinhart Tramadol, ein schwaches Opioid, das bei mittelstarken Tumorschmerzen eingesetzt wird. „Es hat etwa ein Zehntel der Wirksamkeit von Morphin“, erklärt Pohlmann. Das Mittel konnte den Schmerz bei Maria Reinhart nur wenig lindern: Fragte die Tochter mittags noch mal nach der Stärke der Schmerzen, antwortete ihre Mutter meist: „Jetzt liegt sie etwa bei sechs.“

Erst von den Harlachinger Ärzten lernte sie, dass sich die Beschwerden besser kontrollieren lassen, wenn sie die Medikamente regelmäßig einnimmt – nicht erst, wenn die Schmerzen unerträglich werden. „Patienten, aber auch Ärzte neigen hier zum Sparen“, sagt Pohlmann. Die Angst vor Nebenwirkungen, sitzt tief. Viele fürchten auch, dass die Mittel irgendwann nicht mehr helfen. Dabei sei diese Angst unbegründet, sagt Pohlmann. „Auch meine Mutter war immer so tapfer, wollte alles ertragen“, erzählt die Tochter. „Sie musste lernen, dass es die Sache nicht besser macht, wenn sie weniger nimmt.“ Maria Reinhart nickt.

Die Zeit auf der Palliativstation sollte nicht der einzige Aufenthalt in der Klinik bleiben. Mehrmals war Maria Reinhart in Harlaching, im März wegen einer Lungenembolie. Jetzt ist sie wieder dort, weil ihre Beschwerden erneut außer Kontrolle geraten waren. Auch, weil sie die vielen Tabletten nicht mehr schlucken konnte, Übelkeit quälte sie. „Damit ist es jetzt besser“, sagt Maria Reinhart und zeigt auf das Schmerzpflaster auf ihrem Rücken. Durch dieses dringt langsam, aber stetig ein schmerzlindernder Wirkstoff, das Opioid Fentanyl, in den Körper. So muss sie nur Tabletten schlucken, wenn die Wirkung nicht reicht. „Wenn es ein bisschen besser ist, bin ich schon zufrieden“, sagt sie. „Mein Ziel ist es, schmerzfrei zu sein – und noch ein Weilchen zu leben.“

Andrea Eppner

Experte

Dr. Hans Pohlmann ist Oberarzt in der Klinik für Hämatologie, Onkologie und Palliativmedizin des Städtischen Klinikums München in Harlaching.

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