Streit um die Quote

Frauen wollen nicht nur im Vorzimmer sitzen

Berlin - Der Druck auf die Wirtschaft wächst. Die Frauenquote steht im Koalitionsvertrag. Doch auch in Ministerien oder öffentlichen Unternehmen gibt es bei weiblichen Führungskräften Nachholbedarf.

„Sie kommt, sie kommt, sie wird kommen“, heißt es im Bundesfrauenministerium. Dass dieser Satz wie eine Beschwörungsformel stetig wiederholt wird, zeigt, dass man einander in dem SPD-geführten Haus Mut machen will. Denn die CSU versucht derzeit mit allen Mitteln, „sie“ zu torpedieren, aufzuweichen und zu verschieben.

„Sie“, das ist die feste Frauenquote in deutschen Aufsichtsräten, über die in Deutschland schon seit Jahrzehnten gestritten wird.

Die starre Quote, die ab 2016 für die 108 größten börsennotierten Unternehmen gelten und mit Sanktionen durchgesetzt werden soll, wird flankiert von einer etwas flexibleren Regelung für die Führungsetagen von rund 3500 weiteren Unternehmen mit mehr als 500 Mitarbeitern.

Das „sie“ letztlich nicht mehr ganz zu umgehen sein wird, glaubt man inzwischen auch in den immer noch weitgehend von Männern dominierten Vorständen der Unternehmen. Schließlich steht die Quote im Koalitionsvertrag. Die Arbeitgeber- und Industrieverbände klagen zwar immer noch, in Branchen wie dem Baugewerbe oder dem Maschinenbau sei es praktisch unmöglich, schnell genügend qualifizierte Frauen zu finden. Doch Ministerin Manuela Schwesig (SPD) findet, dass sie der Wirtschaftslobby mit einer Ausnahmeregelung für kleine Vorstände schon genug entgegenkommt.

Kopfzerbrechen bereitet der Ministerin momentan eher das Störfeuer, das von der CSU und auch aus einigen Bundesbehörden kommt. Denn auch in etlichen Ministerien und Unternehmen mit staatlicher Beteiligung gibt es leisen, aber beharrlichen Widerstand gegen die Durchsetzung der Quote im eigenen Haus.

Eigentlich hatten Schwesig und ihr wichtigster Mitstreiter, Justizminister Heiko Maas (SPD), gehofft, dass ihr Gesetzentwurf für eine gleichberechtigte Teilhabe von Männern und Frauen schneller vom Kabinett beschlossen werden würde. Doch jetzt befürchtet man im Familienministerium, Schwesig könne zu einer „Geisel der Maut“ werden. Mit anderen Worten: Die CSU, die ohnehin gegen die Quote ist, könnte so lange stören, bis das Kabinett die umstrittene Pkw-Maut ihres Verkehrsministers Alexander Dobrindt durchwinkt.

"Männliche Monokulturen"

Elke Holst, die sich beim Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) mit der Frage befasst, was nötig wäre, damit mehr Frauen durch die „gläserne Decke“ in die Chefetagen vorstoßen, findet das geplante Gesetz zwar nicht optimal, aber doch hilfreich. Besonders wichtig ist ihrer Ansicht nach, dass auch Unternehmen, für die es künftig keine starre Quote und keine Sanktionen geben wird, spüren, dass der Druck wächst. „Denn da, wo wirklich entschieden wird, und das ist vor allem in den Vorständen, findet man noch immer weitgehend männliche Monokulturen“, sagt Holst.

Um dies zu ändern, wäre ihrer Ansicht nach eine Ampelkennzeichnung sinnvoll, anhand derer auch Verbraucher, Aktionäre und andere Interessierte sofort erkennen könnten, ob Firmen Frauen mit entscheiden lassen oder sie auf der Chefetage nur als „Vorzimmerdamen“ dulden. „Für diese Rot-Gelb-Grün-Kennzeichnung sollte man klare Indikatoren erstellen, das Ganze müsste natürlich wissenschaftlich begleitet werden“, erklärt die Volkswirtin. Der Protest von den Industrieverbänden, die sich bisher schon erfolgreich gegen eine ähnliche Kennzeichnung bei Lebensmitteln wehren, ist ihr gewiss.

dpa

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