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Unterernährt und zu fett: Indiens doppeltes Gesundheitsproblem.

Zwei Welten

Indien kämpft mit Übergewicht und Hunger

Im boomenden Indien passiert gerade alles auf einmal: Die Armen sterben noch immer an Infektionskrankheiten, während die Mittelschicht mit Bluthochdruck und Diabetes kämpft. Und Ärzte gibt es viel zu wenige.

Im Sitzen, immer wieder am Wasser nippend, hält Indiens Finanzminister Arun Jaitley seine Rede im Parlament. Er braucht sogar eine fünfminütige Pause, so sehr schmerzt den 62-Jährigen sein Rücken. Wenig später wird er operiert: Der mehr als 100 Kilogramm schwere Jaitley lässt sich das Magenvolumen verkleinern, um Gewicht zu verlieren.

Jaitley ist keineswegs ein Einzelfall. Auch die Minister Nitin Gadkari und Venkaiah Naidu, die eine Vorliebe für indische Snacks und Süßigkeiten teilen, haben sich unters Messer gelegt, um abzunehmen. Längst sind in dem aufstrebenden Schwellenland nicht mehr Infektionskrankheiten oder Durchfall die häufigste Todesursache, sondern Herz-Kreislauf-Krankheiten.

Tuberkulose, Malaria, Dengue und Atemwegsinfekte sind allerdings keineswegs verschwunden, auch Mangelernährung ist weit verbreitet. Noch immer hungern Millionen Menschen in Indien. 30 Prozent der Kleinkinder seien unterernährt, heißt es in einer Studie, die das UN-Kinderhilfswerk Unicef mit der indischen Regierung erstellt hat. Das sind mehr als in Subsahara-Afrika. Fast die Hälfte der Haushalte in Indien hat keine Toilette, was zu Durchfall und damit zu verringerter Nährstoffaufnahme führt.

Und dennoch ist laut der Weltgesundheitsorganisation (WHO) die Gefahr, an einer nicht übertragbaren Krankheit zu sterben, nun doppelt so hoch wie für ansteckende Krankheiten. Vor zehn Jahren lagen die Zahlen noch etwa gleichauf. 60 Millionen Übergewichtige leben inzwischen schätzungsweise in dem Milliarden-Land. Zu ihnen gehören die beiden Brüder Vijay, 16, und Suresh, 20. Als sie sich ihren Magen verkleinern ließen, wogen sie 190 beziehungsweise 150 Kilogramm.

Die Zahl der Diabetis-Kranken steigt

„Suresh konnte kaum ein paar Schritte laufen und keuchte. Er hatte Bluthochdruck und hohen Blutzucker“, sagt Mutter Sonu Lugani. „Wir aßen unkontrolliert viel Junk Food, machten keinen Sport und saßen den ganzen Tag am Computer“, meint Suresh. Sein Arzt Vivek Bindal am Gangaram Hospital in der Hauptstadt Neu Delhi führte im vergangenen Jahr 250 Magenverkleinerungen durch. Vor fünf Jahren waren es ein Zehntel so viele. Ein ähnlicher Anstieg wird landesweit geschätzt.

Der Arzt Aniruddh Vij vom wissenschaftlichen Institut Pushpawati Singhania erklärt, dass Übergewicht von vielen Indern nicht als Krankheit betrachtet werde. „Das gilt einfach als normal - als etwas, das mit dem Alter kommt, oder es wird sogar als Zeichen von Wohlstand gedeutet“, sagt er. Das sieht man am Lebensstil: Kaum ein Mittelschicht-Inder in den Millionenmetropolen geht irgendwohin zu Fuß. Selbst ein Liter Milch oder eine Medikamentenpackung wird per Telefon bestellt und von Laufburschen an die Tür gebracht.

Gesundheitsminister J.P. Nadda sieht, dass die Fallzahlen bei Krebs, Asthma, Herz-Kreislauf-Krankheiten und Diabetes „alarmierend schnell“ zunehmen. Während die Zahl der Diabetes-Kranken zwischen 1990 und 2013 weltweit um 45 Prozent zunahm, gab es in Indien ein Plus von 123 Prozent, wie das US-amerikanische Institute of Health Metrics and Evaluation (IHME) herausfand. Groß angelegte Aufklärungsprogramme oder Vorsorge-Kampagnen des Ministeriums fehlen bislang.

Ein schlecht aufgestelltes Gesundheitssystem als Ursache 

In Indien kommen laut WHO auf 10.000 Menschen nur sieben Ärzte - in China sind es 15, in Deutschland 39. Und die indischen Mediziner leben auch noch fast alle in den Städten - während drei Viertel der Inder auf dem Land wohnen. Der Subkontinent sei auf die Lawine kommender Krankheiten nicht vorbereitet, meint Vivekanand Jha, Geschäftsführer des George Institute for Global Health in Delhi.

Premierminister Narendra Modi hatte angekündigt, bald allen Indern eine ärztliche Versorgung zugänglich zu machen. Aber mehr Geld dafür wird nicht bereitgestellt - und so bleibt den Menschen weiter nur, sich in die Hände teurer Privatärzte zu begeben. Manche verwenden darauf ihre ganzen Ersparnisse, andere können sich eine Behandlung gar nicht erst leisten. „Was in Indien anders ist als anderswo, ist die gewaltige Größe und Heterogenität“, sagt Jha. „Und das komplette Fehlen eines Plans.“

Wegen der mangelnden Sensibilisierung wisse auch kaum jemand Bescheid über gesunde Ernährung und die Vorteile von Sport, kritisiert der Arzt Atul Gogia am Gangaram Hospital in Delhi. „Wir rühmen uns immer damit, so ein gewaltiges Arbeitskraftpotenzial zu haben, aber was bringt uns das, wenn unsere Erwerbsbevölkerung krank ist?“

dpa

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