Nicht nur Computerspiele, auch soziale Netzwerke fesseln Kinder oft stundenlang. Foto: Swen Pförtner
+
Nicht nur Computerspiele, auch soziale Netzwerke fesseln Kinder oft stundenlang.

Jedes fünfte Kind droht Internet-Sucht

Studien über das Verhalten von Kindern im Internet gibt es einige - aber die Krankenkasse DAK ließ nun Eltern dazu befragen. Heraus kam unter anderem, dass viele Kinder und Jugendliche freie Hand im Netz haben.

Für etwa jedes 20. Kind im Alter zwischen 12 und 17 Jahren in Deutschland gibt es laut einer Studie ein erhöhtes Risiko der Internet-Sucht.

Und rund die Hälfte der Eltern stellt ihren Kindern demnach keine Regeln zur Internet-Nutzung auf. Die am Montag vorgelegten Zahlen ergaben sich aus einer Umfrage im Auftrag der Krankenkasse DAK-Gesundheit. Für sie befragte das Meinungsforschungsinstitut Forsa im Sommer 1000 Eltern.

Demnach verbringt im Schnitt jedes vierte Kind im Alter zwischen 12 und 17 Jahren an einem gewöhnlichen Wochentag rund eine Stunde im Internet, bei 29 Prozent sind es zwei Stunden. Am Wochenende sei jeder Fünfte sechs Stunden oder länger im Netz. In knapp jeder dritten Familie werde nicht festgelegt, welche Inhalte sich Kinder und Jugendliche im Netz ansehen dürfen.

Gut ein Fünftel der Eltern (22 Prozent) gaben an, ihr Kind fühle sich ruhelos, launisch, niedergeschlagen oder gereizt, wenn es versuche, das Internet weniger zu nutzen oder damit ganz aufzuhören. Rainer Thomasius, Ärztlicher Leiter des Deutschen Zentrums für Suchtfragen des Kindes und Jugendalters, sieht auf Grundlage der Umfrage bei knapp fünf Prozent ein erhöhtes Gefährdungspotenzial. "Wir können nicht sagen, ob sie schon eine Internet-Sucht entwickelt haben", schränkte er ein. "Aber sie sind stärker gefährdet."

Bei rund der Hälfte der Eltern verbringt das Kind der Studie zufolge mehr Zeit online als es sich vorgenommen hatte. Kinder von alleinerziehenden nutzen das Internet häufiger. Die populärsten Aktivitäten sind das Ansehen von Videos und Online-Spiele. Nach Einschätzung der Eltern verbringen jeweils rund 29 Prozent der Kinder damit mehr als die Hälfte ihrer Online-Zeit. Für 28 Prozent seien das Chats und Messenger.

"Internetsucht ist noch nicht offiziell als Krankheit anerkannt. An vielen Orten in Deutschland wird dazu aber bereits geforscht", sagte der Geschäftsführer des Gesamtverbandes für Suchthilfe, Theo Wessel, der Deutschen Presse-Agentur.

Für viele Eltern sei es sehr schwierig, Regeln aufzustellen, räumte er ein. "Es gibt hier eine Lücke zwischen den Generationen. Anders als ihre Kinder sind die Eltern nicht in die Internetwelt hineingeboren. Ihnen fehlt daher oft die Kompetenz, Regeln zu entwickeln", so Wessel.

Surfen nonstop: Wenn Jugendliche viel Zeit vor dem PC verbringen

Für viele Jugendliche gehört es zum Alltag, viel Zeit am Computer oder Tablet zu verbringen. Das allein ist erst einmal kein Anlass zu Sorge. Für Eltern ist es aber schwierig zu beurteilen: Ab wann verbringt mein Kind zu viel Zeit vor dem PC? Und ist es nicht mehr nur ein Hobby, sondern schon eine Sucht? Die wichtigsten Tipps:

  • Vorbeugen: Um einer Internetsucht vorzubeugen, lautet die goldene Regel: „Breit aufgestellt sein“, sagt Michael Dreier von der Uni Mainz. Das bedeutet: Das Kind sollte nicht nur ein Hobby haben, sondern braucht vielfältige Interessen. So ist auch die Wahrscheinlichkeit geringer, dass das Internet als einziger Bewältigungsmechanismus etwa bei Stress oder Langeweile dient.
  • Warnhinweise erkennen: Nur weil der Jugendliche viel Zeit im Netz oder bei Computerspielen verbringt, ist das nicht gleich ein Problem. Aufmerksam werden sollten Eltern aber, wenn ihr Kind gereizt oder unruhig wird, wenn es keinen Zugriff auf den PC hat. Oder wenn es gedanklich stark von dem Computerspiel eingenommen ist, erklärt Dreier. Schwierig wird es auch, wenn andere Lebensbereiche für die Zeit am PC eingeschränkt werden – und der Jugendliche negative Konsequenzen hinnimmt.
  • Miteinander sprechen: Wichtig ist, sachlich zu kommunizieren, nicht emotionsgeladen. Statt vorwurfsvolle Sätze anzufangen mit „Du machst“ oder „Du bist“, ist es besser, Wünsche und Ideen zu formulieren, rät Dreier. Gut ist auch, Fragen zu stellen. Eventuell lassen sie sich auch einmal zeigen, womit der Jugendliche seine Zeit am PC verbringt, um es besser zu verstehen.
  • Zeiten begrenzen: Außerdem können Eltern gemeinsam mit dem Jugendlichen Verhaltensregeln formulieren, an die sich die ganze Familie hält. Etwa, dass die gemeinsamen Essenszeiten eingehalten werden. Und dass dabei das Smartphone vom Tisch bleibt.

Außerdem können die Zeiten vor dem PC begrenzt werden.

  • Nutzungsvertrag schließen: Klappen diese ersten Absprachen nicht, macht es Sinn, einen schriftlichen Nutzungsvertrag miteinander zu schließen. Darin wird festgehalten, was die Familie gemeinsam erreichen will – und auch, welche Unterstützung der Jugendliche braucht. Auch eine technische Begrenzung lässt sich in dem Vertrag regeln: Die Eltern können zum Beispiel mit dem Jugendlichen vereinbaren, dass der Router um Mitternacht ausgestellt wird.
  • Professionelle Hilfe nutzen: Sind sich Eltern unsicher, können sie immer auch Unterstützung vom Profi anfragen. Bei der Ambulanz für Spielsucht der Klinik und Poliklinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie der Universitätsmedizin Mainz etwa gibt es kostenlose und anonyme Beratung für Betroffene und Angehörige (Tel.: 06131/17 60 64).

dpa

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Die besten Mittel gegen Mückenstiche

Was sind die besten Mittel gegen Mückenstiche? Diese Frage stellen sich viele Menschen wieder in den Sommermonaten. Hier finden Sie die Antwort. 
Die besten Mittel gegen Mückenstiche

Bei Urlaubsstress: Drei-Minuten-Atemübung hilft

Viele kennen die Situation: Vor dem Aufbruch in den Urlaub kommt noch einmal Stress auf: Wurde alles eingepackt und an alles gedacht? Als Gegenmaßnahme gibt es kurze …
Bei Urlaubsstress: Drei-Minuten-Atemübung hilft

Hepatitis A, B, C, D und E

Je früher eine Virus-Hepatitis entdeckt wird, desto besser lässt sie sich therapieren. Virustyp - Hepatitis A, B, C, D und E- sowie das Stadium der Erkrankung sind …
Hepatitis A, B, C, D und E

Hepatitis B und C: Die Leber leidet stumm

Die Vielzahl der Hepatitis-Viren kann verwirren. Sorgen macht Forschern in Deutschland, dass eine chronische Leberentzündung bei Typ B und C oft lange unentdeckt bleibt.
Hepatitis B und C: Die Leber leidet stumm

Kommentare