Wunderwerk Wirbelsäule: Ein Modell davon zeigt Prof. Georg Gradl seinem Patienten Herbert Eicher (89).
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Wunderwerk Wirbelsäule: Ein Modell davon zeigt Prof. Georg Gradl seinem Patienten Herbert Eicher (89).

Schmerzfrei

Wirbelsäulen-OP noch in hohem Alter?

Sie ist die wichtigste Stütze des Körpers. Doch die Last eines langen Lebens setzt auch der Wirbelsäule zu. Physiotherapie und Massagen können bei Beschwerden helfen. Doch eine Operation in hohem Alter?

Herbert Eicher (Name geändert) schwingt seinen Stock. Eigentlich braucht er ihn gar nicht mehr. „Den habe ich nur zur Sicherheit dabei“, sagt der 89-Jährige. Dann eilt er flotten Schrittes den Klinikflur hinunter. Er will schnell zu seinem Auto, denn er hat noch einiges zu erledigen. Immerhin versorgt er sich noch selbst – trotz seines hohen Alters.

Dabei hätte Eicher wohl selbst kaum gedacht, dass er wieder so gut würde laufen können. Noch vor einem halben Jahr war jede kleine Wegstrecke ein Problem. Zuletzt konnte Herbert Eicher nur noch tief gebeugt und in kleinen Schritten gehen. Immer wieder musste er stehen bleiben. Nicht etwa, weil ihm die Puste ausgegangen wäre. Es waren die Schmerzen im Rücken, die ihn dazu zwangen. Schon lange vergällten sie ihm das Leben. Zu ertragen waren sie nur noch mit starken Medikamenten.

Unerträgliche Schmerzen im Rücken

Sollten die Beschwerden weiter zunehmen, gäbe es auch noch andere Mittel – er müsse sich also nicht sorgen, hatten ihm Ärzte gesagt. Doch nach einiger Zeit entdeckte er plötzlich Blut im Stuhl. Nach einem Blick in den Beipackzettel kam er zu dem Schluss: Das musste von den Schmerzmitteln kommen. Die Medikamente – sie würden ihn noch vergiften. „So konnte es nicht weitergehen“, sagte sich Eicher.

Tatsächlich müssen Patienten, besonders wenn sie längere Zeit Schmerzmittel einnehmen, mit Nebenwirkungen rechnen. „Die Mittel gehen auf den Magen“, sagt Prof. Georg Gradl, Chefarzt der Orthopädie am Klinikum Harlaching in München. „Eine der wesentlichsten Nebenwirkungen sind Blutungen.“ Wie bei Herbert Eicher.

Der hatte schon eine Menge versucht, um seine Beschwerden in den Griff zu bekommen. Wie bei vielen Patienten mit Rückenproblemen saß der Schmerz bei ihm in der Lendenwirbelsäule. Sie wird im Laufe des Lebens besonders beansprucht. Die Bandscheiben, die Stoßdämpfer zwischen den Wirbeln, verlieren an Höhe. Die Wirbelgelenke nutzen sich ab, werden, ebenso wie man es von Knie und Hüfte kennt, arthrotisch.

Operieren oder nicht?

Der Körper versucht dann selbst den Schaden zu begrenzen. Doch verjüngen kann er die Wirbelsäule nicht. „Er hat nur ein Gegenmittel“, sagt Gradl. „Es heißt versteifen.“ Damit die Wirbelsäule nicht wacklig wird, bildet sich neuer Knochen, die Bänder verdicken sich. Je länger dafür Zeit ist, desto weniger Probleme bereitet das. Schreitet der Verschleiß jedoch schnell voran, kommt der Körper oft nicht hinterher. Betroffene bekommen dann Beschwerden – etwa, wenn das neue Knochengewebe den Wirbelkanal immer mehr einengt. Mediziner sprechen von einer Spinalkanalstenose. Der wachsende Druck auf das Rückenmark führt zu heftigen Schmerzen. Nicht selten sind auch die Öffnungen in der Wirbelsäule verengt, an denen Nerven aus dem Rückenmark abzweigen, die zu den Extremitäten führen. Bei Betroffenen zieht sich der Schmerz dann bis in die Beine. Oft ähneln die Beschwerden sogar denen, die Patienten haben, die an der so genannten Schaufensterkrankheit leiden. Bei dieser sind die Gefäße in den Beinen verengt und daher schlecht durchblutet. Betroffene können daher oft nur kurze Strecken gehen, ehe sie die Schmerzen zum Stehenbleiben zwingen. Ganz ähnlich ist das, wenn die Nerven unter Druck geraten, die in die Beine führen. Mediziner nennen dies „Claudiculatio spinalis“.

Betroffenen kann es dann helfen, den Nerven wieder mehr Raum zu verschaffen. Das tun Patienten sogar intuitiv selbst, indem sie wie Herbert Eicher gebeugt gehen. In dieser Haltung sinkt der Druck auf die Nerven. Darum fällt Radfahren vielen auch leichter als Gehen. Dauerhafte Entlastung bringt jedoch nur eine Operation, bei der man einen Teil des neu gebildeten Knochens entfernt.

Doch ist Gradl keiner, der gleich zum Skalpell greift, wenn Patienten mit Rückenschmerzen zu ihm kommen. „Wir schöpfen alle Möglichkeiten der konservativen Therapie aus“, sagt er. Physiotherapie und Massagen gehören dazu, ebenso wie Wärme- und Kältebehandlungen. Zudem Bewegungsbäder, ein besonderer Trumpf im breiten Spektrum der physikalischen Therapie: Das Wasser trägt einen Teil des Gewichts, die Wirbelsäule wird bei den Übungen entlastet. Erst wenn all diese Methoden an ihre Grenzen stoßen, „wirklich nur dann operieren wir“, sagt Gradl.

Auch Herbert Eicher hat alles probiert, um seine Schmerzen zu lindern. Für ihn war eine Operation nur die letzte Option, zumal in seinem hohen Alter. Doch allein wegen des Rückens all seine Mobilität verlieren? Wo er doch sonst rüstig und auch geistig fit ist? Natürlich spiele auch das Alter eine Rolle dafür, ob ein Eingriff möglich und sinnvoll ist, sagt Gradl. „Doch es ist nur ein Mosaiksteinchen.“ Ist die körperliche Verfassung des Patienten ansonsten gut und gibt es keine anderen Erkrankungen, etwa des Herzens, die einen chirurgischen Eingriff zu riskant machen würden, ist ein hohes Alter allein für ihn kein Grund, einem Patienten eine Operation vorzuenthalten. „Die Wirbelsäule sollte nicht zum Mobilisationshindernis werden“, sagt er. Und: „Warum sollte man die letzten Jahres seines Lebens mit Beschwerden verbringen müssen? Ich wollte das nicht.“

Auch Herbert Eicher wollte seine Mobilität zurück – und entschied sich für die Operation. Obwohl er wusste, dass ihn auch die nicht gänzlich von Schmerzen befreien kann. Und, dass der Eingriff lang sein würde. Mehr als drei Stunden operierten die Ärzte. Mit höchster Vorsicht legten sie dabei das Rückenmark frei. Dazu setzten sie die Schnitte seitlich neben der Wirbelsäule und bahnten sich so den Weg unter die kleinen Wirbelgelenke. Hier entfernen sie etwas Knochen und verschafften dem Wirbelkanal so wieder mehr Platz. Die Dornfortsätze, die sich hinten an jedem Wirbel befinden und die man unter der Haut spürt, wenn man sich an den Rücken fasst, werden bei dieser schonenden Methode des „Undercutting“ nicht durchtrennt. So behält die Wirbelsäule mehr von ihrer natürlichen Stabilität.

Bei Herbert Eicher hätte diese allerdings nicht ausgereicht. Denn um ihn von seinen Schmerzen zu befreien, musste viel Knochen entfernt werden, auch von den Nervenwurzeln, die wie der Wirbelkanal eingeengt waren. Zugleich musste aber auch die Stabilität der Wirbelsäule erhalten bleiben. Beides war in seinem Fall nur möglich, indem ein größerer Abschnitt davon versteift wurde. Vier Lendenwirbel haben Gradl und sein Team dazu mit Metall verbunden. „Manchmal ist das auch heute noch nötig“, sagt der Chirurg.

Doch er ist froh, dass es ihm moderne Operationsverfahren heute viel öfter erlauben, seinen Patienten eine Versteifung zu ersparen. Zwar setzt auch der Körper selbst auf diese Strategie, wenn die alternde Wirbelsäule zunehmend verknöchert. Doch geschieht dies über viele Jahre und nicht in wenigen Stunden wie bei einer Operation. Statt allmählich müssen die angrenzenden Bereiche der Wirbelsäule dann von jetzt auf gleich mehr leisten – und können ebenfalls an ihre Grenzen kommen, meint Experte Gradl. Eine solche Anschluss-Degeneration ist gefürchtet.

Herbert Eicher nimmt es gelassen. Er freut sich lieber über seine wiedergewonnene Mobilität. Die Operation war bereits im Mai. Er hat sie gut überstanden. Es folgten drei Wochen Reha am Tegernsee. Um schnell wieder auf die Beine zu kommen, hat er immer fleißig mitgearbeitet. Mit Erfolg. „Es geht jeden Tag ein wenig besser“, sagt der 89-Jährige gut gelaunt. Er hat sich noch einiges vorgenommen. Sein nächstes Ziel: eine mehrstündige Wanderung um den Riegsee.

Von Andrea Eppner 

Der Experte

Prof. Georg Gradl ist Chefarzt der Klinik für Unfallchirurgie, Orthopädie und Wiederherstellungschirurgie am Städtischen Klinikum München in Harlaching.

Stichwort: Lendenwirbelsäule

Wenn es im Kreuz schmerzt, ist sie besonders häufig die Ursache: die Lendenwirbelsäule (LWS). Gemeint ist damit der untere Abschnitt der Wirbelsäule. Dieser besteht aus fünf Wirbeln und hat eine leicht nach vorn geschwungene Form. Zwischen den Wirbeln liegen die elastischen Bandscheiben, die wie Stoßdämpfer wirken. Beim Menschen wird die Lendenwirbelsäule durch den aufrechten Gang stark belastet – insbesondere im Bereich der untersten Lendenwirbel. Hier ist der Verschleiß daher besonders groß, Mediziner sprechen meist lieber von degenerativen Veränderungen. Dazu gehört zum Beispiel ein Bandscheibenvorfall, aber auch Arthrosen der Wirbelgelenke und Wirbelgleiten. Intakte Bandscheiben verlieren im Alter oft an Höhe. Der Körper versucht, die zunehmende Instabilität der Wirbelsäule auszugleichen. Dazu bildet er Knochenzacken, Bänder können sich verdicken. Dies, oft zusammen mit einem Bandscheibenvorfall, kann zu einer Verengung des Nervenkanals, einer Spinalkanalstenose, führen. Sind die Lendenwirbel betroffen, spricht man von einer lumbalen Spinalkanalstenose, führen. Sind die Lendenwirbel betroffen, spricht man von einer lumbalen Spinalkanalstenose.

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