+
Der Opa unserer Autorin hat auch im Alter einen ungebrochenen Freiheitsdrang - zum Spazierengehen.

Ein Protokoll

Wie uns das Alter die Freiheit nimmt

Der demente Opa unserer Autorin ist vom Spazierengehen nicht abzuhalten. Dabei darf er das Pflegeheim nicht verlassen – zu gefährlich. Der Staat löst das Problem mit Freiheitsentzug.

Ein kleiner Heinkel-Roller. Städter würden ihn heute vielleicht fahren, um schneller durch den Verkehr zu kommen. Für meinen Opa war der Heinkel-Roller Reiseführer, Horizonterweiterer, Freiheitskämpfer. Auf ihn packte er meine Oma. Aus dem Rheinland an den Chiemsee, rund 600 Kilometer. Kein Problem. Dass meine Oma und mein Opa später heiraten würden, war zu hoffen. Sicher konnte sich da allerdings niemand sein. 1950er Jahre, meine Urgroßeltern mussten einiges Getratsche über sich ergehen lassen. Was die Nachbarn dachten? Das interessierte meinen Opa nicht. Heute mit 81 Jahren hat mein Opa immer noch seinen eigenen Kopf. Um halb zehn aufstehen? Rollo runter! Jacke anziehen? Ist doch nicht kalt! Zum Zahnarzt? Och, nicht heute!

Mein Opa macht eben, was er will. Das mit dem Heinkel-Roller ist lange her. Meine Oma ist gestorben, und den Roller gibt es auch nicht mehr. Heute geht mein Opa spazieren. Das ist sein Ding. Die Hände auf dem Rücken, gemächlicher Schlendergang, den Kopf mal nach links, mal nach rechts gedreht, damit ihm ja nichts entgeht. Sein Ding, das Spazierengehen, ist sein Problem. Seine letzte Runde durchs Dorf endet im Steifenwagen. Die Polizei bringt ihn zurück ins Pflegeheim. Mein Opa ist dement.

"Das Heim kann nicht immer aufpassen"

Er ist vom Spazierengehen nicht abzuhalten. Er weiß, dass er das nicht soll. Natürlich tut er es trotzdem. Er schlendert den Gang in seinem Pflegeheim entlang, schaut durch die Gegend, redet mit anderen Bewohnern. Irgendwann hat er genug davon und will mehr. Raus auf den Parkplatz, die Straße, dahin, wo was los ist. Wo er weiter gehen kann. Die Tür im Pflegeheim geht von innen nur dann auf, wenn man einen Knopf rechts daneben drückt. Das hatte Opa am ersten Tag raus.

Erinnerungsstütze: In einer Mappe findet der Opa Daten und Ereignisse, nach denen er regelmäßig fragt.

Meine Mutter, meine Schwester und ich haben ihn vor einem Jahr ins Pflegeheim gebracht. In seiner Wohnung kam er nicht mehr klar. Er irrte nachts umher, wusste nicht, wo er war, und ist gestürzt. Also Pflegeheim. Es gibt nur ein Doppelzimmer, 20 Quadratmeter, möbliert. Bett, Schrank, Stuhl, Nachttisch. Anfangs denkt er, er ist in einer Art Krankenhaus. Irgendwann hat er nur noch eine vage Erinnerung an seine alte Wohnung. Hin und wieder fragt er verunsichert, wie lange er hier denn noch bleiben dürfe. Doch dann fühlt er sich richtig wohl. „Hier herrscht immer Jubel, Trubel, Heiterkeit“, sagt er.

Die vom Pflegeheim meinen, wir sollen lieber gar nicht erst mit ihm spazieren gehen, damit er nicht auf die Idee kommt, zur Straße zu gehen. Es gibt einen Garten, in den darf er, wann er will. Dort sitzt er den ganzen Tag auf einem Gartenstuhl, braun gebrannt, als komme er gerade aus dem Ägypten-Urlaub. Jemand, der vormittags und nachmittags eine Runde durchs Dorf spaziert, seit er in Rente ist, versteht eben nicht, warum er jetzt nur noch durch den Garten gehen soll.

Wie oft er das Pflegeheim verlässt, weiß ich nicht. Er hat kaum eine Chance, den Weg heim alleine zu finden. Einmal bringt ihn eine Nachbarin zurück. Oder Angestellte sammeln ihn auf ihrem Arbeitsweg ein, wenn ihn nicht schon jemand auf dem Parkplatz aufhält. Sie können nicht immer aufpassen, ob er rausläuft, sagen die vom Pflegeheim. Meine Mutter unterschreibt eine Erklärung, das Pflegeheim nicht haftbar zu machen, wenn das mit seinen Alleingängen schiefgeht. Wohl ist ihnen nicht dabei.

Ein Taktikwechsel ist angesagt. Statt zu versuchen, meinen Opa vom Spazierengehen abzuhalten, soll er seinen „Bewegungsdrang“, wie die Pfleger es nennen, ausleben können. Er dreht jetzt dreimal die Woche eine Runde mit einer bezahlten Betreuerin. Opa wundert sich etwas darüber. „Die hat doch einen Mann daheim“, sagt er. Opa geht trotzdem mit ihr – er ist stets höflich. „Ihr Mann geht wohl nicht gerne“, erklärt er.

Polizei holt den Opa ab

Der Taktikwechsel bringt nicht den erhofften Erfolg. An einem Spaziergehtag mit der Frau, die einen Ehemann daheim hat, verlässt mein Opa nach dem Abendessen das Pflegeheim. Mit „nur leichter Bekleidung“, was das Pflegeheim im Februar beunruhigt. Vergessen hat mein Opa seine Jacke sicher nicht. Er kann das Teil einfach nicht leiden. Ihn stören die langen Ärmel und der Kragen, der ihm die Haare im Nacken anhebt. Jedenfalls ist es diese „leichte Bekleidung“, die eine Geschäftsfrau im Dorf stutzig macht. Sie ruft die Polizei. Die Beamten begleiten meinen Opa zurück ins Pflegeheim, das nicht gemerkt hatte, dass er weg war.

Meinen Opa zu bitten, nicht alleine rauszugehen, hat nichts gebracht. Jetzt darf er nicht mehr entscheiden. Er muss in eine Einrichtung, in der sich die Tür nach draußen nicht auf Knopfdruck öffnen lässt. Wer raus will, braucht einen Schlüssel. „Wir können seine Sicherheit nicht mehr gewährleisten“, begründet das Pflegeheim die Entscheidung. Sicherheit. Versicherung. Haftung. Darum geht es.

Ich bin froh, dass jemand auf meinen Opa aufpasst. Er alleine kann es einfach nicht mehr. Und doch frage ich mich, warum er mit seinen 81 Jahren nicht so leben darf, wie er will. Er wird in Watte gepackt, damit er noch viele Jahre lebt. Wie viel Leben in den Tagen steckt? Darauf kommt es nicht an.

Essen, in der Sonne sitzen, Bier trinken, spazieren gehen. Mein Opa hat nicht viele Lieblingsbeschäftigungen. Um ihm eine davon zu nehmen, braucht es einen Richter. Er entscheidet nach einer gutachterlichen Untersuchung. Sein Protokoll: „Er wisse, dass er sich nur im Garten aufhalten dürfe. Eigentlich habe er einen höheren Bedarf an Bewegungsfreiheit. Aber als er eingezogen sei, habe er einfach Ja zu dem Tarif gesagt. Es komme vor, dass er den Garten verlassen wolle. Aber er wisse nicht, wohin er nicht gehen dürfe und entscheide sich dazu, loszugehen.“

Der Richter genehmigt die freiheitsentziehende Maßnahme. Mein Opa „ist außerhalb einer Einrichtung auf sich allein gestellt, orientierungslos und vollkommen hilflos. Zu einer sicheren, vorausschauenden Teilnahme am Straßenverkehr ist er nicht mehr in der Lage“, urteilt er.

Allein. Ohne Orientierung. Hilflos.

Mein Opa muss umziehen. In eine „beschützende Einrichtung“ - so heißt es korrekt. Das klingt auch besser als die „Station“, auf der Demenzpatienten eingesperrt werden. Die nächste ist zehn Kilometer entfernt. Damit hat Opa noch Glück, im Landkreis gibt es nur zwei davon. Wenig Platz - dafür, dass immer mehr Menschen im Alter an Demenz erkranken.

Am großen Tag sitzt mein Opa noch im Schlafanzug vor seinem Marmeladenbrot. Er wirkt ziemlich zerstreut mit seinen zerzausten Haaren. „Mir geht’s gar nicht gut. Ich kann nicht mit“, sagt er. Ein Pfleger hatte ihm gesagt, dass ich mit ihm zum Arzt fahren will. Keine gute Idee. Vor Arztbesuchen ist meinem Opa immer so schlecht geworden, dass meine Oma den Termin absagen musste. Dagegen wirkt ein Umzug wie ein Klacks. Im neuen Zimmer will er die Balkontür aufmachen. Sie lässt sich nur kippen. „Ist wohl kaputt“, sage ich. Dass er hier nicht mehr raus kann, bringe ich nicht über die Lippen.

Inzwischen wohnt mein Opa über zwei Monate „beschützt“. Das Thema Spazierengehen hat sich am ersten Abend erledigt. Opa ist in seinem Zimmer gestürzt. Operation an der Hüfte, im Bett liegen, ein paar Schritte mit der Krankengymnastin gehen. Heute braucht er keinen Rollstuhl mehr. Er taumelt, tapst, schlurft mit seinen Sandalen über die Station. Am Ende des Gangs muss er sich setzen. Eine Runde durchs Dorf? Undenkbar. Er sitzt den ganzen Tag im Speisesaal. Schaut aus dem Fenster. Es gibt auch Therapeuten, die mit den Bewohnern singen, spielen oder Gedächtnistraining anbieten. Den Ausgang des Pflegeheims erkundet mein Opa nicht mehr. Trotzdem ist er immer draußen – in seinem Kopf. Neulich hat er mich gefragt, ob ich ihn zur Wirtschaft fahren kann. Er habe seinen Heinkel-Roller dort stehen lassen.

Die Autorin hätte ihren Opa gerne im Streifenwagen gesehen. Er hat sicher gefragt, ob man das Blaulicht anschalten kann.

Susanne Weiß, 25, Volontärin beim Tölzer Kurier

Freiweh: Eine Volontärs-Beilage

Dieser Artikel ist ein Teil der Beilage zum Thema Freiheit, die von Volontären des Münchner Merkur und der tz erstellt wurde. Sie haben sich mit der Sache auseinandergesetzt, die jeder will aber kaum einer hat und in unserer Zeit doch selbstverständlich sein sollte. Hier geht es zu einer Übersicht zu allen Artikeln der Beilage.

Mehr zum Thema

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

So beeinflusst das Atmen unser Gehirn

Bei Yoga und Meditation spielen bestimmte Atemtechniken eine entscheidende Rolle. Bewusst ein- und auszuatmen, entspannt. Welchen Effekt das Atmen tatsächlich auf unser …
So beeinflusst das Atmen unser Gehirn

Bindehautentzündung: Das können die Ursachen sein

Das Auge ist gerötet, verklebt und schmerzt. Die Diagnose lautet dann oft Bindehautentzündung. Das klingt harmlos. Doch Bakterien, Pilze oder Viren können das Auge …
Bindehautentzündung: Das können die Ursachen sein

Lacrima: Neues Johanniter-Zentrum für trauernde Kinder

Eine Heimat für trauernde Kinder haben die Johanniter in der Perlacher Straße 21 in Obergiesing geschaffen. Im Trauerzentrum Lacrima werden Kinder und Familien auf über …
Lacrima: Neues Johanniter-Zentrum für trauernde Kinder

Fetten Haare durch häufiges Waschen schneller?

Viele Shampoos werben mit dem Zusatz: "Für die tägliche Haarwäsche geeignet". Doch ist ein derart häufiges Reinigen der Kopfhaut überhaupt gut? Es kommt auf die Art des …
Fetten Haare durch häufiges Waschen schneller?

Kommentare