Tinnitus-Experte, HNO-Arzt Dr. Thomas Braun
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Wenn es im Ohr pfeift, findet HNO-Arzt Dr. Thomas Braun bei der Untersuchung in den meisten Fällen eine Hörstörung als Auslöser.

Ein Patient berichtet

Tinnitus: Auf der Flucht vor dem Lärm im Ohr

Es summt und klingelt, rauscht und saust: Fast jeder kennt solche Ohrgeräusche. Meist verschwindet ein Tinnitus von selbst wieder. Nicht so bei Günther S., 65.

Nach einem Hörsturz kämpft er gegen den Lärm im Inneren. Vor allem nachts, da hält es Günther S. (Name geändert) oft kaum mehr aus. „Es ist, als würde mein Kopf platzen“, sagt er. Dann muss er aufstehen, um wieder Ruhe zu finden. Bei jedem Herzschlag dröhnt es. Das Getöse scheint vor allem im linken Ohr zu sitzen – obwohl Günther S. dort kaum etwas hört. Denn das Geräusch, das ihn quält, Tag und Nacht, kommt nicht von außen. Es entsteht in Günther S. selbst. Der 65-Jährige leidet an Tinnitus, einem krankhaften Ohrgeräusch.

Erst Hörsturz, dann kam der Tinnitus

Im Juni vergangenen Jahres war mit Günther S.‘ Gehör noch alles in Ordnung. Er ging eine Straße entlang, links eine hohe Mauer, rechts brauste der Verkehr. Direkt neben ihm heulte die Sirene eines Rettungswagens los. „Danach sausten mir die Ohren“, erzählt er. Als er später am Steuer seines Autos saß, hörte er plötzlich den Motor nicht mehr. Zu Hause klingelte das Telefon. Günther S. hielt den Hörer an sein Ohr: „Hallo? Jemand da?“ Der Anrufer sprach bereits. „Doch ich habe nichts gehört“, sagt er.

Günther S. dachte zunächst an einen Pfropf im Ohr. Schon einmal hatte ein Arzt ihm verhärtetes Ohrenschmalz aus dem Gehörgang entfernt. Es kann diesen vollständig verstopfen und so zu Hörproblemen führen. Doch der HNO-Arzt stellte fest: Das Ohr war frei. Er machte ein Audiogramm, prüfte also, wie gut Günther S. hört. Die Diagnose lautete: Hörsturz. Auf dem linken Ohr hatte er mehr als zwei Drittel seiner Hörfähigkeit eingebüßt. Rechts war der Hörverlust geringer.

Hörverlust kann unterschiedliche Ursachen haben

„Das ist eher untypisch“, sagt Dr. Thomas Braun, HNO-Arzt im Klinikum Großhadern, bei dem Günther S. seit einiger Zeit in Behandlung ist. Fast immer tritt der Hörverlust beim Hörsturz nämlich einseitig auf. Zudem immer plötzlich. Viele Patienten kämen sogar nachts in die Ambulanz der Klinik, erzählt Braun. Sie sind dann erstmal überrascht, wenn der Arzt sie nur aufklärt und beruhigt. Denn kommen keine weiteren Beschwerden wie Schmerzen, Lähmungen oder Schwindel hinzu, ist ein Hörsturz kein Notfall.

Früher erhielten die Patienten standardmäßig Infusionen mit Kortison sowie Medikamenten, die die Durchblutung des Innenohrs fördern sollen. Doch Studien lieferten keinen Beleg, dass sich das Gehör so bei allen Patienten deutlich besser erholt. „Man kann es versuchen“, sagt Braun. Doch keinesfalls müsse man sich Vorwürfe machen, wenn man nach einem Hörverlust nicht sofort zum Arzt gegangen ist, um behandelt zu werden. Oft heilt ein Hörsturz spontan aus. Man kann mit der Therapie daher durchaus ein bis zwei Tage warten.

Keine erkennbare Ursache bei Hörsturz

Ein plötzlicher Hörverlust kann dabei verschiedene Ursachen haben. So kann etwa ein lauter Knall zu einem Trauma im Ohr führen. Die Sirene eines Rettungswagens ist dazu aber nicht laut genug. Bei einem Hörsturz findet sich dagegen keine erkennbare Ursache. Mediziner vermuten, dass es im Innenohr zu Durchblutungsstörungen oder Entzündungen kommt. Doch erwiesen ist das nicht. Meist kehrt das Gehör zudem von selbst wieder zurück, zumindest größtenteils.

Das passierte auch bei Günther S.‘ rechtem Ohr. „Nach zwei Wochen hörte ich wieder ganz normal“, sagt er. Doch nicht auf dem linken. Im Klinikum Großhadern erhielt er schließlich drei Tage lang stationär Kortison-Infusionen. Auf die Gabe von Medikamenten, die die Durchblutung fördern, verzichteten die Ärzte allerdings: Günther S.‘ Blutdruck war zu hoch. Eine Therapie hätte mehr schaden können als nützen.

Tinnitus: Die Töne entstehen im Gehirn

Fast gleichzeitig mit dem Hörverlust stellte sich ein zweites Problem ein: Günther S. vernahm Töne, die nur er hören konnte. „Es war, als würde ich unter den Niagarafällen stehen“, beschreibt er. Zudem wechselte das Ohrgeräusch ständig. Mal rauschte es, mal fiepste es. Günther S. erging es wie vielen Patienten nach einem Hörsturz. Er litt unter einem Tinnitus. „Die Töne entstehen im Gehirn“, sagt Braun. Dort kommt es zu einer Fehlverarbeitung. Ähnlich wie bei einem Phantomschmerz kann es quasi zu Phantomtönen kommen.

Doch bald sollte sich Günther S. das Rauschen zurückwünschen. Der Tinnitus klang ab, um in verwandelter Form zurückzukehren. Auf einmal schreckten den Rentner grässliche Töne aus dem Schlaf. Er wachte auf, hörte sein Herz pochen – und mit jedem Schlag ein Dröhnen in seinem Schädel. Seither verfolgt es ihn Nacht für Nacht, lässt ihn auch tagsüber nicht in Ruhe. Wenn er geht oder auch nur seinen Kopf bewegt, ist es da – und macht ihn schier wahnsinnig. „Ich kann kaum mehr schlafen, kaum mehr irgendwas tun“, sagt er. Auch seine Lebenspartnerin leidet. „Die nimmt das fast noch mehr mit als mich“, erzählt Günther S.

Bei vielen Tinnitus-Patienten finden Mediziner keine Ursache

In der Klinik suchte Braun zunächst nach körperlichen Ursachen. Selten kann auch ein Tumor am Hörnerv oder an einem Blutgefäß solche Beschwerden auslösen. Eine Magnetresonanz-Tomografie zeigte schließlich tatsächlich eine Geschwulst, allerdings in der rechten Ohrspeicheldrüse. „Die war gutartig und hatte mit den Problemen nichts zu tun“, sagt Braun. Doch beunruhigte dies Günther S. nur noch mehr.

Der Rentner las viel im Internet. Schließlich musste das Geräusch ja irgendwoher kommen. „Ich kenne inzwischen jede Ohrenkrankheit“, sagt er. Er vermutete einen Riss in einer Membran des Innenohrs. Flüssigkeit kann so austreten – das Gehör verschlechtert sich. Doch auch das war es nicht. Wie bei vielen Tinnitus-Patienten fand sich keine Ursache.

Behandlung und Therapie bei Tinnitus

Braun riet zu Physiotherapie. „Manche glauben, dass der Tinnitus auch von der Halswirbelsäule kommen kann.“ Doch auch das brachte nichts. Auf einen weiteren Vorschlag reagierte Günther S. erst mal skeptisch: eine Verhaltenstherapie. Da die Töne im Gehirn entstehen, kann man dieses quasi umerziehen, damit es ihnen nicht mehr lauscht. Denn wer sich auf die Töne fixiert, den machen sie am Ende wirklich verrückt. Wer psychisch belastet ist, nimmt den Tinnitus zudem stärker wahr. Das führt zu mehr Stress und verstärkt wiederum die Ohrgeräusche – ein Teufelskreis. Doch das Gehirn ist flexibel. „Atmen, Schlucken – einige Körpergeräusche sind sehr laut“, sagt Braun. Dennoch nehmen wir sie nicht bewusst wahr. Das will die Verhaltenstherapie auch beim Tinnitus erreichen.

Günther S. wollte es schließlich versuchen. Schon das erste Gespräch beim Therapeuten war ein Erfolg. „Ich hatte das Gefühl: Die kriegen das hin!“, sagt er. Endlich hat er wieder Zuversicht – und wünscht sich, dass er schon früher auf Brauns Rat gehört hätte. Er will lernen, den Lärm aus seinem Inneren zu beherrschen – und sich nie wieder von ihm beherrschen lassen.

Der Tinnitus-Experte

Dr. Thomas Braun von der Klinik für Hals-, Nasen- und Ohrenheilkunde in Großhadern, Klinikum der Universität München.

Von Sonja Gibis

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