Richtig tasten: In der Traditionellen Tibetischen Medizin kommt eine spezielle Technik der Pulsdiagnose zum Einsatz.
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Richtig tasten: In der Traditionellen Tibetischen Medizin kommt eine spezielle Technik der Pulsdiagnose zum Einsatz.

Wind, Galle & Schleim

Traditionelle Tibetische Medizin - was ist das? 

Die Traditionelle Tibetische Medizin soll bei chronischen und psychosomatischen Erkrankungen helfen - aber auch bei Erkältungen. Wissenschaftlich haltbare Beweise für die Wirksamkeit fehlen bislang.

Es gibt einen Pulsschlag, der lässt sich wegdrücken. Und es gibt einen Puls, der lässt sich nicht verdrängen. „Er bäumt sich dann auf wie ein Pferd“, erklärt die Heilpraktikerin Anna Grütte. Mancher Puls sei gar kein Schlag, sondern er schwebe. Was sich für viele schräg anhört, ist für Menschen, die sich mit Traditioneller Tibetischer Medizin auskennen, völlig logisch.

Nach der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) wird nun die Traditionelle Tibetische Medizin (TTM) entdeckt. „Die TTM ist rund 3000 Jahre alt und hat gemeinsame Ansätze mit der TCM sowie dem indischen Ayurveda“, erklärt Grütte, die Erste Vorsitzende der Akademie für Traditionelle Tibetische Medizin in Heidelberg ist.

„Die TTM ist kein spirituelles, sondern ein medizinisches System, das man in Tibet an Universitäten studiert“, erläutert sie. Es hat einen ganzheitlichen Ansatz: das heißt, es wird nicht nur ein Symptom wie Husten behandelt, sondern der Mensch als Ganzes gesehen. Grundlage ist die Konstitutionslehre gemäß der drei Körperenergien Wind (tibetisch Lung), Galle (Tripa) und Schleim (Päken).

Frank Ludwig ist Allgemeinmediziner, ausgebildet in der TTM und wendet diese in seiner Praxis in Berlin an. Er erklärt grob die Konstitutionstypen: Der Schleimtyp neige zu Übergewicht, sei eher ein ruhiger und langsamer Geselle. Der Windtyp ist schlank, sehr aufmerksam, nervös und unruhig, außerdem kreativ. Sehr zielorientiert, angespannt und athletisch zeigt sich der Galletyp.

Die TTM ist der Auffassung, dass jeder Mensch von Geburt an die drei Energien in sich hat, dass sie in einem individuellen Verhältnis stehen - aber eine Energie meist stärker ausgeprägt ist. Der Mensch hat also konstitutionelle Stärken und Schwächen. Kommt diese individuelle Zusammenstellung aus dem Lot, entstehen Krankheiten.

Ursache für ein Ungleichgewicht soll ein Mangel oder ein Übermaß einer Energie sein. „Eine Störung kann zum Beispiel auftreten durch einen falschen Lebenswandel wie Stress oder eine Ernährung, die nicht dem eigenen Typ entspricht“, sagt Grütte. Den findet der TTM-Kundige beim Gespräch mit dem Patienten heraus, den er zum Beispiel nach Gewohnheiten, Lebensumständen und Ernährung befragt.

Dann kommt die Pulsdiagnose: Der Mediziner tastet an bestimmte Stellen des linken und des rechten Armes den Puls. „Es braucht Jahre, um den Puls differenzieren zu können und sehr viel Erfahrung, um ihn lesen zu können“, erklärt Amendt. Die Pulsqualität an verschiedenen Stellen soll Aufschluss über den Zustand der Organe und über Störungen der Energien geben. Anamnese sowie Pulsdiagnose sollen dem Mediziner eine exakte Diagnose und die Behandlung ermöglichen. Auch dabei stehen Lebenswandel und Ernährung im Mittelpunkt.

Äußerliche Anwendungen kennt die TTM ebenfalls, etwa spezielle Formen des Schröpfens oder Massagen. Darüber hinaus werden Kräutermischungen, zu Pillen gedreht, empfohlen. Sie sollten nie ohne Absprache mit einem TTM-Kundigen eingenommen werden. Denn auch vermeintlich harmlose Kräuter haben eine pharmakologische Wirkung.

„Es wird argumentiert, dass solche Verfahren schon seit Jahrhunderten funktionieren“, sagt Prof. Gerd Antes, Direktor des Deutschen Cochrane Zentrums in Freiburg. Er bezweifelt, dass die Verfahren etwas bewirken. „Es gibt nicht einen wissenschaftlichen Beweis dafür.“

Bei einigen Menschen mögen einzelne Therapieansätze helfen - und schon sei die Aufmerksamkeit groß. „Es hat bei 2 Menschen geklappt“, sagt Antes. „Und 98 Mal bleibt die Behandlung ohne Wirkung, aber das wird nicht bekannt.“ Evidenzbasierte Studien fehlen, das räumt auch Allgemeinmediziner Ludwig ein.

Von Alexandra Bülow, dpa

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