Absolventen müssen Praxiswissen mitbringen

Berlin - Theorie und Praxis gehören zusammen. Gerade Unternehmen legen viel Wert darauf, praxiserprobte Absolventen zu bekommen. Studenten sollten daher frühzeitig in den Betriebsalltag hineinschnuppern. Und sie müssen lernen, ihr Wissen richtig anzuwenden.

Nach einer Umfrage des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK) in Berlin mangelt es vielen Hochschulabsolventen an Praxiswissen. Mancher verliert deshalb noch in der Probezeit den Job. Jeder vierte Betrieb nannte mangelnde Praxistauglichkeit als Grund, wenn er sich in der Probezeit von Mitarbeitern mit Hochschulabschluss getrennt hatte. Studenten müssen daher rechtzeitig damit anfangen, Praxiswissen zu sammeln.

Dabei geht es nicht darum, dass Hochschulabsolventen sofort alles können müssen. “Unternehmen wissen, dass sie keine eierlegende Wollmilchsau erwarten können. Eine Einarbeitung ist fast immer notwendig“, sagt Kevin Heidenreich, Leiter Hochschulpolitik beim DIHK. Aber Absolventen sollten nicht nur mit Theorie im Gepäck ins Unternehmen kommen. Es ist etwa wichtig, dass sie schon die Sprache in der Firma kennen: Wie geht man mit dem Chef und den Kunden um? “Wenn man da schon Erfahrung hat, kommt man leichter zurecht.“

Die klassische Methode, um sich Praxiswissen während des Studiums anzueignen, ist das Praktikum. “Für Unternehmen ist das wichtig, um die Studenten kennenzulernen. Für die Studenten ist es wichtig, um zu sehen, ob ihnen die Tätigkeit überhaupt Spaß macht“, erklärt Heidenreich. Studenten bekommen durch ein Praktikum einen Einblick in die Unternehmenswelt und wissen dadurch, worauf es im Berufsleben ankommt. Sie sehen so auch, welches Fachgebiet sie im Studium noch vertiefen oder welches Computerprogramm sie noch lernen sollten.

Duale Studiengänge bieten mehr Praxis

Durch solche Arbeitseinsätze erweitern Studenten ihren Horizont. “Die können dann wirklich mitreden“, sagt Karriereberaterin Madeleine Leitner aus München. Und das gefällt dem späteren Arbeitgeber. Dabei helfen jedoch nicht nur Praktika. Auch durch Nebenjobs können Studenten wichtige Erfahrungen sammeln.

Die Nebentätigkeiten müssen nicht einmal etwas mit der späteren Tätigkeit zu tun haben. Selbst eher stupide Nebenjobs können Absolventen zu einem Job verhelfen. Wer im Studium Nachhilfe gegeben hat, kann andere Menschen anleiten. Und wer einen Aushilfsjob am Fließband hatte, weiß, was harte Arbeit ist. “All diese Dinge helfen, dass man sieht: Die Leute haben Erfahrung und wissen, wie es an der Front zugeht“, sagt Leitner.

Ein anderer Weg, um sich bereits vor dem Start ins Berufsleben Praxiswissen anzueignen, ist der Besuch von Seminaren, die von Unternehmern und Hochschulprofessoren gemeinsam gehalten werden. “Dort werden Fälle durchgesprochen, die im Unternehmen eine Rolle spielen“, sagt Heidenreich. Diese Angebote sind derzeit aber noch eher selten.

Wer sich einen stärkeren Praxisbezug im Studium wünscht, kann auch einen dualen Studiengang wählen. “Das ist eine ganz enge Verzahnung der beiden Lernorte“, erklärt Heidenreich. Denn die Studenten arbeiten regulär im Unternehmen und studieren parallel. Sie lernen die Theorie in der Hochschule und wenden sie sofort in der Praxis an. Wer lieber regulär studieren möchte, ohne ein Fachidiot zu werden, kann seine Abschlussarbeit in einem Unternehmen schreiben.

No Go: "Ich hab im Studium gelernt, dass..."

Generell gilt: “Die Ingenieurbereiche haben traditionell sehr gute Wirtschaftskontakte“, sagt Heidenreich. In geistes- oder kulturwissenschaftlichen Fächern gebe es diese Kontakte dagegen noch eher selten. Auch die Unternehmen wissen manchmal gar nicht, was die Studenten dieser Fächer mitbringen. Und die Studenten wissen nicht, wo sie später arbeiten können. Dabei landet die Mehrheit der Absolventen in der Wirtschaft und bleibt nicht an der Universität.

Wer trotz Praktika und Nebenjobs im ersten Job nicht als Fachidiot auffallen will, sollte sich bewusst machen, dass ein Anfänger definitiv nicht alles kann. Leitner rät Hochschulabsolventen, im neuen Unternehmen vorsichtig aufzutreten. Zu polterndes oder zu selbstbewusstes Auftreten bringt gar nichts. “Denn wenn man denkt, man weiß viel, ist das ein Zeichen dafür, dass man vielleicht nur nicht weiß, was man alles noch nicht kann“, sagt die Expertin.

Es kommt eben immer darauf an, wie man sein Wissen rüberbringt. Frischlinge sollten im neuen Job bloß nicht sagen “Ich habe im Studium gelernt, dass man das so oder so machen soll“, rät Svenja Hofert, Karriereberaterin aus Hamburg. Keiner sollte sich als “Naseweis“ zeigen und darauf hinweisen, was man alles besser machen kann. “Man sollte eher abwarten und beobachten, wo man sich mit seinem theoretischen Wissen einbringen kann“, rät sie.

dpa

Rubriklistenbild: © dpa (Symbolbild)

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