„Im Kreuz“ haben es immer mehr Menschen: Viele leiden an chronischen Schmerzen. Ein Therapiemix hilft ihnen am besten, weiß Schmerzexperte Dr. Eduard Kraft.
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„Im Kreuz“ haben es immer mehr Menschen: Viele leiden an chronischen Schmerzen. Ein Therapiemix hilft ihnen am besten, weiß Schmerzexperte Dr. Eduard Kraft.

Therapien und Co.

Chronische Schmerzen: Was Patienten tun können

Im Rücken oder im Knie: Schmerzen sind für viele Patienten ein ständiger Begleiter. Körperliche Ursache, aber auch Stress und seelisches Leid können Schmerzen auslösen und verstärken.

Der Schmerz – er gehört seit Jahren zu Julia Schneiders* Leben. Auch heute spürt sie ihn. Ein Kissen unterm linken Knie liegt die Münchnerin in einem Krankenbett im Klinikum Großhadern. Wann genau die Probleme mit dem Gelenk angefangen haben, daran kann sich die 53-Jährige nicht mehr erinnern. Nur, dass mit dem Ersatzgelenk, das ihr vor vier Jahren in einer anderen Klinik eingesetzt worden war, alles viel schlimmer wurde. Es folgten weitere Eingriffe. Die Schmerzen aber blieben. Sie wurden zu Julia Schneiders ständigem Begleiter.

Sie ist froh, einen der sechs stationären Therapieplätze für Patienten mit chronischen Schmerzen bekommen zu haben. Dieses Angebot gibt es seit gut einem Jahr an der von Prof. Volkmar Jansson geleiteten Klinik für Orthopädie, Physikalische Medizin und Rehabilitation. Es soll Patienten helfen, bei denen die ambulante Schmerztherapie wie bei Julia Schneider an ihre Grenzen gestoßen ist.

Wie stark der Schmerz ist, bestimmt auch die psychische Verfassung

Trotz der Schmerzen ist sie nicht schlecht gelaunt. „Es geht mir gut“, sagt sie und lacht. Auf dem Nachtkästchen neben ihrem Bett liegt ein aufgeschlagenes Heft, sie hat einen Korb darauf gezeichnet und ihn mit Wörtern gefüllt. „Lebensfreude“ steht da zum Beispiel und „Wonne“. Gefühle, die lange unter dem übermächtigen Schmerz begraben waren.

Auch Heike Schulte-Göcking hat das Heft entdeckt. „Ah, Sie haben Ihre Hausaufgaben schon gemacht“, sagt die Psychologin erfreut. Sie ist Teil des Therapeutenteams, zu dem Vertreter verschiedener Fachrichtungen gehören, darunter Orthopäden und Reha-Ärzte ebenso wie Physio- und Ergotherapeuten, aber auch Anästhesisten und Psychologen. Gemeinsam tüfteln sie an Strategien, die ihren Patienten im Kampf gegen den Schmerz helfen sollen. Denn sie wissen genau, dass der nur mit vereinten Kräften zu gewinnen ist: „Kein anderes Phänomen in der Medizin ist so komplex wie der Schmerz“, sagt Dr. Eduard Kraft. Er leitet gemeinsam mit seiner Kollegin Prof. Shahnaz Christina Azad die Schmerzambulanz im Klinikum Großhadern.

Nicht nur der Auslöser, also etwa eine kaputte Bandscheibe oder verspannte Muskeln, bestimmen über das Schmerzgefühl. Wie stark dieses ausfällt und wie lange es anhält, entscheidet das Gehirn: Es beurteilt, ob die Sache halb so schlimm war oder ob man gerade einer Katastrophe entgangen ist. In die Bewertung fließen dabei viele Faktoren ein. Dazu gehören eigene Erfahrungen ebenso wie Faktenwissen, Erzählungen und Beobachtungen. Auch die Reaktion der Mitmenschen und der eigene Gemütszustand spielen eine wichtige Rolle für die Intensität des Schmerzgefühls. Wer in einer Ehekrise steckt, sich dem Stress im Job kaum noch gewachsen fühlt oder gerade einen Angehörigen verloren hat, dessen Gehirn wird eine Verletzung eher als sehr schlimm einstufen. Psychologin Schulte-Göcking verweist auf eine Redewendung, in der diese Erfahrung steckt. „Das hat ihm das Kreuz gebrochen.“

Gehirn zieht falsche Schlüsse

Auch wenn der Schmerzauslöser lange besteht, kann das Gehirn daraus falsche Schlüsse ziehen: Was so lange anhält, muss auch schlimm sein. „Das Gehirn hat sich eine neue Krankheit geschaffen“, sagt Kraft. Auslöser des Schmerzes und Schmerzgefühl stünden in keinem adäquaten Verhältnis mehr – und driften immer weiter auseinander.

Denn ist die „Chronifizierungs-Spirale“, wie Experten es nennen, erst einmal in Gang gesetzt, ist es nicht leicht, sich aus ihrem Sog zu befreien. Ist der ursprüngliche Auslöser beseitigt, schafft sich der Schmerz selbst oft viele neue: Wer ständig starke Rückenschmerzen hat, wird versuchen, diese zu vermeiden – indem er eine Schonhaltung einnimmt oder beim Gehen schmerzhafte Bewegungen vermeidet. Fehlhaltung und falsche Bewegungsabläufe führen erneut zu Schmerzen. Viele Betroffene bewegen sich zudem immer weniger, weil sie Angst vor neuen Schmerzen haben. Als Folge davon verkümmern Muskeln. Das fein austarierte Gleichgewicht des Muskelapparates, das die Wirbelsäule stabil hält und die Gefahr neuer Verletzungen verringert, ist zerstört.

Raus aus der Schmerzspirale

Sind Patienten einmal in diese Schmerzspirale geraten, schafft es ein Experte allein meist nicht, sie wieder herausholen. Nötig sind viele Therapeuten, die gemeinsam an einem Strang ziehen – etwa in einer Schmerzambulanz oder auch einem stationären Angebot wie in Großhadern. Die Idee: Wenn so viele Faktoren über das Schmerzgefühl entscheiden, muss man das auch von vielen Seiten her packen. „Multimodal“ nennt sich dieser Therapieansatz, der sich in Studien, besonders auch bei chronischen Rückenschmerzen, bewährt hat – und inzwischen als Standard in der Behandlung gilt.

Oft hilft es den Patienten dabei bereits zu erfahren, wie chronische Schmerzen entstehen und dass diese an sich nicht bedrohlich sind. Physiotherapeuten zeigen ihnen zudem Übungen, die sie oft auch zuhause weiterführen müssen. Unter Anleitung bauen sie so zum Beispiel nach und nach das Muskelkorsett wieder auf, das gerade bei Rückenschmerz-Patienten oft verkümmert ist. Auch helfen sie, falsche Bewegungsabläufe, die sich eingeschliffen haben, zu korrigieren. Dabei unterstützen sie auch Ergotherapeuten, die vor allem dabei helfen, die Tätigkeiten des Alltags wieder in den Griff zu bekommen. Massagen können Verspannungen lösen.

Diese haben aber oft auch eine innere Ursache. Wer unter Stress steht, also innerlich angespannt ist, der spannt automatisch auch seine Muskeln an, erklärt Psychologin Schulte-Göcking. Eine Reaktion, die in der Urzeit bereit für Kampf oder Flucht machte, heute aber nur zu noch mehr Schmerzen führt. In der Therapie erlernen Patienten daher auch Entspannungs-Techniken, wie etwa die Muskelrelaxation nach Jacobsen.

Doch versuchen Pychologen auch, ihren Patienten eine andere Haltung zu ihren Schmerzen vermitteln. Die bestimmen bei vielen das ganze Leben. Auf die Beschwerden fokussiert, verlieren sie den Blick für die kleinen, aber schönen Erfahrungen des Alltags. Psychologin Schulte-Göcking schickt ihre Patienten daher gern mal in den Klinikgarten. Ihre Aufgabe: Die Umgebung bewusst wahrnehmen. „Genusstraining“ nennt sie das. Vogelgezwitscher, Blätterrauschen, der Geruch feuchter Erde – viele hätten das schon gar nicht mehr wahrgenommen. All das zeigt ihnen, dass es noch etwas anderes gibt als den Schmerz.

Auch Julia Schneider hatte das fast vergessen. Ihr habe die psychologische Behandlung am meisten gebracht, sagt sie. „Obwohl ich erst skeptisch war.“ Die Psychologin nickt. „Das geht vielen Patienten so“, bestätigt sie. Sie hören „psycho“ und denken, „ich bin doch nicht verrückt!‘“ Viele, die sich darauf einlassen, sind später froh. Doch ist das „In-sich-hineinhorchen“ natürlich nicht jedermanns Sache. Gerade der älteren Generation falle das schwer, hat die Psychologin festgestellt.

Auch Regina Weiß*, kürzlich 80 Jahre alt geworden, kann damit wenig anfangen. Zähne zusammenbeißen, nicht so viel darüber reden und weitermachen – das ist ihre Strategie, mit Schmerzen umzugehen: Es ist eben jeder Patient anders, in der Therapie stellt man sich darauf ein.

Die Schmerzen begleiten Regina Weiß schon einen großen Teil ihres Lebens. Sie war noch ein Kind, als Ärzte feststellten, dass ihre Wirbelsäule verkrümmt ist. Bald folgte eine OP am Bein („Die haben mich verpfuscht.“), es sollte nicht die einzige bleiben. 17 Eingriffe hat sie hinter sich, die meisten an der Wirbelsäule. Weitere OPs werden nicht folgen, ihren Rücken kann kein Arzt reparieren. Die 80-Jährige ist den Schmerzen aber nicht hilflos ausgeliefert. Die Mediziner setzen auch auf Medikamente. Hierzu arbeiten sie mit der von Prof. Bernhard Zwißler geleiteten Klinik für Anästhesiologie zusammen. Bei Regina Weiß nutzen sie die Zeit in der Klinik auch, um die Mittel einzustellen. „Wozu soll ich jammern?“, fragt sie und lobt lieber, dass man sich so gut um sie kümmert. Und, so fügt sie noch hinzu: „Ich bin ein lebensfroher Mensch und 85 will ich mindestens noch werden.“

*Patientennamen geändert

Eppner Andrea

Die Experten

Dr. Eduard Kraft, Oberarzt im Leitungsteam der interdisziplinären Schmerzambulanz und Tagesklinik am Klinikum der Universität München in Großhadern und Psychologin Heike Schulte-Göcking und Sabine Wilke, medizinisch-therapeutische Leiterin, beide im Team der Schmerzambulanz.

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