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In dem Buch "Kommst du Bahnhof oder hast du Auto?" gibt Diana Marossek einige Beispiele für Kurzdeutsch und ergründet die Ursache der Kiezsprache. 

"Ich bin noch Büro."

"Kommst du Auto?" - Kurzdeutsch breitet sich weiter aus

"Ich bin noch Büro": In Eile hat schon mancher eine solche SMS verschickt. Tatsächlich breitet sich ein solches Kurzdeutsch inzwischen in der Alltagssprache aus.

"Kommst du eigentlich nachher mit Kino?" Der Satz, so erzählt es Diana Marossek, brachte das Fass zum Überlaufen. Als jemand der Berliner Sprachwissenschaftlerin diese Frage stellte, fiel ihr auf, wie oft in ihrem Bekanntenkreis eine Sprache verwendet wird, die sie Kurzdeutsch nennt.

"Seltsamerweise sah kein Mensch einen Anlass, derlei verkürzte Sätze zu korrigieren", schreibt sie in ihrem Buch "Kommst du Bahnhof oder hast du Auto?" (Hanser Berlin), das gerade erschienen ist. In der Praxis heißt das: Der Artikel oder die Kombination aus Präposition und Artikel wird weggelassen. Heraus kommen Sätze wie "Ich bin noch Büro" oder "Er hat Tor geschossen". Die Forscherin, die sich dem Thema bereits in ihrer Doktorarbeit widmete, versuchte daher zu ergründen, warum inzwischen so viele in breitestem Kiezdeutsch reden. Denn: Den vermeintlichen Fehler machen demnach inzwischen längst nicht mehr nur Migranten, sondern Deutsche aus allen sozialen Schichten. 

Die Frage ist nur: warum?

"Das liegt auch daran, dass solche Ausdrücke zitiert werden, wenn sich jemand jugendlich geben will", erklärt der Direktor vom Institut für Deutsche Sprache, Ludwig Eichinger. "Nicht bloß bei jungen Leuten mit Migrationshintergrund, sondern auch bei deutschen Muttersprachlern, die sich jugendlich geben wollen."

Ein weiterer Faktor seien soziale Medien

"Wenn es stark auf Kürze ankommt, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass solche Strukturen eine Rolle spielen", erklärt er. "Da sind Geschwindigkeit und Zeichenzahl wichtig. Da lässt man weg, was nicht unbedingt nötig ist." Das hat auch Sprachforscherin Marossek festgestellt. "Es gibt immer eine formelle und eine informelle Sprache", sagt sie. In einem Chat wie bei Facebook und WhatsApp gebe es keine Vorgaben. "Man chattet mit seiner Mutter wie mit seinem Kumpel." Das habe auch dazu beigetragen, dass in bestimmten Situationen selbst Akademiker in einer Art "Ghettoslang" kommunizierten. Marossek beobachtete inkognito an Berliner Schulen aller Formen die Sprache von Schülern und Lehrern. Sogar im Lehrerzimmer hörte sie Folgendes: "Welches Kino geht ihr denn?" - "Wir gehen Titanium." 

Marossek: "Je verbreiteter diese vereinfachte Art zu sprechen unter Jugendlichen ist, desto mehr Einfluss übt sie nach und nach auf Erwachsene ohne Migrationshintergrund aus, die beruflich oder anderweitig viel mit ihnen zu tun haben", erklärt sie. "Die Lehrer nehmen das natürlich dann mit nach Hause und so verbreitet sich das."

Aber wie kam das Phänomen überhaupt auf? 

"Als Entstehungsfaktor für das Weglassen von Artikeln und Präpositionen sehen sprachwissenschaftliche Studien den Einfluss des Türkischen", erklärt Melanie Kunkel aus der Dudenredaktion. Dort gebe es nämlich keine Artikel oder Präpositionen. Zugleich komme Kurzdeutsch hierzulande auch in regionalen Dialekten vor. "Ich bin auf Arbeit" sei in Berlin beispielsweise schon lange gebräuchlich. Auch "Ich bin in Urlaub" dürften manche kennen. Mit Blick auf die Verbreitung hält Forscherin Marossek verschiedene Szenarien für möglich: Das Kurzdeutsch verschwindet wieder, es bleibt ein Phänomen einer Generation - oder zumindest Teile davon nisten sich dauerhaft in der Umgangssprache ein. Vor allem letzteres hält die Berlinern durchaus für wahrscheinlich.

Sorge, dass Lehrer den Kindern die falsche Grammatik beibringen, muss aber niemand haben 

"Wendungen wie "Kommst du Bahnhof?" werden von den Sprechern selbst als umgangssprachlich empfunden", betont Kunkel vom Duden. "Die meisten Menschen, die sie verwenden, sind durchaus in der Lage, situationsabhängig in die Standardsprache zu wechseln." Wenn Jugendliche plötzlich nur noch in verkürzten Sätzen oder Kiezdeutsch reden, sollten Eltern das erstmal gelassen sehen. "Über die Sprache grenzen sich Jugendliche von ihren Eltern ab", sagt Dana Urban von der Onlineberatung der Bundeskonferenz für Erziehungsberatung (bke). "Und es geht dabei um das Dazugehören, um Cliquenbildung." Urban empfiehlt Eltern, das als Lebensphase anzusehen - jede Jugendgeneration habe ihre eigene Sprache. "Gleichzeitig sollten Eltern aber auch auf die Grenzen achten und diese im Miteinander auch einfordern", sagt die Sozialpädagogin. Jugendliche wissen, dass es ein Unterschied ist, ob sie salopp mit ihren Freunden sprechen oder ob sie gegenüber Erwachsenen einen Wunsch äußern. "An der Stelle würde ich als Eltern auch einfordern, dass sie mit ihnen nicht wie mit ihren Freunden sprechen." Der Umgangston sollte passen, und Beleidigungen sind tabu, sagt Urban. Wichtig sei, sich nicht davon provoziert zu fühlen, sondern ruhig darauf hinzuweisen oder auch mal nachzufragen: Was meinst du denn damit? Hilfreich kann es sein, allgemeine Regeln zum Umgangston innerhalb der Familie aufzustellen. Das ist auch gut, wenn jüngere Kinder bei den Geschwistern oder auf dem Schulhof etwas aufschnappen und das dann zu Hause ständig wiederholen.

dpa

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