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Nach der Operation: Patientin Bianca Flössel (30) ist das störende Überbein am Handgelenk endlich los. Entfernt hat es Handchirurg Dr. Kai Megerle, der auf dem Foto gerade Verband und Pflaster entfernt.

Ganglion am Handgelenk

Mit dem Skalpell gegen das Überbein

Ein Knubbel am Hand- gelenk, der sich leicht verschieben lässt: Grund zur Sorge ist das selten. Meist handelt es sich um ein harmloses Ganglion. Bereitet es Schmerzen oder schränkt die Bewegung ein, kann eine Operation aber sinnvoll sein.

Bianca Flössel hat es fast geschafft. Etwas mehr als eine Woche liegt die Operation an ihrem Handgelenk zurück. Noch steckt der linke Unterarm der 30-Jährigen unter einem dicken Verband. Doch der soll jetzt ab. Dr. Kai Megerle, Handchirurg am Klinikum rechts der Isar in München, will das Ergebnis sehen. Zügig schneidet er mit einer Schere durch den Mull, löst das Pflaster darunter mit einer feinen Pinzette.

Zum Vorschein kommt ein etwa fünf Zentimeter langer Hautwulst. Noch ist er dick und wird von Fäden zusammengehalten. Doch wird davon nur eine unauffällige Narbe bleiben, sagt Megerle. Dabei hilft auch das Pflaster, das dicht mit der Wunde verklebt. „Das schließt luftdicht ab und bildet so eine feuchte Kammer“, erklärt der Arzt. „Das macht eine schöne Narbe.“

Knubbel am Handgelenk: Ein Ganglion (Symbolbild) ist zwar harmlos, kann aber Schmerzen bereiten.

Bianca Flössel ist erst mal froh, dass sie „den seltsamen Knubbel“ an ihrem Handgelenk endlich los ist. Bemerkt hat sie den zum ersten Mal vor eineinhalb Jahren. Vielleicht sind es auch schon zwei, so genau weiß sie das nicht mehr. Denn zunächst bereitete ihr das Knötchen unter der Haut kaum Probleme.
Doch dabei blieb es nicht. Der Knubbel wuchs – und damit auch die Probleme. Zuletzt war er etwa ein mal einen Zentimeter groß. „Ich konnte das Handgelenk nicht mehr richtig abbiegen“, erzählt Bianca Flössel. Unter Belastung verstärkten sich die Beschwerden noch. Besonders schlimm war es beim Klettern. „Dann drückte es auf die Nerven“, sagt die 30-Jährige. „Das wurde ziemlich anstrengend.“

Irgendwann reichte es ihr. Sie ging zum Hausarzt, wollte den störenden Knubbel an ihrem Gelenk endlich loswerden. Für den Mediziner war schnell klar: Bei dem Knötchen handelte es sich mit großer Sicherheit um ein Ganglion. Kein bösartiger Tumor also – ein solcher ist nur äußerst selten die Ursache. Zumal sich der Knubbel fest anfühlte und sich leicht unter der Haut hin- und herschieben ließ. Beides sind Hinweise, die auf ein Ganglion hindeuten. Ein starkes Indiz war auch die Lage am Handgelenk – 60 bis 70 Prozent der Ganglien bilden sich an dieser Stelle. Dennoch: „Nicht jeder Knubbel ist harmlos“, warnt Megerle. Wer einen solchen bemerkt, sollte die Diagnose daher unbedingt einem Arzt überlassen. Bestehen Zweifel, wird der unter Umständen zu einer Magnetresonanz-Tomografie raten. Sonst reicht eine Ultraschall-Untersuchung.

Lieber ein paar Jahre warten?

Obwohl dieses oft auch Überbein genannt wird, besteht ein Ganglion nicht aus Knochen, sondern aus einer festen Hülle aus Bindegewebe, die prall mit gallertartiger Gelenkschmiere gefüllt ist. Es handelt sich nämlich um eine ballonartige Ausstülpung der weichen Gelenkhäute – und die kann wachsen: Durch seine stielartige Verbindung ins Innere des Gelenks kann noch mehr Gelenkschmiere in das Ganglion gedrückt werden. Das kann auch passieren, wenn das Gelenk, etwa durch Handarbeit oder Sport, stärker belastet wird. Bläht sich der Ballon weiter auf, nimmt jedoch der Druck auf umliegendes Gewebe zu. Dadurch entstehen auch die Beschwerden, unter denen manche Patienten leiden.

So war das auch bei Bianca Flössel. Von ihrem Hausarzt erfuhr sie, worum es sich bei dem Knubbel am Handgelenk handelt. Er schickte sie auch zur weiteren Behandlung ins Klinikum rechts der Isar.

Für Dr. Kai Megerle sind solche Eingriffe Routine. Dennoch rät der Handchirurg längst nicht jedem Betroffenen zu einer Operation. Da es sich um eine gutartige Veränderung handelt, ist auch keine Therapie nötig, wenn ein Ganglion keine Beschwerden bereitet. Mit etwas Glück verschwindet das sogar von selbst. Doch kann es auch wiederkehren. Bei manchen Betroffenen passiert das gar in kurzem Wechsel.

Noch ist die Wunde nicht ganz verheilt. In einigen Monaten wird davon nur eine haarfeine Narbe bleiben.

Sehr jungen Patienten rät Megerle von einer Operation meist ab. Immer wieder kommen Jugendliche mit einem Ganglion zu ihm, die dieses möglichst schnell loswerden wollen. Oft seien das junge Mädchen – Frauen sind generell weitaus häufiger betroffen als Männer –, die der Knubbel vor allem aus optischen Gründen stört. Gerade bei ihnen erledige sich das Problem aber oft von selbst, wenn man ein paar Jahre warte, erklärt Megerle. Betroffen seien häufig junge Mädchen mit sehr beweglichen Gelenken. Die werden aber bei jedem Menschen mit der Zeit steifer. Seinen jugendlichen Patienten rät Megerle daher, es zunächst lieber mit einer speziellen Ergotherapie zu versuchen und ein wenig abzuwarten.

Zumal es auch für die Operation keine Erfolgsgarantie gibt. Bei jedem fünften Patienten bildet sich an der gleichen Stelle erneut ein Ganglion. Zugleich ist ein Eingriff am offenen Gelenk immer mit einem, wenngleich geringen, Risiko für Infektionen verbunden. Aus dem gleichen Grund rät Megerle von Alternativen zur offenen Operation ab, die ebenfalls dieses Risiko bergen, deren Erfolgsaussichten aber geringer sind. So besteht auch die Möglichkeit, ein Ganglion zu punktieren und den Inhalt abzusaugen. Bei dieser Gelegenheit können auch Medikamente, wie zum Beispiel Kortison, eingespritzt werden. Dennoch bildet sich bei etwa der Hälfte der so behandelten Patienten erneut ein Ganglion. Immer mehr Experten raten daher von dieser Methode ab.

Bianca Flössel ist froh, dass sie sich für die Operation entschieden hat. Diese kann unter Teil-, aber auch Vollnarkose durchgeführt werden. Der Eingriff selbst ist kurz, dauert nur etwa 20 Minuten. Der Chirurg setzt dabei einen Hautschnitt direkt über dem Ganglion. Im nächsten Schritt präpariert er mit dem Skalpell um den Ballon herum und tastet sich bis zu dessen Ursprungsort vor. Dort, wo der Stiel des Ganglions aus der Gelenkkapsel entspringt, entfernt er dieses. Hierzu muss der Chirurg das Gelenk öffnen. Dass sich am Ursprung des Ganglions eine Narbe bildet, ist bei dieser Methode übrigens sogar erwünscht: Das Narbengewebe ist stabiler – und erhöht so die Chance, dass die Gelenkshaut hier nicht erneut nach außen gedrückt wird.

Darauf hofft auch Bianca Flössel. Mit dem bisherigen Heilungsverlauf ist Operateur Megerle jedenfalls zufrieden. Er klebt ein neues Pflaster auf die Wunde, die Fäden kommen beim nächsten Mal raus. Und geht alles gut, wird in ein paar Monaten nur noch eine haarfeine Narbe an den nervigen Knubbel erinnern.

Andrea Eppner

Stichwort: Ganglion

Schon die alten Griechen kannten die seltsamen Gewebsknoten, die meist am Handgelenk auftreten. Sie nannten diese Ganglion – und so heißen sie in der Fachsprache noch heute. Vielen dürften sie aber unter der Bezeichnung „Überbein“ besser bekannt sein. Die allerdings ist irreführend. Denn obwohl sich die seltsamen, leicht verschiebbaren Knubbel unter der Haut sehr fest anfühlen, bestehen sie nicht aus Knochen. Es handelt sich um ballonartige Ausstülpungen der weichen Gelenkshäute, die mit gallertartiger Gelenksschmiere (Synovialflüssigkeit) gefüllt sind. Sie können von der Gelenkskapsel oder auch von Sehnenscheiden ausgehen und sind mit dieser über einen dünnen Stiel verbunden. In den allermeisten Fällen ist das Handgelenk betroffen, obwohl Ganglien prinzipiell an jedem Gelenk auftreten können. Als deutlich sichtbarer und tastbarer Knubbel sind sie allerdings nicht immer erkennbar. Gar nicht so selten wachsen Ganglien auch nach innen, zwischen die Knochen hinein. Solche intraossären Ganglien führen oft zu Schmerzen im Handgelenk.

Der Experte

Dr. Kai Megerle, Leiter des Bereichs Handchirurgie der Klinik und Poliklinik für Plastische Chirurgie und Handchirurgie des Klinikums rechts der Isar in München.

 

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